Der Helenhof gegenüber dem früheren Apollo-Kino, Foto: Giovanni Lo Curto

Der schicke Helenenhof, Georg Noack im Glück, Herr Jaehn und Frau Patzer

Der Helenhof gegenüber dem früheren Apollo-Kino, Foto: Giovanni Lo Curto
Vom beliebten Kino „Apollo“ ist nichts mehr zu sehen, die Mieten im „Helenenhof“ gegenüber sind aber vermutlich immer noch hoch.  / Foto: Giovanni Lo Curto /

Geschichten aus der Sonntagstraße.

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Johann Gottfried Sonntag war ein Grundbesitzer, der um 1783 Gemüseparzellen an Berliner Gärtner verpachtete. 1901 wurde aus der „Straße 26a“ die „Sonntagstraße“.
Die Kuppelspitze über dem Eckhaus an der Sonntagstraße 29 war Schmuck, im Juni 1926 jedoch völlig durchgerostet und wurde abgesägt. Wegen der pilzförmigen Kuppel über dem Eingang des Kinos „Apollo“ blieb das Haus weiterhin auffällig. Das „Apollo“ hatte 200 Sitzplätze. Mit seinen Eintrittspreisen von bis zu 60 Pfennigen pro Person war es kein billiges „Handtuchkino“, dafür aber das Hinterzimmer einer Kneipe. Herr Siegfried, der Kinobesitzer, hatte ein Herz für seine Gäste. Er erlaubte ihnen das Rauchen im Zuschauerraum und handelte sich damit viele Rügen der Bauaufsicht ein. Viele seiner Gäste lebten in der Wohnanlage „Helenenhof“ in der Sonntagstraße 17 bis 22 und waren Angestellte oder Beamte. Der „Helenenhof“ bildete wegen seiner auf Licht und Luft ausgerichteten Architektur einen Kontrapunkt zu den engen und dunklen Mietkasernen im Umkreis. Der zwischen 1904 und 1906 erbaute Block sollte bei günstigen Mieten ein gesundes Wohnen ermöglichen. Aber für kleine Einkommen war dies nicht erschwinglich. So wohnten hier die „besser Gestellten“, die dem „Apollo-Kino“ ein Überleben sicherten. 1931, auf dem Höhepunkt von Massenarbeitslosigkeit und Firmenpleiten, ließ der Kinochef Wilhelm Siegfried eine teure Tonanlage ins „Apollo“ bauen. Das Ende des Kinos kam mit dem Bombenkrieg und dem Abriss des Eckhauses.

Hauseingang Helenhof | Foto: Giovanni Lo Curto
Der Helenenhof war eine Exklave der Kleinbürgerlichkeit im Arbeiterbezirk Friedrichshain. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Rettung per Heirat

Georg Noack wohnte in der Sonntagstraße 1, war Bauarbeiter und bis 1933  Stadtverordneter der KPD. Täglich ging er in der Zeit der Wirtschaftskrise zwischen 1929 und 1933 zur Stempel- und Zahlstelle des Arbeitsamtes in der Boxhagener Straße 76-78. Er agitierte Arbeitslose für die KPD, auch als diese schon verboten war. Bis zu seiner Festnahme im Juni 1934 stand Noack unter Beobachtung der Gestapo. Im September 1935 wurde er wegen „führender Leitertätigkeit im Bezirksverband Berlin-Brandenburg“ zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Frei kam er danach nicht, sondern 1940 ins Lager Sachsenhausen. Hanna Sauer, seine Freundin, ließ den Kontakt nicht abreißen. Sie war von der Idee ergriffen, ihren Georg zu heiraten. Trotz massiver Drohungen und Schwierigkeiten setzte sie sich durch. Am Morgen des 7. April 1943 sollte Noack „ans Tor kommen“. „Zur Verschickung in ein Todeslager“, dachte er. Doch vom Tor wurde er zu einer ganz normalen Dusche geführt, danach zum Rasieren geschickt und durfte einen Zivilanzug anziehen. „Ein perfides Spiel“, vermutete Noack, als er zum im Lager gelegenen Standesamt Oranienburg Zwei geführt wurde. Hier stand er seiner künftigen Frau Hanna, seinem Bruder Herrmann und Hannas Mutter gegenüber. Für zwanzig Minuten, für die Heiratsformalitäten, war Georg im „normalen Leben“. Das erste, was er im Block zurückgekehrt hörte, war: „Die Hochzeitsnacht wirst du Kommunistenschwein nie erleben“. Aber die Liebe besiegte den Hass. Noack überlebte das KZ und war später Stadtrat in Lichtenberg.

Alter Chef / neuer Chef

Im Bettfederngroßhandel von Robert Franken in der Sonntagstraße 31 wurde der 15jährige Walter Jaehn 1937 als Lehrjunge eingestellt. Drei Jahre später erhielt auch Clara Patzer für 180 Mark im Monat dort eine Anstellung als Verkäuferin. Sie war bis 1933 im Kaufhaus Merkur in der Frankfurter Allee tätig gewesen, wo sie 200 Mark verdient hatte, und war froh, nach sieben Jahren wieder eine Beschäftigung zu haben.
1941 erhielt der frischgebackene Textilkaufmann Jaehn den Einberufungsbefehl, und kam bald als Obergefreiter kriegsbeschädigt zurück. Bei Robert Franken wirkte er sehr erfolgreich und übernahm im November 1944 dessen Geschäft.
Gleich nach Kriegsende stand ein „Listenführer“ mit einem Fragebogen vor der Tür, um die Zugehörigkeit des Geschäftsführers zu NS-Organisationen zu prüfen. Das war unangenehm für Jaehn, der mit 19 Jahren in die NSDAP eingetreten war, um nicht anzuecken. Er leugnete im Fragebogen diese Mitgliedschaft, hatte aber nicht mit Frau Patzer gerechnet, die ihm am Morgen des 30. Juni 1945 eröffnete: „Als ehemaliger PG (Parteigenosse) werden Sie alles verlieren, weil ehemalige PG’s keine Geschäfte haben dürfen und wenn Sie nicht sofort unterschreiben, dann wird der Laden in einer Stunde geschlossen!“
Mit ihrer mündlichen Zusage, dass er das Geschäft zurückbekomme, „wenn alle PG`s ihre Läden wieder weiter betreiben dürfen“, überschrieb Jaehn ihr das Geschäft. Aber die Fragebögen wurden geprüft, Jaehns Schwindel flog auf. Er wagte es nicht, die 1.000 Mark, die Frau Patzer ihm für die Überschreibung versprochen hatte, anzumahnen. Laut dem Wirtschaftsamt, das sich jetzt einschaltete, war Frau Patzer überhaupt nicht berechtigt, Sequester – also Übernehmer zu sein.
Im Frühjahr 1947 kam es zu einer Verhandlung. Jaehn sagte aus, dass er sein Geschäft retten wollte. Er wurde zur bezirklichen „Pflichtarbeit“ abgeordnet. Einmal im Monat bekam er frei, um die Federreinigungsmaschine zu säubern und neue Angestellte in deren Bedienung anzulernen. Frau Patzer hatte ihren Mann für die Büroarbeit und zwei Frauen für die Federreinigung eingestellt. Jaehns Auge lag wachsam auf den Umsätzen, wo unglaubwürdig die Verluste über den Einnahmen lagen. Der ehemalige Geschäftsinhaber gab der Wirtschaftsprüfungsgenossenschaft Potsdam einen Tipp. Diese testierte im März 1948 eine Steuerhinterziehung und entzog Frau Patzer die Firma.
Am 14. Januar 1949 bezeugten Anwohner, Jaehn wäre nie in Uniform herumgelaufen und sei nur bei Geldsammlungen aktiv gewesen. Er habe niemanden geschadet. Damit galt er als „Mitläufer“ und durfte seine Firma wieder übernehmen.
Hilfreich war hier eine am 22. Mai 1945 in Kraft getretene Magistratsanweisung: „In Millionen Verkaufsgesprächen, die tagtäglich in den Einzelhandelsgeschäften geführt werden, entscheidet sich viel für die gute oder schlechte Stimmung im Volke. Hierbei kann der Kaufmann wesentlich mit dazu beitragen, die faschistischen oder militärischen Ideen im Volke auszurotten.“

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