Der "antifaschistische Schutzwall" wird schon zu Weihnachten 1963 durchlässig / Quelle: FHXB-Museum /

Mission Alexander

Geschenke für „drüben“ | Quelle: FHXB-Museum
Geschenke für „drüben“ brachten den Kreuzberger Läden einen guten Gewinn. / Quelle: FHXB-Museum /

Wurst und Tabletten

Angesichts der vollen Schaufenster und dem reichen Lebensmittelangebot entlang der Karl-Marx-Allee waren die Westberliner erstaunt, „daß Bürger der DDR bei vollen Schaufenstern Briefe nach Westberlin senden und um Pakete betteln. Er selbst kann sich nicht so viel Fleisch und Butter leisten, wie die Bürger der DDR“, sagte einer der Besucher einem Journalisten des ND. Doch in Köpenick hätte er sehen können, dass nirgends Weihnachtsgänse aufzutreiben waren. Damit so etwas nicht allzu publik wurde, hatten leitende Offiziere des MfS im Stab des Präsidenten der Volkspolizei Berlin die Aufgabe „Handlungen des Gegners rechtzeitig zu erkennen und Provokationen sowie Feindtätigkeit nicht zuzulassen“. Auf Grund dieser „Aufklärungshandlungen“ kam heraus: die Westberliner gingen in Friedrichshain nicht in die Kneipen, sondern „in die Wohnungen der Verwandten“. Diese Verwandten nutzten die temporär gute Versorgungslage in der Karl-Marx-Allee für „größere Einkäufe besonders an Fleisch- und Wurstwaren“. Westberliner kauften dagegen Spalttabletten. So viele, dass die Apotheke am Ostbahnhof bereits am ersten Tag des Abkommens ausverkauft war. Für Westberliner war die Ostberliner Stadtgrenze ein Tabu. Familien aus den DDR-Bezirken trafen ihre Westberliner Freunde im Tierpark. Offiziell, als Teil der Vereinbarung, waren in den in Westberlin arbeitenden Antragsbüros Ostberliner Postbeamte beschäftigt. In Wirklichkeit saßen hier Volkspolizisten. „Genossen aus Potsdam, die um den „Wimpel Berliner Bär“ kämpften, waren erstaunt darüber, daß sofort sehr hohe Arbeitsleistungen von ihnen verlangt wurden“, berichtete ein Kommandeur. Kollegen des Leutnant der VP, Pasche, führten ihren Kampf mit Kosenamen: denn auf den Anträgen stand statt Klara Klärchen, oder Mini statt Amalie. Leutnant Pasche klagte: „Wegen fehlender Voraussetzungen konnten von den 35 als Schreibkräfte kommandierten Genossen 17 nicht eingesetzt werden“. Nach Büroschluss gingen die Antragsformulare zur „Abstimmung“ an Verbindungsoffiziere des MfS.
Weitere Passierscheinverhandlungen gestalteten sich schwierig, kamen aber dennoch zum Abschluss. Bis 1966/67 erkundeten die Verhandlungspartner ihre jeweiligen innen- wie außenpolitischen Spielräume und stießen dabei an Grenzen. Ein gemeinsamer Verhandlungstext ließ sich nicht mehr aushandeln. Erst mit dem Viermächte-Berlin Abkommen von 1971 gelang der Sowjetunion die De-facto-Anerkennung der DDR im Westen und sie respektierte die enge Bindung West-Berlins an die BRD. Damit war die „Hauptstadt der DDR“ für Westberliner offen.

 

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