Der "antifaschistische Schutzwall" wird schon zu Weihnachten 1963 durchlässig / Quelle: FHXB-Museum /

Mission Alexander

 Der "antifaschistische Schutzwall" , 1963Quelle: FHXB-Museum
Der „antifaschistische Schutzwall“ wird schon zu Weihnachten 1963 durchlässig
/ Quelle: FHXB-Museum /

Friedrichshain per Passierschein.

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Alexander Abusch war ein Kulturpolitiker mit Missionen. Eine wichtige war: er wollte den DDR-Bürgern vermitteln, „daß der gewaltige Strom des Genius von Shakespeare voll einmündet in unsere Kultur des sozialistischen Humanismus.“ Herzlich wenig nutzte Alexander Abusch der Genius von Shakespeare, als ihn „seine“ Partei „zionistischer Umtriebe“ verdächtigte, sogar Erich Mielke ihn im März 1951 zu einer „Aussprache“ vorlud. Vom Mielke als Geheimer Informator (GI Ernst) verpflichtet, denunzierte Abusch fortan etliche Kollegen, darunter Arnold Zweig und Anna Seghers.

Ein Telegramm mit Folgen

Eine andere Mission war sein Telegramm vom Abend des 5. Dezember 1963. Damit Westberliner Ostberlin betreten durften schlug er, als Mitglied des Zentralkomitees der SED, dem Westberliner Senat Verhandlungen für ein Passierscheinabkommen vor. Zeitraum: von Weihnachten bis Silvester 1963/64. Bereits im Oktober 1961 hatte die DDR auf den S-Bahnhöfen Zoo und Westkreuz Schalter für Passierscheine eingerichtet. Diese Initiative löste eine heftige Pressekampagne und Senats-Proteste dagegen aus. Wenig später zeigten die verhaltenen Reaktionen der Alliierten auf Zwischenfälle an der Mauer, dass der Zeitpunkt 1963 günstig für einen Kurs der „Annäherung durch Verständigung“ war, wie es Willy Brandt Ende der 60er Jahre ausgedrückt hatte. Da die DDR einen Vertrag nach internationalem Standard anstrebte, löste das Telegramm von Abusch Aufregung in Bonn und Westberlin aus. Die Logik der Doktrin zur „Nichtanerkennung der DDR“, schloss solche Verhandlungen zunächst aus. Nur sieben Sitzungen genügten, bis der Westberliner Senatsrat Horst Korber und der DDR-Staatssekretär Erich Wendt am 17. Dezember 1963 eine Vereinbarung „zwischen Städten“ unterschrieben.
Eine offizielle „Anerkennung“ wurde damit zwar vermieden, doch war die DDR als Verhandlungspartner akzeptiert. Westberliner, die laut DDR-Verständnis keine BRD-Bürger waren und deshalb vom Besuch Ostberlins ausgeschlossen sein sollten, durften per Sonderstatus ihre Verwandten in der Hauptstadt vom 18. Dezember 1963 bis zum 5. Januar 1964 besuchen. Hunderte Menschen standen in der Nacht zum 18. Dezember 1963 am Übergang der Oberbaumbrücke. Um 4 Uhr morgens eröffnete die Grenzübergangsstelle (GÜST) Oberbaum. Sie war für eine erhebliche Geldsumme aufgebaut worden und blieb bis zur Wende eine der wichtigsten. Bundes- wie Regionalpolitiker ließen sich hier für Fotos gerne sehen.
Soweit möglich, war die Grenze ins Umland von Volkspolizisten in Zivil abgesichert. Überall aus der DDR wurden Freiwillige Helfer der Grenztruppen, der Volkspolizei und der Transportpolizei nach Berlin abkommandiert. Betriebskampfgruppen in Zivil standen, unterstützt von „zuverlässigen Mitarbeitern“ des MfS auf dem S-Bahnhof Warschauer Straße und Ostbahnhof. Wegen der Passierscheinaktion fehlten überall Arbeitskräfte, etwa um Kartoffeln auszuliefern. Während den Rentnern die Kohlenvorräte ausgingen, verhinderte der Personalmangel die Verteilung von Kohlenbezugsscheinen. Konflikte traten im Glaswerk auf: „Ein Genosse stellt die Frage, ob die Befestigung unserer Staatsgrenze nicht ein Hindernis für die Verständigung zwischen den Werktätigen in beiden Teilen Berlins ist“. Die Parteileitung mahnte daraufhin: „Nicht allen Genossen ist völlig klar, daß sie mit jeder operativen Handlung, die im Zusammenhang mit den Westberliner Besuchern steht, unmittelbar Außenpolitik machen“.

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