| Foto: Giovanni Lo Curto

Friedrichshain mit Gleisanschluss

Lange Werkhalle | Foto: Giovanni Lo Curto

Lange Werkhallen sind in Friedrichshain selten geworden … / Foto: Giovanni Lo Curto /

In den Betrieb hineingewachsen

Nach Berlin kam Stephan Korte der Liebe wegen. „Die Stadt selbst fand ich zuerst grau und kalt“, erinnert er sich. Zudem verdross ihn die Arbeit als Unternehmensberater in einer kleinen Firma mit groß klingendem Namen. „Als frischgebackener Absolvent musste ich erfahrene Familienunternehmen beraten und kam mir komisch dabei vor.“ Er inserierte seinen Arbeitswunsch als Ingenieur. „Und da hat Talgo angerufen und mich gefragt, ob ich Instandhaltung machen wollte.“ In den ersten Jahren hat die Firma Fachkräfte aus dem Reichsbahnausbesserungswerk und von der S-Bahn eingestellt, junge Leute, gute Facharbeiter, die heutzutage sicher auch studiert hätten. „Die haben richtig was auf dem Kasten. Das war gut für uns.“ Als Stephan Korte 1999 zu Talgo kam, hieß es in der allgemeinen Hysterie um den „Jahr 2000 Bug“, auf die Schnelle eine neue Instandhaltungssoftware zu etablieren. „Das war eine sehr spannende Aufgabe und bedeutete, alle Abläufe im Unternehmen zu beleuchten und zu integrieren“. 2008 beschloss der ehemalige Betriebsleiter anderswo noch einmal ganz von vorn anzufangen. Plötzlich stand die Frage im Raum, wer ihn ersetzt. „Ich hatte, auch wegen meiner damals noch sehr kleinen Kinder, kein Interesse an ausgedehnten Geschäftsreisen und meine Fähigkeiten sah ich nicht im Vertrieb“, so Stepan Korte. Die Lösung bestand in einer Doppelpitze. Sein Kollege Andreas Netzel wurde „Außenminister“ der Niederlassung, während Stephan Korte selbst für alles andere, von Technik bis zum operativem Tagesgeschäft, verantwortlich ist.

Lange Werkhalle | Foto: Giovanni Lo Curto
… da kommt man nicht so schnell zu Fuß von einem Ende / Foto: Giovanni Lo Curto /
zum anderen.

Moderne Unternehmensführung

Dass das Ausbesserungswerk mitten in einem Wohnbezirk liegt, ist auch der Betriebsleitung bewusst. Ihr gelang es, die Konzernleitung wegen der Lärmbelästigungen an der Helsingforser Straße zum Kauf einer leisen, batteriebetriebenen Rangierlok zu bewegen. „Auch mit unseren Nachbarn, den Mietern auf dem RAW-Gelände, haben wir ein gutes Verhältnis“, sagt der Betriebsleiter, der selbst gern Rock- und Jazz-Konzerte besucht. Und auch ihn ärgert die Ungewissheit, mit der die hoch motivierten aber finanziell nicht großartig ausgestatteten Kulturstandorte an diesem Ort leben müssen. Investoren träumen von teuren Wohnungen. „Ein neues Wohngebiet wäre auch schlecht für uns, denn ein Industriebetrieb der auch nachts arbeiten muss, verursacht ab und an auch Lärm.“
Talgo Deutschland hat derzeit 113 Mitarbeiter. Ein großer Teil davon hat dabei geholfen, das erste Talgo-Werk in Kasachstan aufzubauen, wozu neben dem fachlichen Wissen auch didaktische Fähigkeiten nötig sind. „Diese und andere Möglichkeiten der Fortbildung versuchen wir unseren Mitarbeitern anzubieten. Leider ist das in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen.“ Talgo hat auch Niederlassungen in den USA, Russland, Usbekistan und in den Emiraten.
Unser Stadtteil ist per Gleisanschluss mit der weiten Welt verbunden, schnell und ökologisch. Die Europäische Investitionsbank ehrte Talgo als nachhaltiges Verkehrsprojekt mit einem Forschungskredit, die deutsche Verkehrspolitik hingegen behandelt die Bahn immer noch stiefmütterlich. Dass sich letzteres bald ändert, kann man dem Unternehmen, seinen Mitarbeitern und übrigens auch dem Weltklima nur wüschen.

www.talgo.de

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