„Wenn es nach der Industrie ginge, dann würden wir alle kaputten Schuhe wegwerfen.“

John O’Hara in seiner Schumacherwerkstatt |Foto: Giovanni Lo Curto
Auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnlich – die Schumacherwerkstatt von John O’Hara. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Der Schuhmacher John O’Hara.

In der Straße, in der ich aufwuchs, hatte ein alter Schuster sein Geschäft. Zu ihm ging ich immer gern hin. Es roch nach Leim und der Ladentisch bestand aus abgegriffenem, rohem Holz, ebenso die Regale, in denen die reparierten Schuhe auf ihre Besitzer warteten. Wie kann man heutzutage in unserer Mister-Minit-Dienstleistungswelt noch solche Erfahrungen vermitteln? Ganz einfach: Man begebe sich in die Schuhmacherei von John O’Hara in der Lebuser Straße 13.

Eine Werkstatt mit Seltenheitswert

Es war gar nicht so einfach, einen Termin zu erwischen, aber das Warten hat sich gelohnt. Ich sitze John O’Hara gegenüber in der Reparaturwerkstatt auf einem runden Schemel, schnuppere den aus der Kindheit vertrauten Geruch des Schuhmacherleims und schaue mich in der Werkstatt um. An Lederschlaufen hängt wohl sortiert dicht an dicht das Werkzeug an Haken in Holzbrettern. An den Wänden hängen Bilder, alte Stahlstiche von Maschinen, von Fußknochen und halb gefertigten Schuhen. John O’Hara, ein schlanker, mittelgroßer Mann, aschblondes Haar mit grauen Spitzen, sitzt mir gegenüber, ebenfalls auf einem Schemel. Über Pullover und Jeans trägt er eine lange grüne Schürze.
Seit 1998 führt John O’Hara diesen Laden, das sind jetzt neunzehn Jahre. Dieser Beruf war ihm nicht in die Wiege gelegt. „Mein Vater ist Ire. Ich bin in England zur Welt gekommen und lebte bis zu meinem achten Lebensjahr dort“, berichtet er. Nach der Mittleren Reife war er noch einmal für ein Jahr in England und lernte dann in Deutschland den Beruf eines Gastronomiefacharbeiters, wurde also Kellner. Auf dem zweiten Bildungsweg legte er sein Abitur ab. „Ich wollte damals noch die Welt retten, in den Umweltschutz gehen und etwas bei Greenpeace oder Robin Wood machen.“ Er begann in Heidelberg Geographie zu studieren. Allerdings wurde ihm klar, dass er sein Ziel nur mit wirklich hervorragenden Noten erreichen konnte. „Kurz vor dem Vordiplom dachte mir dann: um Taxi zu fahren, brauche ich eigentlich kein Diplom.“ In der Tat ist nur ein einziger seiner damaligen Kommilitonen bei der Geographie geblieben. 1991 ging John nach Berlin und lebte dort von Studentenjobs. „Das ging eigentlich ganz gut“, bemerkt er dazu, „aber als ich dann einmal einen 42 Jahre alten Mann traf, der im 42. Semester studierte, begann ich über die Perspektive Langzeitstudent ernsthaft nachzudenken.“ Er beschloss, sich umschulen zu lassen.

Schuhmacher John O'Hara bei der Arbeit | Foto: Giovanni Lo Curto
Auch wenn die Maschine inzwischen viele Arbeiten abnimmt. Das Schuhmacherhandwerk ist überwiegend Handarbeit. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Verwirklichung mit Umwegen

Warum gerade Schuhmacher? „Ich hatte immer schon ein Faible für das Handwerk. Das ist was Solides. Und Schuhe reparieren, ist ja auch so etwas wie Recycling. Wenn es nach der Industrie ginge, dann würden wir alle kaputten Schuhe wegwerfen.“
Wenn man so will, dann ist John O’Hara schließlich doch beim Umweltschutz gelandet.
„Es ist auch eine Kunst“, fügt John an. „Man denke an den Designer Salvatore Ferragamo, der in Neapel als Schuhmacher angefangen hat und für berühmte Schauspieler­innen Schuhe herstellte.“
Wie er zu seinem Laden in der Lebuser kam, ist eine einfache Geschichte. „Der Schuhmacher, der hier in diesem Laden residierte, wollte bald in Rente gehen und nahm mich als Auszubildender auf. Ich sollte dann den Laden übernehmen. Das war der Deal.“
Weil John bereits einen Beruf hatte, wurde die Umschulung von Arbeitsamt gefördert. Im Gegensatz zur normalen Dauer der Berufsausbildung brauchte er keine drei, sondern nur zwei Jahre die Schulbank zu drücken. „Die Berufsschule war für mich ein Klacks“, erklärt er. „Aber ein Paar Schuhe selbst von Hand herzustellen und das der Prüfungskommission vorzulegen – da hatte ich Respekt.“

Die Schumacherwerkstatt von John O'Hara | Foto: Giovanni Lo Curto
Gepflegtes und gut sortiertes Werkzeug bilden die Grundlage jedes Handwerks. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Qualität steht über allem

Während er spricht, holt er ein paar schwarze Herrenschuhe aus dem Regal und zeigt sie mir. „Ein guter Schuh ist rahmen­vernäht.“ Das bedeutet, dass ein schmaler Leder­rahmen mit der Laufsohle vernäht wird, der das Eindringen von Feuchtigkeit in den Schuh verhindert. Die Innensohle, im Fachjargon Brandsohle genannt, ist das Fundament des Schuhs. Die sollte aus Leder sein und nicht wie jetzt so häufig aus Pappe. Auch Spitze und Hacken des Schuhs müssen verstärkt sein. „Nur dann gibt der Schuh auch Halt. Die Sohle sollte entweder aus Leder oder aus echtem Gummi bestehen.“ Er dreht die Schuhe um. Auf den Sohlen erkenne ich den Schriftzug eines deutschen Reifenherstellers. „Das ist die A-Klasse der Reifen­hersteller und das ist auch die A-Klasse der Sohlen­produzenten. Die baue ich hier ein.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Wir müssen wieder zurück zu einer guten Qualität kommen.“
In den letzten 20 Jahren hat sich die Qualität der produzierten Schuhe erheblich verschlechtert. „Wir bekommen jetzt Materialien auf Erdölbasis, bei denen der Schuh­macher­leim nicht hält. Früher waren die Produkte Made in Germany oder Made in Europe. Wer heute neue Schuhe für dreißig Euro ersteht, bekommt keine Qualität und kauft womöglich sogar Kinderarbeit.“
Es gibt aber auch einen ganz anderen Grund, qualitätsvolles Schuhwerk zu tragen.

Es gibt Vieles zu entdecken in der Schuhmacherwerkstatt von John O'Hara| Foto: Giovanni Lo Curto
Detail aus dem Ladenraum: Die Tanzschuhe stammen aus einem Theaterfundus. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Stützen für das ganze Leben

„Von allen Körperteilen müssen unsere Füße das meiste aushalten. Die Füße tragen das Gesamtgewicht des Körpers – ein Leben lang. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Körperhaltung. Und wenn ich sehe, dass große Männer mit vielleicht 90 Kilogramm auf Schwämmchen laufen …“
Nach einem kurzen Schweigen fügt er hinzu: „Dann landen die beim orthopädischen Schuhmacher. Und was es da für schicke Modelle gibt, das weiß man ja.“
Als John O’Hara mit der Ausbildung fertig war, dauerte es noch einmal ein halbes Jahr, bis er das Geschäft des alten Schuhmachers kreditfinanziert übernehmen konnte. „Für die Meisterausbildung fehlte mir das Geld. Aber ich finde, es kommt auf die Qualität und das Material an und nicht auf den Meisterbrief.“
Hat das Handwerk goldenen Boden? John schaut skeptisch. „Man lebt eher von der Hand in den Mund“, antwortet er und zählt auf, welche Fixkosten mit einberechnet werden müssen: Ladenmiete, Material, Werkzeug, Strom und Wasser, Pflichtbeiträge, Steuer. „Wir sind eine Auto-Gesellschaft“, sagt er. „Für das Auswechseln einer Auto-Glühlampe zahlen die Leute in einer Werkstatt ohne zu Murren locker mal 50 Euro. Wenn ich ein Paar Absätze ersetze, was mich 20 Minuten kostet, und ich verlange 12 Euro dafür, regen sich manche darüber auf.“ Um sein Argument zu bekräftigen, fügt er hinzu: „Ein Auto muss man nicht unbedingt haben. Aber Schuhe braucht man immer!“

Leisten in der Schumacherwerkstatt von John O'Hara | Foto: Giovanni Lo Curto
Eine Auswahl der berühmten Leisten, bei denen der Schuster bleiben soll. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Kundenpflege

Es gibt aber auch Kunden, die Qualität schätzen und bereit sind, dafür mehr zu bezahlen. „Manchmal bekomme ich sogar Pralinen oder ein Piccolöchen.“ Dabei lacht er, und fügt an: „Ich kann nur durch Qualität überzeugen.“ John erklärt mir, was Handwerk in seiner Branche bedeutet: „Ich werde mitunter gefragt, ob ich Schuhe auch selbst herstelle.“ Damit beginnt er aufzuzählen, was dafür nötig ist: „An vier Stellen muss man Maß nehmen, den Leisten besorgen und auch bearbeiten. Jedes Paar Füße ist unterschiedlich, abgesehen von links und rechts.“ Zusammen mit dem Material und den etwa 100 Arbeitsstunden ist man dann schnell bei 1.500 bis 2.000 Euro aufwärts.
„Aber diese Schuhe fühlen sich sofort so an, als hätte man sie schon immer getragen. Und wenn man sie pflegt und immer rechtzeitig zum Schuhmacher bringt, kann man sie durchaus zwanzig Jahre tragen.“
Ein junger Mann betritt das Geschäft um seine Schuhe abzuholen – ein Paar robuste Doc Martens. „Noch ein Tipp“, gibt ihm John auf den Weg: „Ab und zu mal etwas Schuhcreme aufs Leder. Ich weiß, ich habe das früher auch nicht so ernst genommen. Aber wenn das Leder trocken wird, fängt es an zu reißen. Das wäre schade um den guten Schuh.“
Als er wieder zurückkommt, erklärt er: „Das ist das Schöne am eigenen Laden. Ich kann auch mal einen Schwatz halten und niemand drängt mich zur Arbeit.“
Seine Kunden kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft: „Da ist der Hartz-Vierer genauso dabei wie die feine Dame und der Uni-Professor. Die Aufträge reichen vom robusten Bergstiefel bis zum Stöckelschuh. Ich sage immer: Zeig mir deine Schuhe und ich sage dir, wer du bist. Es kommen Afrikaner, Franzosen, Engländer, Amerikaner, dann mal eine alte Oma, für die man ein bisschen Geduld mitbringen muss.“ Ärgerlich ist es, wenn Kunden ihre Schuhe reparieren lassen und dann nicht abholen. „Das sind Außenstände von einigen hundert Euro im Jahr.“ Aus diesem Grund repariert er nur noch gegen Vorkasse. „Nur bei meinen Stammkunden mache ich eine Ausnahme. Da klebe ich dann auch mal so etwas fix an.“

Nicht nur Handwerker

„Ich bin mein eigener Herr“, resümiert der Schuhmacher noch einmal, „und ich kann die Musik hören, die mir gefällt.“ Da stellt sich heraus, dass John auch ein passionierter, in der Geschichte des Rock’n Roll gut bewanderter Musikliebhaber ist, der sogar eine Menge Bands und Künstler kennt, die es nie in die Charts geschafft haben. „Die Menschheit hat in ihrer Entwicklung so großartige Personen wie Beethoven oder Picasso hervorgebracht. Aber dennoch fällt sie immer wieder Jahrhunderte zurück ins Zeitalter der Despoten.“
Es fällt schwer, darauf zu antworten. Aber ich glaube, dass man auch mit einem guten Werkstück die Welt besser macht. In diesem Sinne ist John O’Hara ein echter Weltverbesserer, wie es sie in Friedrichshain viel öfter geben sollte.

 

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