Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946. Foto: Archiv U-BahnMuseum

Tödliche Falle U-Bahnhof

Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946. Foto: Archiv U-Bahn Museum
Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946.
Foto: Archiv U-Bahn Museum

Das Bombardement Friedrichshains am 26. Februar 1945

von Detlef Krenz

Ein wolkenloser Himmel spann sich in den Mittagsstunden des 26. Februar 1945 über Berlin. Ein Anlass zur Freude mochte dies allenfalls für ausgesprochen sorglose Gemüter sein. Das Bewusstsein, dass Kriege an den Ort ihres Anfangs zurückkehren, war damals in der Hauptstadt des Deutschen Reichs noch nicht Allgemeingut, obwohl die Rote Armee bereits im Osten in Westpreußen stand und die Westalliierten mit der Einnahme von Düren und Jülich an Köln herangekommen waren. Bis Mitte 1943 war die Hauptstadt des Deutschen Reichs von sehr schweren Luftangriffen verschont geblieben. Das änderte sich mit der alliierten Luftoffensive, die eine Folge deutscher Bombardements auf zivile Ziele in Guernica 1936, auf Warschau 1939, auf Coventry 1940 und auf die Fernangriffe durch die V1 und die V2 auf London war. Die erste Welle dieser Angriffe in den Nächten des 23. zum 24. August 1943 galt zunächst dem Südwesten der Stadt. Doch die zweite große Welle der Angriffe erfolgte in der Nacht vom 22. zum 23. und vom 25. zum 26. November 1943. Sie galt vor allem der Innenstadt. Zu den Nacht­angriffen kamen ab Januar 1944 Tagesangriffe. So zerstörten zwei Bomberverbände mit ca. 700 Flugzeugen am 21. Juni 1944 in nur 35 Minuten große Teile von Friedrichshain. Dabei wurde die Straßendecke über dem Gleis 2 des U-Bahnhof Memeler Straße (heute Weberwiese) zum ersten Mal erheblich beschädigt. Wegen der großen Bedeutung des Nahverkehrs wurden diese Schäden schnell beseitigt. Wegen massiven Treibstoffmangels und erheblicher Zerstörungen des Oberflächenverkehrs der BVG trug die U-Bahn neben der S-Bahn die Hauptlast des öffentlichen Nahverkehrs. Täglich wurden über 2 Millionen Fahrgäste befördert, meistens zu den Stätten der industriellen Kriegsproduktion, die trotz der Kriegseinwirkungen aufrecht erhalten werden sollte. Reparaturen wurden schnell und provisorisch erledigt.
Im Falle des U-Bahnhofs Memler Straße erwies sich diese Praxis als verhängnisvoll.

Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946. Foto: Archiv U-Bahn Museum
Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946.
Foto: Archiv U-Bahn Museum

Bomben am 26.2.1945: 108 Tote im U-Bahnhof

Über 1000 Bomber der US-Luftwaffe näherten sich am 26. Februar schnell dem Stadtgebiet. In knapp einer Stunde wurden 2.800 Tonnen Sprengmittel abgeworfen. Neben Schöneberg gehörten Lichtenberg und Friedrichshain zu den Angriffsschwerpunkten. Hier wurden drei Schulen und das Krankenhaus Friedrichshain getroffen. Den schwersten Schaden erlitt jedoch der U-Bahnhof Memeler Straße – heute Weberwiese. Kurz vor dem Angriff waren hier Züge aus der Richtung Alexanderplatz bzw. Friedrichsfelde eingefahren. Neben den Fahrgästen hatten sich auch zahlreiche Menschen aus der Umgebung auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofes in der trügerischen Hoffnung eingefunden, hier sicherer zu sein, als in den Kellern ihrer Wohnhäuser. Die Druckwellen von den nah detonierenden Bomben ließen acht Meter Wand neben dem Gleis 2  einstürzen. Die Decken über dem rechten Zwischengeschoss und dem linken Zugang stürzten herab. Aus diesem Inferno konnten während des Angriffs nur wenige Verletzte aus dem Bahnhof gerettet werden. Als die Bomber abzogen, lag eine gespenstische Stille über dem Ort. Zwei Tage später begann ein Kommando von Häftlingen aus dem KZ Sachsenhausen mit Bergungsarbeiten. Die Kripoleitstelle Lichtenberg ermittelte bis zum März 1945 die Identität von 108 im U-Bahnhof umgekommenen Personen. Neben überwiegend älteren Menschen gehörten 14 Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 21 Jahren zu den Opfern. Die meisten der Kinder waren ohne Begleitung ihrer Eltern oder Verwandten unterwegs gewesen. Zu den Opfern zählten auch zehn Zwangsarbeiter aus Italien, Polen und der Sowjetunion. Insgesamt starben durch diesen Angriff über 900 Menschen, davon mehr als 600 in  Friedrichshain. Bereits im März fuhren wieder U-Bahnzüge vom Alexanderplatz nach Lichtenberg. Am 15. März und am 6. April wurde der Verkehr zwischen Strausberger Platz und Petersburger Str. (heute Frankfurter Tor) aufgrund von Warnungen vor Blindgängern ausgesetzt. Zwischen der Schillingstraße und dem Strausberger Platz kam es am 18. März zu einem weiteren Tunneldurchschlag. An diesem Tag schütteten über 1.200 Bomber etwa 6.000 Sprengbomben,  500.000 Stabbrandbomben und 3.000 Flüssigkeitsbomben über der Innenstadt und besonders über Friedrichshain aus. Trotz schwerster Schäden an vielen Strecken und Bahnhöfen blieben über 60 Prozent des U-Bahnnetzes funktionsfähig. Der U-Bahnbetrieb zwischen dem Bahnhof Strausberger Platz und Memeler Straße wurde auch aufrecht erhalten, als es am 9. April zu einem Wassereinbruch auf der Strecke kam, bis die Linie am 17. April eingestellt wurde.

Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946. Foto: Archiv U-Bahn Museum
Zerstörter Zugang zum U-Bahnhof Memeler Str. 1946.
Foto: Archiv U-Bahn Museum

Die große Trümmerwüste

Wenige Tage später erreichten die Sturmspitzen der Roten Armee Friedrichshain. Fanatische SS-Verbände stellten sich den Elitekämpfern der Roten Armee entgegen. Die Umgebung der Großen Frankfurter Straße, heute Frankfurter Allee und Karl-Marx-Allee wurde zur großen Trümmerwüste. Ab dem 24. Mai fuhren wieder die ersten U-Bahn Züge vom Alexander­platz nach Lichtenberg. Von Juni 1945 stieg die Anzahl der Fahrgäste der U-Bahn im Berliner Stadtgebiet von 18 auf 62 Millionen im Februar 1946. Die Linie E vom Alexanderplatz nach Lichtenberg wurde eingleisig mit einer Unterbrechung auf dem Bahnhof Samariterstrasse betrieben. Um den Fahrgastandrang bewältigen zu können, fuhren jeweils zwei Züge hintereinander. Die Betriebsabläufe gestalteten sich sehr schwierig. Ohne Signalunterstützung musste auf Sicht im 10 Stundenkilometertempo gefahren werden. Ein Gleis war bis Ende 1946 unbenutzbar, zudem wurden die Wiederherstellungsarbeiten wegen Grundwasserbildungen auf der Strecke erheblich behindert. Anfang 1948 jedoch waren diese Arbeiten soweit abgeschlossen, das eine 6-minütige Zugfolge, wie in der Vorkriegszeit möglich wurde.

Gedenk-Kachel am U-Bahnhof Weberwiese. Foto: Anke Wagner
Gedenk-Kachel am U-Bahnhof Weberwiese. Foto: Anke Wagner

Der Opfer gedenken

Die 108 Toten vom U-Bahnhof Memeler Straße kamen auf dem St. Andreas Friedhof in Hohenschönhausen zur Ruhe. Nach Aufhebung des Gräberschutzes 1965 wurden viele dieser Opfergräber für neue Bestattungen freigegeben. Um sie in ihrer Heimat zu bestatten, kam es 1973 zu einer Exhumierung von drei italienischen Zwangsarbeitern, die im U-Bahnhof zu Tode gekommen waren. Drei Felder des St. Andreas Friedhofs wurden 1997 im Sinne einer Gedenkstätte neu eingerichtet und Namenssteine gesetzt, hierunter 32 mit den Namen von Menschen, die im U-Bahnhof Memeler Straße umkamen.
Seit 2014 erinnert auf Initiative von Zeitzeugen, der BVG und dem FHXB-Museum eine kleine Tafel im Bahnhof Weberwiese an die schrecklichen Ereignisse des 26. Februar 1945.

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