Hanno Hochmuth "Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin"

Kiezvergnügen

Hanno Hochmuth "Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin"
Hanno Hochmuth ist Autor des Buches „Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin“, das 2017 im Wallstein Verlag erschienen ist. Am 20. Februar um 18.30 Uhr liest der Autor im Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72 aus seinem Buch.

Die Funktionen der Kneipen

Angesichts der besonders beengten Wohnverhältnisse im Berliner Osten dienten die Kneipen als „erweitertes Wohnzimmer“. Dabei standen die Kneipen vor allem den männlichen Bewohnern als Refugium zur Verfügung, wie die Untersuchungen der SAG zeigen. So bildeten erwachsene Männer den weitaus größten Anteil der Besucher, die die Studenten bei ihrer abendlichen Erhebung in den Kneipen der Fruchtstraße antrafen. Erwachsene Frauen machten dagegen nur 18 Prozent aus. Sie mussten neben ihrer Arbeit auch noch den Haushalt und die Kinder versorgen, während die Männer die Kneipen besuchten, um der häuslichen Enge in den kleinen Stube-und-Küche-Wohnungen zu entfliehen.
Die Kneipen der Fruchtstraße dienten zudem als Anlaufstation für die zahlreichen Migranten, die sich im Stralauer Viertel niederließen oder auf der Durchreise nach Amerika waren. In den Kneipen warteten auf die Reisenden häufig Nepper, Kofferschlepper und Bauernfänger. Zahllose Kleinkriminelle bevölkerten die Lokale des Stralauer Viertels, die zugleich als Zentrum der Prostitution als auch der berüchtigten Ringvereine galten. In der politisierten Atmosphäre der Weimarer Republik waren die Kneipen nicht zuletzt wichtige politische Versammlungsorte. Das galt vor allem für die Arbeiterbewegung, die sich seit der Zeit des Sozialistengesetzes in Gasthäusern organisierte, aber auch für das rechte politischen Spektrum.
Die Kneipen des Stralauer Viertels waren also multifunktionale Etablissements. Dabei stand eine Funktion stets im Mittelpunkt: Unabhängig von ihrer sozialen und politischen Prägung waren sie vor allem Orte des Vergnügens.

Mehr als Kneipen

Wie aus den Kneipenstudien der SAG hervorgeht, dienten sie dem Rausch, der Lustbefriedigung und der Realitätsflucht. Die große Kneipendichte trug mit dazu bei, dass an diesem Vergnügen fast jeder teilhaben konnte. Die Kneipen boten den schnellsten und einfachsten Weg, sich ein wenig zu amüsieren. Damit bildeten sie die Basis des Kiezvergnügens im alten Berliner Osten.
Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und den anschließenden Flächensanierungen findet sich in der Straße der Pariser Kommune keine einzige Kneipe mehr. Doch vor knapp hundert Jahren gab es in der alten Fruchtstraße noch mehr Kneipen als heute in der Simon-Dach-Straße.

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