Leiterein der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain Sonja Klotz | Foto: Giovanni Lo Curto

„Wertevermittlung habe ich oft vermisst“

Leiterein der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain Sonja Klotz | Foto: Giovanni Lo Curto
Schon als Schülerin half Sonja Klotz anderen Mitschülern in Mathematik und im Lesen. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain, Sonja Klotz.

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Schule wird oft als eine Zeit wahrgenommen, die kommt und geht. Noch bevor man erwachsen ist, verlässt man sie und man ist gewöhnlich froh, keine Gedanken mehr an sie verschwenden zu müssen. Erst wenn die eigenen Kinder ins Schulalter kommen, erhält dieses Institut erneut Bedeutung. Und auch diese Zeit geht vorbei.
In einer Stadt, in der es hunderte von Schulen gibt, noch eine weitere Schule zu gründen, ist schon etwas Besonderes. Bedarf es wirklich so einer Mühe, wo doch Schulbesuche mehr oder weniger gut geregelt sind? Ich bin mit Sonja Klotz verabredet, der Leiterin der 2011 gegründeten Evangelischen Schule Berlin Friedrichshain. Mir öffnet eine lebendige Frau mit langem, rotblond gelocktem Haar. Sie gehört zu den Menschen, mit denen man sich sofort vorstellen kann gut zusammenzuarbeiten.

Die Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain am Petersburger Platz | Foto: Giovanni Lo Curto
Mit wenigen Handgriffen entsteht aus drei Klassenräumen eine großzügige Raumflucht. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Eine gewachsene Schule – zusammen mit den Kindern

Wie kommt man auf die Idee, eine Schule zu gründen? „Dieser Prozess setzte schon vor meiner Zeit ein“, erläutert Frau Klotz. Die Pfingstgemeinde am Petersburger Platz hatte freie Räume. Das riesige Gemeindehaus auf dem Hof hinter der Kirche stand zur Disposition. Ein Elternverein formierte sich, so entstand zunächst in Trägerschaft der Evangelischen Schulstiftung in der EKBO eine genehmigte Ersatzschule, wie es im bürokratischen Jargon heißt. 2017 wurde die Schule komplett staatlich anerkannt. Ihr standen 2011 zwei Räume für 24 Kinder und ein Büro zur Verfügung. Im Gemeindesaal im Parterre fanden Gottesdienste statt. Von Beginn an stand die Frage im Raum: Wie können wir hier Schule machen? Gerade beim Ausbau der weiteren Räume gelang es Sonja Klotz, aktiv mitzugestalten. In der zweiten Etage befanden sich früher Veranstaltungsräume mit knarzendem Parkett. „Die Architekten wollten das raus werfen, weil ein anderer Fußboden pflegeleichter wäre. Da habe ich widersprochen.“ Außerdem wollten sie die alten Holzschiebetüren zwischen den Räumen schließen, damit die Klassen sich nicht gegenseitig störten. „Ich habe sie aber drin gelassen. Man kann die Klassen so organisieren, dass Mathematik und Theater nicht unmittelbar nebeneinander liegen.“ Mit wenigen Handgriffen entsteht nun aus den einzelnen Schulräumen eine lange, großzügige Raumflucht. „Auch pädagogisch kann man das sehr gut nutzen“, ergänzt Frau Klotz, als wir einen Rundgang durch die Schule machen.

Die junge Sonja beim Fasching 1981 | Foto: privat
Manchmal ein bisschen Clown sein, das wünschen sich viele Erwachsene. Die junge Sonja beim Fasching 1981 / Foto: privat /

Auch Lehrer suchen nach dem Richtigen

Auf meine Frage, warum sie Lehrerin geworden ist, antwortet Frau Klotz prompt: „Ich wusste schon in der Grundschule, dass ich Lehrerin für Mathematik werden würde“, und fügt lachend hinzu: „Eine langweilige Biografie.“ In Frohnau aufgewachsen, hatte sie eine Lehrerin, die ihr Talent entdeckte und förderte. Schon damals half Sonja Klotz anderen Schülern in Mathematik und im Lesen. Mathe fiel ihr immer sehr leicht. Selbst wenn sie es heute noch Bekannten erzählt, erntet sie mitunter Bewunderung: „Mathe, das ist doch so kompliziert!“, gibt sie deren Meinung wieder, und fügt hinzu: „Dabei kann ich nicht singen, nicht Klavier spielen und könnte auch keine Anwältin werden.“
Nach der Schule studierte sie Mathematik auf Lehramt an der Humboldt-Universität und machte das Erste und Zweite Staatsexamen. Bis zu ihrer Bewerbung bei der neuen Schule war sie an der Evangelischen Schule in Pankow Lehrerin. Dort war sie aktiv, aber die Gestaltungsmöglichkeiten reichten ihr nicht. Als sie hörte, dass sich hier eine Schule in Gründung mit dem künstlerischen Schwerpunkt Theater befand, hat sie sich beworben. Wie grundsätzlich anders sich Sonja Klotz Arbeit in der Schule vorstellt, erläutert sie mit den Worten: „Ich will die Schule kennen, an der ich arbeite und sehen, ob wir zueinander passen.“ Als sie Lehrerin wurde, gab es so eine Art Casting-Verfahren. Für fünf Minuten hätte sie sich einer Kommission vorstellen müssen, die dann entschieden hätte, an welche Schule sie kommen würde. Das wollte sie nicht. Daher hat sie sich bei der Evangelischen Schulstiftung beworben.

Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain | Foto: Giovanni Lo Curto
Der etwas unspektakuläre Eingang zum Hof und zur Schule am Petersburger Platz
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Reformpädagogische Ausrichtung

Jetzt hat die Schule 140 Kinder. Sie ist einzügig. Das bedeutet, dass es von der ersten bis zur sechsten Klasse jeweils nur eine Klassenstufe gibt. „Wir halten uns an den Berliner Lehrplan“, betont Frau Klotz. „Doch gestalten wir den Unterricht offen.“ Geleitet fühlt man sich von den Reformvorstellungen nach Montessori. Bei einem bestimmten Thema werden so viele Aspekte wie möglich angesprochen, die man unterrichten kann. Mit dem Schmetterling kann man nicht nur ein Stück Natur, sondern auch mathematische Dinge wie Spiegelung und Verdopplung erklären. „Bei uns darf man auch mit den Fingern rechnen, so lange man die Zahlen noch nicht abstrahieren kann.“ Die Kinder sind sehr engagiert und lernen in gemischten Lerngruppen jeweils von der ersten bis zur dritten und von der vierten bis zur sechsten Klasse. Um unnötigen Konkurrenzdruck zu vermeiden, macht jeder Schüler zum gleichen Thema etwas anders. „Es ist einfach nicht gut für die Lernatmosphäre, wenn ein Kind immer zum Nachbarn schielt und dabei denkt: ‚So weit ist der jetzt schon mit der Aufgabe!’“
In den Klassenräumen gibt es keine Tablets, sondern einfache Kreidetafeln, auch Schiefertafeln. Den Schülern stehen Laptops und IPads zur Verfügung. „Doch wenn die Kinder etwas gestalten sollen, etwa ein Plakat, dann wird das zuerst auf Papier gemacht.“
Die Klassenräume sind farbig abwechselnd gestaltet, mit Kuschelecken und Orten, an denen sich die Kinder auch mal verdrücken können. „Wenn die Schüler von um acht Uhr morgens bis manchmal abends um sechs in diesen Räumen sind, dann haben sie einen langen Tag bei uns. Der sollte auch angenehm sein.“

Lustige Klassennamen: Löwen, Elefanten oder Pandas Foto: Giovanni Lo Curto
Die Klassen haben keine Nummern, sondern Tiernamen. Ich wäre gern in die Löwen-Klasse gegangen. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Theaterspezialisierung und Wertevermittlung

Ab der ersten Klasse wird Theater-Unterricht gegeben. Die Kurse wechseln halbjährlich. In der 5. und 6. Klasse entwickeln die Kinder eigene Theaterstücke. Dabei bekommen sie Unterstützung von einer Theaterpädagogin aus der Universität der Künste. Auftrittsmöglichkeiten gibt es mehrere. „Zweimal im Jahr können die Eltern ihre Kinder auf der Bühne erleben“, sagt die Schulleiterin. „Und dann gibt es ja noch die Gottesdienste.“
In der Theaterklasse haben es sich Lerngruppen aus der fünften Klasse in Kreisen auf einem Teppich bequem gemacht. Alles schaut uns neugierig an, als wir eintreten, doch dann gehen die Blicke der Kinder wieder zurück auf die Schreibblöcke in ihren Händen, selbstständig und konzentriert. Ich bin erstaunt. Diese Art Gruppenarbeit habe ich erst als Erwachsener kennengelernt.
„Als Flüchtlinge in der Turnhalle der Hausburg-Schule lebten, haben Pädagoginnen und Pädagogen von uns die Kinder in die Schule gebracht, damit sie hier spielen konnten. Sie haben dann mit unseren Kindern gespielt. Einige der Flüchtlingskinder wurden in den Klassen aufgenommen. Manchmal wollten sie auch einfach nur schlafen. Dann haben wir sie schlafen lassen.“ Wenn in der Turnhalle nachts ein Kind weinte, war an Schlaf nicht zu denken. „Wir handeln auch aus christlicher Nächstenliebe und wollen, dass die Kinder das lernen. Der wertschätzende und respektvolle Umgang an der Schule ist etwas Besonders. Wertevermittlung habe ich oft vermisst.“ Wie zur Bestätigung treffen wir auf unserem Rundgang durch die Schule Lehrerinnen und Eltern, denen sofort anzumerken ist, dass man miteinander vertraut ist.

Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain | Foto: Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Seltene Konfliktfälle

Noch mehr staune ich aber über die Antwort auf meine Frage, ob es nicht doch manchmal Konflikte zwischen den Kindern gibt. „Dafür haben wir Streitschlichter.“ Sonja Klotz erklärt mir, dass einzelne Kinder darin geschult werden, wie man auf Streite reagieren und Konflikte lösen kann. Mithilfe von Kärtchen, auf denen wütende, traurige oder bedrückt erscheinende Figuren zu sehen sind, können die Streithähne ihre Emotionen beschreiben. Über weitere Frage- und Antwortmuster kann ein Ausweg aus der Konfliktsituation gesucht werden. Den Kindern wird dies in Kursen von einer professionellen Streitschlichterin beigebracht. Ich ertappe mich bei dem Wunschgedanken: ‚Könnte man doch alle Menschen mit so einem Instrumentarium ausstatten!‘ Natürlich setzt es auch den Willen voraus, einen Streit beizulegen. Was werden das für Menschen sein, die als Kinder schon Praktiken üben, die viele in meiner Genration erst im Erwachsenenalter und viele auch nie kennenlernten?
Die Schulleiterin bringt mich aus den Gedanken zurück. „Die Schüler sind eher enttäuscht, dass es keine Konflikte gibt“, sagt sie. „Sie sind stolz auf ihr Wissen und möchten es anwenden.“ Einmal haben sie bei einer Schulveranstaltung ihre Eltern verblüfft, als sie einen Streit zu spielen anfingen, den die Eltern für bare Münze nahmen. Die schauten ganz betreten, bis die Kinder aufsprangen und riefen: ‚Geht doch zu den Streitschlichtern!‘
Doch es hat wirklich schon einen Konflikt unter den Eltern gegeben. Es war nicht einfach, eine Mediation mit hundert Leuten abzuhalten. „Aber das wollten wir auch. Wir wollen anders als die klassische Schule sein“, betont noch einmal Frau Klotz. „Authentisch. Das sehe ich als meine Aufgabe als Schulleiterin an, dass ich den Freiraum offenhalte und alle, Lehrer, Erzieher, Eltern und Kinder dazu motiviere, etwas Neues zu probieren und nicht einfach Befehlsempfänger zu sein. Ich muss auch nicht immer funktionieren, sondern darf auch mal sagen: ‚Ich kann jetzt nicht!’“ Das ist kaum vorstellbar bei einer so energiegeladenen Frau wie Sonja Klotz. Woher sie die Kraft nimmt? „Die Familie!“, sagt sie. „Meine drei Kinder und mein Mann.“

Eine andere Schule ist möglich

Die Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain erfreut sich einer großen Nachfrage, nicht nur, weil es an Schulen mangelt. „Auf einen freien Platz kommen bei uns fünf Bewerber. Wir möchten den sozialen Querschnitt des Bezirks einhalten, schauen aber auch, ob die Kinder zu uns passen.“ Das sind Kinder, denen die Schule mit ihrem familiären Anspruch eine besondere Stütze sein kann oder die offen sind und suchen. „Wenn die Eltern jetzt schon wissen, dass ihr Kind Anwalt wird, sind wir natürlich nicht das Richtige.“ Würden sich andere Schulen ein Beispiel am Umgang miteinander in der Evangelischen Schule Friedrichshain nehmen, dann wären sie vielleicht auch attraktiver.
Als ich das Gebäude verlasse, kommt mir der Song „School’s out!“ von Alice Cooper in Erinnerung, der Anfang der 1980er Jahre immer zum Ferienanfang im RIAS-Jugendradio lief: „Schule aus für immer! Nie wieder Stifte, nie wieder Bücher, nie wieder die miesen Blicke der Lehrer!“ Dieser Song passt auf die Schulerfahrungen meiner Generation und sicher auch auf die meiner Kinder – mit Ausnahmen. Ich glaube nicht, dass es eine Sache der Konfession ist, Schüler und Eltern als Partner anzusehen, sondern eine Frage der Ausstattung und des Willens. Mehr Lehrer, mehr Zeit, mehr Empathie, und vor allem mehr solcher Pädagoginnen wie Sonja Klotz.

 

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