Straßmannstraße in Berlin-Friedrichshain| Foto: Silvio Weiß

Laubenstadt und Möbel

Straßmannstraße in Berlin-Friedrichshain| Foto: Silvio Weiß
Der alte Schlachthof war und ist der Ausgangspunkt der Straßmannstraße. / Foto: Silvio Weiß /

Zur Straßmannstraße.

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1888 besaß der „Städtische Central-Schlachthof“ zu wenige Ställe. Hatten die Schlächter sich ihre „Meisterschweine“ ausgesucht und bezahlt, stand die Frage im Raum, wohin mit ihrer noch lebenden Ware? Oft drängten sich bis zu 4.000 Tiere in der Verkaufshalle. Wegen dieser Enge brach immer wieder die Maul- und Klauenseuche aus. Um das Schlachthofgelände zu erweitern, beschloss der Magistrat am 21. Juni 1888, dem Grafen Guido Henkel von Donnersmark „230 Morgen Land“ abzukaufen. Ein Disput entspann sich unter den Magistratsmitgliedern darüber, ob der Schlachthof zum Weichbild Berlins gezählt werden könne. Das Ergebnis war, der Magistrat zahlte wegen der „Dezentralisation des Viehhofs“ über 220.000 Mark weniger als vorgesehen.

Spekulationen

Mit Obstbäumen und Kohlgärten war das erworbene Terrain 1894 die „Laubenstadt“. An nummerierten Straßen standen viele Lauben ohne Entwässerung. Die Abwasserbeseitigung für den Schlachthof war vorrangig. „Keilartig“, schob sich dieser neue Stadtteil aus der Sicht des Magistrats „in bebaute Stadtteile ein“ und trug, weil das Gelände „unreguliert, unbebaut“ war „dazu bei, die Grundstückspreise hoch zu halten“. Aber über eine Pferdebahn in der Petersburger Straße „vorerschlossen“, hieß es im stenografischen Bericht vom 11. November 1894. Der Stadtverordnete Essmann kritisierte, dass ein Stück Land zwischen den Straßen 42 und 43a nicht für eine Schule reserviert war. Dafür sollten hier „Wohnungen für kleine Leute“ geschaffen werden. Diese Straßenabschnitte wurden dem Arzt und Kommunalpolitiker Wolfgang Straßmann zu Ehren am 4. August 1897 zur „Straßmannstraße“. Straßmann lebte von 1820 bis 1885, war Vorsteher der Berliner Stadtverordnetenversammlung und gehörte der Fraktion der Deutschen Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus an. Die Straße 43 erhielt am 12. September 1897 ebenfalls den Namen „Straßmannstraße“. Diese reichte nun von der Tilsiterstraße bis zur Petersburger Straße und von dort bis zur Straße 48. Hier übernahm die „Süddeutsche Immobilien-Gesellschaft“ aus Mainz die Bebauung. Ein zusätzliches Gemeindeschulgebäude wurde an der Straße 48b errichtet. Ein Doppelschul-Neubau mit 36 Klassen aus der ersten Planung war wegen dem starkem Zuzug im Gebiet nicht mehr „Bedarfsgerecht“. Am 31. August 1902 wurde auch die Straße 43b von der Ebertystraße bis zur Hausburgstraße in „Straßmannstraße“ umbenannt.

 

haustür in der Straßmannstraße in Berlin-Friedrichshain| Foto: Silvio Weiß
Vermutlich durch genau diese Haustür der Straßmannstraße 13 wurden die Möbel der Familie Stenzel an- und abtransportiert. / Foto: Silvio Weiß /

Rechnungen

Mai 1945. Die Tür zur Wohnung von Alfred Stenzel in der Straßmannstraße 13 wurde aufgestoßen. Männer in abgetragenen Anzügen durchsuchten Schränke und Schubladen. Sie fanden einen SA-Mantel, Stempel der Standarte 5, Briefköpfe der NS-Partei mit Briefen, Geländekarten und sehr viel NS-Literatur. Stenzel war dafür verantwortlich, dass einige seiner Nachbarn ins KZ kamen. Jetzt war er spurlos verschwunden. Er war ein SA-Obersturmführer, und weil er schon vor 1933 in Berlin als NS-Mitglied aktiv war, ein „Träger des Blutordens“. In Friedrichshain wurde am 19. November 1922 die „Großdeutsche Arbeiterpartei“ als erste Berliner NS-Partei gegründet. Deren Ziele waren die „Abschaffung des Arbeitsloseneinkommens“ und die „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“. Über den „Zentralverband der Arbeitslosen“, versuchte die Partei Mitglieder zu gewinnen, indem sie Einladungsflugblätter herausgab. Sie ähnelten in Form und Farbe denen der KPD. Auf die Gründung des „Reichsbund völkischer Kampfgewerkschaften“ im Frühjahr 1924 folgte jene des „Nationalsozialistischen Arbeiterkampfbundes“ des Drehers Johannes Engel. Dieser saß im Betriebsrat der Knorrbremse. Das älteste Partei- und Sturmlokal der NSDAP in Friedrichshain war das „Kegler-Heim“ des „Sturm 34“ in der Boxhagener Straße, das 1933 als wildes KZ diente. NS-Gegner waren hier gefangen und gefoltert worden. Für seine „Verdienste“ empfing Stenzel 1938 das „Goldene Parteiabzeichen“. Im gleichen Jahr wurde die Straßmannstraße wegen der jüdischen Abstammung Straßmanns in „Ermeler Straße“ umbenannt. Hatte Stenzel noch im April 1945 auf Geheim- und Vergeltungswaffen gehofft, setzte er sich im Chaos der letzten Kriegstage „nach Westen“ ab.

Gemeindeschule in der Straßmannstraße in Berlin-Friedrichshain | Foto: Silvio Weiß
Die Gemeindeschule dürfte das älteste Gebäude der Straße sein, an der Inschrift über dem Eingang hat der Zahn der Zeit schon etwas genagt. Und gleich rechts wird gebaut. / Foto: Silvio Weiß /

Verteilung

Am 16. Mai 1935 war seine spätere Frau Hildegard bei ihm eingezogen. Der Kriegslage wegen wurde sie mit ihrem Jungen nach Sellin evakuiert. Trotz der schweren Zerstörungen in der Straße blieb die Wohnung des Ehepaares Stenzel in der Straßmannstraße 13 von Bombenschäden verschont. Herr und Frau Finger, die schräg gegenüber in der Straßmannstraße wohnten, hatten alles verloren. Frau Finger wurde während der NS-Zeit als Halbjüdin gedemütigt. Als erste Entschädigung als „Opfer des Faschismus“ durfte das Ehepaar Wohnung und die Möbel der Stenzels benutzen. Im November 1946 forderte Hildegard Stenzel ihre Möbel und die Wohnung zurück und behauptete, sie wäre nie in der Partei gewesen und hätte die Schlaf- und Küchenmöbel in die Ehe mit eingebracht. Herr Kloppich von der Wirtschaftsverwaltung ging zur Klärung des Sachverhaltes zur Wohnung der Fingers. Dort hört er von den Nachbarn, „die sind nach Neukölln ausgezogen“, und „haben die gesamte Wohnungseinrichtung mitgenommen“. Doch beim Wohnungsamt in der Boxhagener Straße war ein Zettel verloren gegangen und wurde erst nach langer Suche wieder aufgefunden. Auf diesem war vermerkt: die Fingers wollten, dass die Möbel weitergegeben werden. Herr Pappenbring aus der Jungstraße wurde am 18. Dezember 1947 der glückliche Empfänger des größten Teils der Einrichtung. Seine Frau stand kurz vor der Entbindung. Sie waren vollständig ausgebombt und besaßen fast nichts, weder Möbel noch Geschirr. Hildegard und Alfred Stenzel lebten, als 1947 die Ermeler Straße wieder in Straßmannstraße umbenannt wurde, unbehelligt im Westen. Herr Kloppich war 1950 wieder einigen Teilen der reichen Wohnungseinrichtung der Stenzels auf den Fersen. Diverse Kosten waren bei deren Abgabe angefallen. Aber für die alte Stehlampe der Stenzels brauchte Herr K. aus der Thaerstraße nichts mehr zahlen.

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