Leiterein der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain Sonja Klotz | Foto: Giovanni Lo Curto

„Wertevermittlung habe ich oft vermisst“

Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain | Foto: Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Seltene Konfliktfälle

Noch mehr staune ich aber über die Antwort auf meine Frage, ob es nicht doch manchmal Konflikte zwischen den Kindern gibt. „Dafür haben wir Streitschlichter.“ Sonja Klotz erklärt mir, dass einzelne Kinder darin geschult werden, wie man auf Streite reagieren und Konflikte lösen kann. Mithilfe von Kärtchen, auf denen wütende, traurige oder bedrückt erscheinende Figuren zu sehen sind, können die Streithähne ihre Emotionen beschreiben. Über weitere Frage- und Antwortmuster kann ein Ausweg aus der Konfliktsituation gesucht werden. Den Kindern wird dies in Kursen von einer professionellen Streitschlichterin beigebracht. Ich ertappe mich bei dem Wunschgedanken: ‚Könnte man doch alle Menschen mit so einem Instrumentarium ausstatten!‘ Natürlich setzt es auch den Willen voraus, einen Streit beizulegen. Was werden das für Menschen sein, die als Kinder schon Praktiken üben, die viele in meiner Genration erst im Erwachsenenalter und viele auch nie kennenlernten?
Die Schulleiterin bringt mich aus den Gedanken zurück. „Die Schüler sind eher enttäuscht, dass es keine Konflikte gibt“, sagt sie. „Sie sind stolz auf ihr Wissen und möchten es anwenden.“ Einmal haben sie bei einer Schulveranstaltung ihre Eltern verblüfft, als sie einen Streit zu spielen anfingen, den die Eltern für bare Münze nahmen. Die schauten ganz betreten, bis die Kinder aufsprangen und riefen: ‚Geht doch zu den Streitschlichtern!‘
Doch es hat wirklich schon einen Konflikt unter den Eltern gegeben. Es war nicht einfach, eine Mediation mit hundert Leuten abzuhalten. „Aber das wollten wir auch. Wir wollen anders als die klassische Schule sein“, betont noch einmal Frau Klotz. „Authentisch. Das sehe ich als meine Aufgabe als Schulleiterin an, dass ich den Freiraum offenhalte und alle, Lehrer, Erzieher, Eltern und Kinder dazu motiviere, etwas Neues zu probieren und nicht einfach Befehlsempfänger zu sein. Ich muss auch nicht immer funktionieren, sondern darf auch mal sagen: ‚Ich kann jetzt nicht!’“ Das ist kaum vorstellbar bei einer so energiegeladenen Frau wie Sonja Klotz. Woher sie die Kraft nimmt? „Die Familie!“, sagt sie. „Meine drei Kinder und mein Mann.“

Eine andere Schule ist möglich

Die Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain erfreut sich einer großen Nachfrage, nicht nur, weil es an Schulen mangelt. „Auf einen freien Platz kommen bei uns fünf Bewerber. Wir möchten den sozialen Querschnitt des Bezirks einhalten, schauen aber auch, ob die Kinder zu uns passen.“ Das sind Kinder, denen die Schule mit ihrem familiären Anspruch eine besondere Stütze sein kann oder die offen sind und suchen. „Wenn die Eltern jetzt schon wissen, dass ihr Kind Anwalt wird, sind wir natürlich nicht das Richtige.“ Würden sich andere Schulen ein Beispiel am Umgang miteinander in der Evangelischen Schule Friedrichshain nehmen, dann wären sie vielleicht auch attraktiver.
Als ich das Gebäude verlasse, kommt mir der Song „School’s out!“ von Alice Cooper in Erinnerung, der Anfang der 1980er Jahre immer zum Ferienanfang im RIAS-Jugendradio lief: „Schule aus für immer! Nie wieder Stifte, nie wieder Bücher, nie wieder die miesen Blicke der Lehrer!“ Dieser Song passt auf die Schulerfahrungen meiner Generation und sicher auch auf die meiner Kinder – mit Ausnahmen. Ich glaube nicht, dass es eine Sache der Konfession ist, Schüler und Eltern als Partner anzusehen, sondern eine Frage der Ausstattung und des Willens. Mehr Lehrer, mehr Zeit, mehr Empathie, und vor allem mehr solcher Pädagoginnen wie Sonja Klotz.

 

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