Kirk Schoormann, Geschäftsführer des Berliner Schiffskontors, Foto. Giovanni Lo Curto

„Wir machen alles, außer Linienschifffahrt.“

Kirk Schoormann, Geschäftsführer des Berliner Schiffskontors, Foto. Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Kirk Schoormann, Geschäftsführer des Berliner Schiffskontors.

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Fast an der Spitze der Halbinsel Stralau, mit Blick auf den Rummelsburger See und das Kraftwerk Klingenberg, liegt der Steg des Berliner Schiffskontors. Zwei große Fahrgastschiffe fallen zuerst ins Auge, genieteter Stahl, liebevoll restauriert. Außerdem ein bonbonrosafarbenes Schiff mit niedlichen tropfenförmigen Bullaugen, das mit seinen runden Formen sofort an die 50er Jahre erinnert. Tatsächlich ist es 1950 gebaut worden, in Italien, wie ich später erfahre. Kirk Schoormann kontrolliert gerade Getränkebestände, so dass ich mich noch etwas umsehen kann. Die Holzboote aus den 30er Jahren sind mit Planen zugedeckt, da kann man nicht viel bewundern. An der Seite stehen einige Ruderboote, natürlich aus Holz, eines liegt auf dem Steg und wird gerade gestrichen. Das offene Wassertaxi „Oskar“, Baujahr 1930 und die Barkasse „Moguntia“ von 1922 liegen im Päckchen, ihre runden Hecks dem Steg zugewandt. Wer sich schon immer fragte, wo wohl die schönen alten Vergnügungsschiffe bleiben, wenn sie ausgemustert werden – jedenfalls die, die Glück haben – der findet sie hier. Nicht ganz ins Bild der historischen Schiffsversammlung passt „Solon“, ein Solar-Katamaran. Der ist mit Abstand das jüngste Schiff der Flotte, gebaut 2009.

Kirk Schoormann arbeitet am Unterwasserschiff seines Hausbootes, Foto: privat
In den 90er Jahren: Kirk Schoormann arbeitet am Unterwasserschiff seines Hausbootes. / Foto: privat /

Vom Schildermaler zum Schiffsknecht

Wir lassen uns im Heck der „Arcona“ nieder, die seit 1905 vor allem als Ausflugsdampfer auf Berliner Gewässern unterwegs ist. Vom Rummelsburger See weht eine leichte Brise. Wir trinken Kaffee und plaudern. Aufgewachsen ist Kirk im niedersächsischen Hameln, nach Studienjahren in Göttingen zog es ihn nach Berlin. Wer in Berlin seinen Hauptwohnsitz hatte, musste nicht zur Bundeswehr. Das war auch ein Grund, weshalb Kirk  als abgelehnter Kriegsdienstverweigerer nach Berlin zog. Zunächst hielt er sich mit Jobs in der Gastronomie über Wasser und machte dann eine Ausbildung zum Schildermaler. Schildermaler als Ausbildungsberuf? Schilder- und Lichtreklamehersteller war die offizielle Bezeichnung. Heute würde man wohl Werbetechniker sagen, und gestaltet wird ausschließlich am Computer. In den 80ern war das nicht so,  Schilder für Veranstaltungen, Werbung, Messen und Filmproduktionen wurden per Hand gemalt und geschrieben. Erst angestellt, später freiberuflich arbeitete Kirk in den 90er Jahren in diesem Beruf. Über Freunde und die Arbeit entwickelten sich gute Kontakte nach Babelsberg, so dass Kirk als Freiberufler oft Filmkulissen mitgestaltete. „Das hat viel Spaß gemacht! So akribisch genau tolle sinnlose Dinge zu bauen. Zum Beispiel haben wir für einen Märchenfilm auf einem Raddampfer die Takelage nachgebaut. Alles musste originalgetreu aussehen, als wäre es das vollständige Schiff, die Masten, die Wanten. Wir mussten vorher genaue Zeichnungen anfertigen.“
Stralau entdeckte Kirk nach der Wende. „Mitte der 90er war hier ja noch viel Industrie auf der Insel, das Ufer lag voller Schubverbände, fast die gesamte Binnenflotte war ja in der Rummelsburger Bucht zuhause. Hier überall war ja Werft.“ Der Steg, an dem jetzt die Boote des Schiffskontors liegen, gehörte zur „Deutschen Binnenwerft“, es war der Verholsteg. Drei Slipanlagen gehörten zur Werft, also schienengebundene Wagen, auf denen auch große Schiffe aus dem Wasser gezogen werden können. „1996 haben wir hier eine Weinverkostung auf einem Schiff gemacht, auf der Rival, die lag hier am Steg, eine Tjalk von 1912. Und daneben lag ein altes Wohnboot. Das habe ich dann gekauft und als Hausboot ausgebaut.“
Und da entstand die Idee für das Schiffskontor? „Als die Werft 1998 geschlossen wurde und das hier Entwicklungsgebiet wurde, haben wir uns überlegt, an dieser Stelle einen Bootsverleih mit Segelschule und Café zu betreiben und haben das der Projektgesellschaft vorgeschlagen.“  Den Steg und die Wasserfläche hat das Schiffskontor seitdem vom Bundeswasserstraßenamt gepachtet. „Vielleicht“, ergänzt Kirk „hat es ja auch mit meinem Namen zu tun, Schoormann. Schoor ist ja die Küste und mein Vater hat mal Ahnenforschung betrieben und herausgefunden, dass einer unserer Vorfahren ein Schiffsknecht war. Das bin ich ja jetzt sozusagen auch.“

Projektmodell von 1998, Foto: Kirk Schoormann
Projektmodell von 1998… / Foto: Kirk Schoormann /

 Stadt – Land – Fluss

10 Schiffe bietet das Schiffskontor an, vom Lounge-Schiff „Stralau“ für 100 Personen über kleinere Motoryachten. Dazu kommen die Ruderboote, und mit allen kann man fahren, wann und wohin und wie lange man möchte. „Wir machen alles, außer Linienschifffahrt: Hochzeiten, Geburtstage, Familienfeiern oder Firmenausflüge.“ Befahren werden können die vielen Wasserwege in und um Berlin, die innerstädtische Spree, über Köpenick zum Müggelsee, über die Havel zum Wannsee und nach Potsdam. Berlin ist reich an Wasserflächen und vieles davon ist per Boot erlebbar.
„Die größeren Schiffe kann man natürlich nur mit Mannschaft chartern. Aber Leute, die ich kenne, zu denen ich Vertrauen habe, die können mit einer kleineren Yacht auch alleine losfahren, wenn sie einen Sportbootführerschein haben.“ Die Motorboote Paul + Paula oder ein Ruderboot kann man sich auch spontan ausleihen. „In den Ruderbootverleih wollen wir künftig mehr Energie stecken“, sagt Kirk. „Wir haben in der Saison so viel zu tun, da ist nicht immer jemand am Steg, wenn Interessenten vorbeikommen. Es wäre schön, wenn sich jemand findet, vielleicht ein Schüler, der das an den Wochenenden betreuen könnte. In den 17 Jahren seines Bestehens hat sich das Schiffskontor gut entwickelt. „Reich wirst du mit anderen Sachen, dafür macht es Spaß“, sagt Kirk. Selber fährt er selten mit Gästen los, denn als Geschäftsführer ist er fürs Organisatorische zuständig und hat wenig Zeit. „Wir arbeiten ja immer noch oft für Filmproduktionen oder große Events, das muss viel vorbereitet, geplant und ausgetüftelt werden. Aber ich habe tolle Mitarbeiter und fast alle sind schon lange  dabei. Auf unseren Touren haben die Kapitäne viel mit wissbegierigen Kunden zu tun, die stellen Fragen zur Geschichte der Schiffe oder wollen vielleicht selber mal ans Ruder. Man muss nicht nur ein guter Schiffsführer sein, sondern auch gerne mit Menschen zu tun haben wollen. Und sich auf dem Wasser auskennen.“

 Steg des Schiffskontors in Stralau 2017, Foto: Giovanni Lo Curto
… und was daraus wurde: Steg des Schiffskontors in Stralau 2017. Links der Solarkatamaran „Solon“, rechts das ehemalige Hausboot, jetzt Hafenmeisterei. Und zwischendrin: „Kotaro“, „Moguntia“, „Oskar“ und im Vordergrund einige der Ruderboote. / Foto: Giovanni Lo Curto /

„Bunte Flotte“

Die Entwicklung verlief allerdings nicht immer reibungslos, was auch damit zu tun hat, dass die Konkurrenz unter den Fahrgastschiffern auf den Berliner Gewässern wächst. Die großen Reedereien waren nicht begeistert über die wachsende Anzahl an kleinen Anbietern mit besonderen Schiffen. Überraschend bekam Ende 2012 nicht nur das Schiffskontor, sondern auch andere Schiffsvermieter ein Schreiben vom Wasserschifffahrtsamt, in dem mitgeteilt wurde, dass ab den 1. Januar 2013 ein Fahrverbot für gewerbliche Sportboote auf den Berliner Gewässern gelte. Hintergrund war eine Änderung der bundesweit gültigen Sportbootvermietungsverordnung: Sie besagte, dass Sportboote nicht mehr inklusive Besatzung vermietet werden dürften. Außerdem sei die Vermietung an Gewerbetreibende, zum Beispiel Hochzeitsagenturen oder Firmen, nicht mehr zulässig. Die Begründung: Die Schiffsführer seien zu wenig qualifiziert und die Boote nicht sicher, was die Sicherheit der Fahrgäste gefährde. Übergangsfristen oder Bestandsschutz waren nicht erwähnt. Damit hätten alle Schiffe des Schiffskontors außer den großen Fahrgastschiffen „Arcona“ und „Stralau“ und natürlich den Ruderboten an der Kette gelegen. Für die Fahrgastschifffahrt gelten strengere Vorschriften als für gewerbliche Sportboote, deren Einhaltung natürlich teurer ist. Nicht klar definiert ist, wie viele Personen auf einem Sportboot mitfahren dürfen, also ob die Anzahl der Fahrgäste entscheidend für den Status ist. Aus allen Schiffen Fahrgastschiffe zu machen, funktioniert allerdings auch nicht, da sich die vielen Ausrüstungs- und Bauvorschriften auf kleinen Schiffen gar nicht umsetzen lassen. Nicht nur für das Schiffskontor war das ein schwerer Schlag, auch für viele andere Betreiber besonderer oder historischer Schiffe war das quasi ein Berufsverbot. Denn die meisten Eigner finanzieren den Erhalt ihrer alten Schiffe durch Fahrten mit zahlenden Gästen.
Die Betroffenen reagierten schnell, schlossen sich zur „Bunten Flotte“ zusammen und machten sich daran, die Argumente zu widerlegen: In den letzten 15 Jahren habe es keinen Unfall oder Personenschaden auf Schiffen gegeben, die als Sportboote mit Kapitän vermietet wurden. Außerdem sei es wohl sicherer, wenn auf einem alten Schiff jemand Kapitän ist, der das Schiff gut kennt, statt einem Hobbyskipper, der es zum ersten Mal fährt. Bootsdemos wurden organisiert, die „Bunte Flotte“ forderte ein Mitspracherecht bei der Neufassung der Verordnung und Übergangsfristen. Herausgekommen ist ein Kompromiss am runden Tisch, der den bestehenden Booten für 15 Jahre Bestandsschutz gewährt.
In die Verordnung soll die Kategorie „Fahrgastboote“ neu aufgenommen werden, unter der alle kleinen Boote bis maximal 35 Fahrgäste einen offiziellen Status bekommen sollen. Fahrgastboote dürfen mit Kapitän vermietet werden und gelten als gewerbliche Schiffe, was nebenbei den Vorteil hat, dass sie an den vielen Berliner Schleusen nicht so lange warten müssen. Berufsschiffe dürfen zuerst durch die Schleusen, Sportboote müssen warten. Es bleibt spannend, was dann wirklich in der neuen Verordnung steht, wenn sie in Kraft tritt. Insgesamt ist Kirk aber optimistisch. Er fügt hinzu: „Gut ist, dass  wir jetzt durch den runden Tisch auch zu den großen Reedereien wie Stern oder Weiße Flotte gute Kontakte haben.“

/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Vielfalt auf dem Wasser erhalten

Zu wünschen ist, dass die außergewöhnlichen Schiffe die Berliner Gewässer noch lange bunter machen und den Freunden der Schifffahrt besondere Erlebnisse ermöglichen. Es muss nicht immer die große Seefahrt sein, auch eine Stadt bietet vom Wasser aus gesehen völlig neue Perspektiven. Vor allem, wenn man am Ruder stehen und sich ein bisschen wie ein richtiger Kapitän fühlen kann.

www.schiffskontor.de

 

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