Die Böschung war eine Gefahr für Kinder | Foto: BstU-Archiv

Achtet auf eure Kinder!

Beliebt bei Kindern: das ehemalige Gröbenufer | Bild: BstU-Archiv

Das ehemalige Gröbenufer war bei Kindern wegen eines nahen Spielplatzes sehr beliebt. / Bild: BstU-Archiv /

Ermittlungen

Die Kriminalpolizei leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Weder gegen die Feuerwehr, die es unterlassen hatte, den Hinweisen des Jungen nachzugehen, noch gegen den Bezirk, der die abschüssige Böschung nicht ausreichend gesichert hatte, wie es an den Flussläufen im Westberliner Stadtgebiet üblich war. Auch nicht gegen die Mutter oder die Eltern der anderen Kinder wegen vernachlässigter Aufsicht wurde ermittelt. Nein, die Ermittlungen richteten sich gegen „die Grepos der Ostzone“. Das Gewässer war die Spree, die Böschung Teil des Kreuzberger Gröben­ufers (heute May-Ayim-Ufer). Die Spree an der Oberbaumbrücke ist bis zum Kreuzberger Ufer seit April 1938 ein Teil von Friedrichshain und wurde 1949 zur Grenze zwischen politischen Systemen. Die Spree war damit Ostberliner Gebiet. Westberlin durfte nur von Ostberlin und nicht von Brandenburg aus betreten werden. Für Ostberlins weiße Flotte kamen Westberliner Anlegestellen nicht infrage. Wollten Fahrgäste den Dampfer zum Westberliner Ufer hin dennoch verlassen, ging das nur am Gröbenufer. Doch war „Aussteigen am Gröbenufer“ seit dem 13. August 1961 ein lebensgefährliches Abenteuer. So für Anton Walzer. Wegen seiner Familie verließ er die DDR, kam aber vor dem Mauerbau zurück und musste als „Rückkehrer“ viele Schikanen erleiden. Am 8. Oktober 1962 versuchte er „rüber zu schwimmen“. Von der Oberbaumbrücke und einem NVA-Boot aus wurde auf ihn geschossen. Projektile schlugen am Gröbenufer ein. Wegen Gefährdung durften Westberliner Polizisten das Feuer auf die Grenztruppe eröffnen. Ungerührt schwamm Walzer weiter, bis ihn ein Schuss vom Grenzboot in den Kopf traf. Im Fall vom Andreas Senk allerdings wurden die Bergungsarbeiten der Westberliner Feuerwehrleute, die mit Stangen nach dem toten Jungen im Wasser und damit auf DDR Territorium suchte, nicht behindert. Sie standen jedoch unter der Beobachtung von Grenzsoldaten, die den Unfall nicht als „Grenzverletzung“ registrierten.

Borderline

Die Spree am Gröbenufer war für die Sowjetunion die Staatsgrenze der DDR und Grenze zum Westblock. Für amerikanische Militärs waren Vorgänge ohne militärischen Hintergrund deutsche Angelegenheiten. William Bodde jr., Verbindungsoffizier beim Senat, sagte dazu: „Die Mauer ist ja keine Grenze für uns und Berlin-West“. Der Westberliner Senat sah zwischen Bezirken nur eine Grenze, die, nach Worten von Bürgermeister Klaus Schütz, „nicht durch Zäune, Abgrenzungen oder ähnliches“ markiert werden sollte. Nach Andreas Senk wurden noch vier weitere Jungen Opfer dieser Doktrin. Alle hatten ohne Elternaufsicht am Gröbenufer gespielt und waren im etwa ähnlichen Alter. Zur Straße und zum Wasser war die Böschung von einem niedrigen Geländer gesäumt. Ein Maschendraht zwischen den Streben fehlte. Die einzige Ufersicherung war ein kleines Warnschild mit einem Rettungsring.

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