Walter Hempel | Quelle: Walter Hempel, Irrsinnig!?, Berlin 1929, S. 129

Verrückt oder Genie?

Walter Hempel | Quelle: Walter Hempel, Irrsinnig!?, Berlin 1929, S. 129
Walter Hempel, Selbstbildnis mit Pistole, 1928
/ Quelle: Walter Hempel, Irrsinnig!?, Berlin 1929, S. 129 /

Walter Hempel, ein unbekannter Dichter in Friedrichshain.

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Das Barnimviertel gehört zu den gefragten Wohngebieten, zumindest für diejenigen, die sich nicht an DDR-Plattenbauten stören. Unmittelbar am Volkspark Friedrichshain gelegen, ruhig, grün, hell, verkehrsgünstig, bietet es allen Komfort modernen städtischen Wohnens. Dies war nicht immer so.
Der Geheime Rechnungsrat Gottfried Sametzki legte um 1830 auf seinen Ländereien, einem ehemaligen Weingut, mehrere Straßen an. Eine davon wurde Höchste Straße genannt, obwohl die Barnimstraße, die er auch angelegt hatte, noch höher auf dem beginnenden Höhenzug Barnim liegt.
Die im 19. Jahrhundert im Viertel um das Frauengefängnis errichteten Wohnhäuser waren in den 1920er Jahren heruntergekommen. In den dunklen Hinterhöfen, die von der Sonne nie beschienen wurden, lebte die Stadtarmut. Hier hatte sich in der Höchsten Straße 14 der durchaus tüchtige Büroangestellte Walter Hempel mit Frau und zwei Kindern eingerichtet.

 Von den 112 Berliner Wohnungen, die aufgrund ihrer katastrophalen Lage und Ausstattung in den Jahren 1903–19 Kellerwohnung in der Höchsten Straße 18, aus dem Bericht von 1906 (Seite 25).
Von den 112 Berliner Wohnungen, die aufgrund ihrer katastrophalen Lage und Ausstattung in den Jahren 1903–1920 von der Wohnungs-Enquête der Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker dokumentiert wurden, lagen 16 in Friedrichshain, zwei davon in der Höchsten Straße. Hier die Hofsicht zu einer Kellerwohnung in der Höchsten Straße 18, aus dem Bericht von 1906 (Seite 25).

Karriere mit Hindernissen

Hempel war ein außergewöhnlicher Mensch, tags arbeitete er fleißig im Büro eines Anwalts, in seiner Freizeit widmete er sich der Kunst. Er war ein sensibler Beobachter, ein feinsinniger Künstler mit starker Ausdrucksweise und er war – krank. Eine manische Depression machte ihm zu schaffen, erlittene persönliche Schicksalsschläge verstärkten die Krankheit. Aus einem biografisch gehaltenen Brief an seinen ehemaligen Arbeitgeber, einem erfolgreichen Berliner Notar, geht hervor, dass er schon früh Chancen hatte, sein Talent zu entwickeln, sie aber nicht ergreifen konnte. Als Jüngling bekam er ein staatliches Schauspielstudium angeboten, doch der gestrenge Vater lehnte es ab, ebenso ein staatlich subventioniertes Studium an einer Mal-Akademie. Stattdessen sollte der Junge mit seinen guten Zeugnissen Anwaltsgehilfe werden. Er lernte schnell, sein Lehrer war der publizierende Jurist Wilhelm Beushausen, dessen Manuskripte Hempel abschreiben musste. „Ich werde auch einmal Schriftsteller wie Sie!“, rief der junge Mann naseweis, „aber ein anderer als Sie, einer der Verse, Novellen, Romane und Dramen schreibt!“ Und tatsächlich, seine Jugendgedichte wurden von Emil Gustav Gruchol, einem kleinen Wiener Verlag für expressionistische Schriften angenommen. Doch die Inflation fraß den Verlag auf und der Verlagsleiter eröffnete eine Drogerie. Sicher war sicher. Aus war der Traum vom Dichterleben.

Illustration Walter Hempel | Hempel, S. 139
Walter Hempel: „Haus mit Dirne“ Illustration einer seiner Geschichten. Der Büschingplatz mit der St.-Bartholomäus-Kirche im Hintergrund? / Hempel, S. 139 /

Irrsinn als Literatur

Hempel landete in der Psychiatrie in Herzberge und wurde mit Stromstößen behandelt. Ihm gelang es danach dennoch, in einer Kanzlei in der Mauerstraße 53 aufgenommen zu werden. Dass er seinen Klinik-Aufenthalt verschwieg, wurde ihm später zum Vorwurf gemacht. Doch zunächst war er begeistert: Ihm gefiel, wie dynamisch es in der Kanzlei zuging: „Ich dachte an den Sturz alles Alten, Morschen. Dachte an amerikanisches Tempo, amerikanisches Geldverdienen. Ich dachte an einen Betonguss, an einen Wolkenkratzer.“ Er ließ sich mitreißen, wurde ein sehr guter Notargehilfe, der die Grundbücher bald besser lesen konnte, als studierte Anwälte. Lob und eine Gehaltszulage waren der Dank. Die Kollegen hingegen waren neidisch. Hempel hatte nichts für sie übrig: „Querköpfe, Zwerge, Spatzenschädel, armselige Kreaturen, die mich fragten, ob Mulhouse in Pommern liege… Dumm, dick, faul und gefräßig, stolz wie ein Klosett mit Fliesen.“
Wie sich Hempels Hinauswurf aus der Kanzlei genau vollzog, ist unklar. In seinem Schreiben schimpfte er über Ränke, erklärt umständlich seinen Ausraster, eine Über­reaktion gegenüber einer Kollegin und gab zu, schon gegen andere Kollegen handgreiflich geworden zu sein.
Arbeitslos schrieb, zeichnete, dichtete er, dokumentierte seine Auseinandersetzung mit seinem Verrücktsein, fertigte schräge, fast dadaistische Krakeleien an, ein realistisch gezeichnetes Selbstporträt mit Pistole, eine schlafende Trunkene, Gedichte aus dem Irrenhaus, Kurzprosa über verlebte Dirnen in verlausten Kaschemmen und Stundenhotels. Dann, 1929, der Durchbruch: Im Berliner Roderich-Fechner-Verlag erschienen einige seiner Arbeiten unter dem Titel „Irrsinnig!?“ Ein Jahr zuvor kam im selben Verlag der Gedichtband eines unbekannten Morphinisten heraus, des späteren DDR-Kulturministers Johannes R. Bechers. Aber auch George Grosz und Max Herrmann-Neiße publizierten hier.

Verbleib unbekannt

Doch wer kauft Bücher in der Inflationszeit, und dann auch noch solche? Hempel lebte von einer spärlichen Sozialzulage und vom Zuschuss eines Mäzens. Friedrich Hermann Küthe, Bibliothekar aus dem westfälischen Soest, ein großer Fan von Hans Fallada, bat den Schriftsteller 1933, eine Unterstützung anzunehmen. Dieser wies Küthe an den in prekären Verhältnissen lebenden Hempel. Fallada traf sich mit Hempel und beide schrieben Küthe eine Postkarte aus dem Romanischen Café. Küthe versuchte vergebens, weitere Texte Hempels, die Fallada sehr gefallen hatten, in Zeitungen unterzubringen. Fallada selbst nahm Abstand von Hempel, als dieser sich immer mehr in den Größenwahn hineinsteigerte. Auch der Verleger Ernst Rowohlt, der mit Fallada über Hempel sprach, ging auf Distanz: Das Buch würde eine Woche nach Erscheinen verboten werden.
Zehn Jahre später war Walter Hempel im Berliner Adressbuch von 1943 in der Obersten Straße als Büroangestellter gemeldet. Offenbar konnte er wieder in diesem Beruf arbeiten – oder musste es, denn die nationalsozialistische Kulturpolitik erkannte nur Schönes und ehrwürdig Strahlendes als Kunst an. Was aus Hempel und seiner Familie geworden ist, ob sie den Krieg überlebte und ob die von Fallada gelobten Manuskripte noch existieren, wäre ein schönes Thema für eine biographische Forschung. Das Haus in der Obersten Straße 14 wurde im Bombenkrieg zerstört, auf dem Gelände des Hauses steht heute eine in den 1970er Jahren errichtete Kita.

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