Schlangestehen für Lebensmittel, 1926 | Quelle: Der Arbeiterfotograf, 1926

Saatkrähen weichgekocht

Schlangestehen für Lebensmittel, 1926 | Quelle: Der Arbeiterfotograf, 1926
Nach den zermürbenden Stunden in der Fabrik standen die Menschen vier bis fünf Stunden für Lebensmittel an. / Quelle: Der Arbeiterfotograf, 1926 /

Friedrichshain 1917.

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Markthändler Haase aus Marzahn stand am 28. Juni 1917 in der Gabriel-Max-Straße. Er wollte Salatköpfe vom Wagen aus verkaufen, für 25 Pfennig das Stück. Zu teuer für die etwa 300 Frauen am Wagen. Sie, die in Zwölfstunden-Schichten bei der Knorrbremse arbeiteten, die, weil die Männer im Krieg waren, auf sich gestellt Kinder zu versorgen hatten. Frauen wurden mit 1,50 Mark pro Tag abgespeist, Männer mit 4 Mark am Tag entlohnt. Die empörten Frauen hatten genug und kippten den Lieferwagen um. Salatköpfe rollten auf die Straße. Jede nahm, was sie bekommen konnte.
Haase sprang aufs Pferd und ritt im Galopp davon. Ebenfalls zur damaligen Berliner Normalität gehörten die Kochtipps für ein bürgerliches Publikum, das für graue Nebel- und schwarze Saatkrähen bis zu 2,90 Mark zahlen konnte. Dieses Geflügel sollte in Butter angebräunt, mit Suppengrün, Zwiebeln und einem ¼ Liter Weißwein abgeschmeckt weich gekocht werden. Das bürgerliche Publikum hatte seine Probleme mit „Polonäsen“. Pelzhändler Lange beschwerte sich am 17. Juli 1916 bei der Polizei: „Kunden hätten ihn angerufen“, weil sie, um in seine Verkaufsräume zu gelangen, „sich nicht durch die Masse drängen wollten“, wie hunderte junger Frauen in langer Reihe vor dem Laden Wuthe in der Großen Frankfurter Straße 75. Um ihren brennenden Hunger zu betäuben, wollten sie dort Kekse und Marmelade kaufen. Obst gab es nur in den Luxusrestaurants, 3 Mark für den Apfel.

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