Wohnidylle in der Palisadenstraße / Foto: Detlef Krenz

Unsichtbare Grenze

Friedrich-Wilhelm-Hospitals 1891 Erweiterungsbau/ Quelle: Geschäftsbericht F-W-Hospital 1891
Erweiterungsbau des Friedrich-Wilhelms-Hospitals 1891
/ Quelle: Geschäftsbericht F-W-Hospital 1891 /

Fürsorge

Schick war die Palisadenstraße nicht. Noch am damaligen Stadtrand gelegen schien sie geeignet „Randständige“ aufzunehmen, die vom frühen Berliner Industrieboom angezogen wurden, oft scheiterten, Trost in Alkohol oder Sex suchten, an Geschlechtskrankheiten oder Tuberkulose litten. Um die Not zu lindern, ließ die Stadt zwischen 1845 bis 1848 an der damaligen Palisadenstraße 37 ein vom Stadtbaurat Wilhelm Kreyher entworfenes Hospital bauen. Ab dem 1. April 1889 stand das dreistöckige Gebäude als Friedrich-Wilhelms-Hospital unter Leitung des Curatoriums des Stadtrats Kunz, neben dem Stadtverordneten Dr. Kristeller.
Gleichzeitig wurde die Männer-Siechen-Anstalt an der Stralauerstraße 58 geschlossen und eine neue Siechen-Anstalt für „unheilbare Obdachlose“ an der Prenzlauer Allee eröffnet. Auch diese wurde vom „Curatorium“ verwaltet, das aus zwei Stadträten, acht Stadtverordneten und zwei Bürgerdeputierten bestand. 1890 befanden sich 613 Personen im Hospital an der Palisadenstraße, überwiegend Witwen im Alter von über 60 Jahren. Der Speiseplan sah mittags Rindfleisch mit Graupen oder Brühkartoffeln vor. Anderenfalls mit Linsen. Oder es gab Reis mit Kartoffeln. Selten war Pökelfleisch mit Erbsen oder Speck mit frischem Obst und Klößen. Höhepunkte waren Schweinebraten mit Milchreis oder Bratwurst mit Weißbiersuppe und Grieß, falls nicht Braunbiersuppe mit Brot gegeben wurde.
Der Möbelbestand im Hause nährte sich aus Nachlässen oder aus dem Besitz von verstorbenen Almosenempfängern. Überschüsse gingen in den Verkauf. 1891 wurden 2.064.150 Mark erzielt. Einiges davon ging in den Verleih an Arme, so 114 große Bettstücke gegen eine Gesamtgebühr von 1.368 Mark. Finanziell wurde das Hospital wie die Siechen-Anstalt von der Stadt und von Stiftungen getragen, so von der Steinwehr’schen Stiftung, die 1893 laut Geschäftsbericht 149.542 Mark zusteuerte. Bankiers gaben auch, wie beispielsweise ein Herr Fränkel, der 4.680 Mark für die besonderen Bedürfnisse der Hospitaliten spendete. Eine Frau Lange-Ganus spendete 72 Mark für 36 Hospitaliten. Zu Weihnachten gab die Mett’sche Stiftung 582 Mark, die, wie es hieß, „gleichmäßig verteilt“ werden sollten. Das Hospital litt jedoch an Überfüllung und deren Folgen, wie Selbstmorden oder grassierenden Influenza-Epidemien. Im zweiten Weltkrieg fielen die Gebäude in Trümmer. Wenig hatte sich bis dahin verändert. Die Palisadenstraße war ein Elendsviertel mit lichtarmen Höfen und halb verfaulten Stufen in stinkenden Treppenhäusern.

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