Weinhändlerin Doreen Welke in ihrem Laden „wein&gut“ in der Schreinerstraße 22 in Berlin | Foto: Giovanni Lo Curto

„Wein einkaufen ist (ent)spannend!“

Weinhändlerin Doreen Welke in ihrem Laden „wein&gut“ in der Schreinerstraße 22 in Berlin | Foto: Giovanni Lo Curto
Doreen Welke in ihrem Weinladen, in dem auch Verkostungen stattfinden.
/ Foto Giovanni Lo Curto /

Die Weinhändlerin Doreen Welke.

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Als Berliner trinkt man Bier, so mein Postulat, natürlich gern auch mal ein Gläschen Wein. Wobei jeder seine Vorlieben hat, was Farbe und Süße beziehungsweise Nichtsüße anbelangt. Aber zum Liebhaber und Connaisseur, so mein bisheriges Vorurteil, reicht es in hiesigen Breiten nicht. Das, so meine Ansicht bis vor kurzem, ist etwas für Weinbauern, Saale-, Rhein- oder Moselländler oder für Leute mit zu viel Zeit und Geld. Und nun sitze ich Doreen Welke in ihrem Laden „wein&gut“ in der Schreinerstraße 22 gegenüber und muss erfahren, dass die Kenntnis von edlen, hochqualitativen Weinen längst auch in der Straße angekommen ist, in der ich seit fast dreißig Jahren wohne.

Auf Umwegen zum Ziel

Wie kam sie als Berlinerin auf die Idee, Weinhändlerin zu werden? „Ich habe mich immer gern mit Wein beschäftigt“, erzählt sie mir. „Wein habe ich schon früher zu DDR-Zeiten gemacht, so wie viele, aus Hagebutten oder Schlehen. Damals hatten wir noch Papierrollen oder Zettel an der Wohnungstür und einen Bleistift zum Hinterlassen einer Nachricht.“ Das ist wirklich lange her. „Auch später war ich oft mit Leuten zusammen, die etwas von Wein verstehen und die selbst Weinhändler sind. Das Riechen und Schmecken, Grundlagen, um einen Wein zu beurteilen, kann man lernen.“ Allerdings verlief der Weg zum Weingeschäft nicht geradlinig. Doreen ist in Rathenow zur Welt gekommen und groß geworden, in der Stadt der Optik im heutigen Brandenburg. „Ich empfand Rathenow als sehr provinziell. Berlin war für mich das Weiteste, wohin man damals hin konnte. Also zog ich 1985 hierher.“ Von Anfang an wohnte sie in Friedrichshain. Ihren Lehrberuf erwarb sie jedoch in Bautzen als Müllerin beziehungsweise als Müller, wie der Lehrberuf hieß. Die Vorstellung des Schwere- Säcke-Schleppens, die sich mit diesem Berufsbild verbindet, war schon zu DDR-Zeiten längst überholt. „Ich saß in der Schaltzentrale der Mühle am Osthafen und regulierte die Maschinen per Knopfdruck. Das Mehl floss automatisch in die Behälter der Lastkraftwagen.“ Doreen hatte keine Affinität zu diesem Beruf. „Es war eine Möglichkeit, von meinen Eltern wegzukommen. In Bautzen lebte ich im Internat.“ Dann gelangte sie zur Volksbühne, wo sie als Kleindarstellerin in Stücken wie Ulrich Plenzdorfs „Zeit der Wölfe“, Heiner Müllers „Leben Gundlings“ oder Michael Bulgakows „Meister und Margarita“ mitspielte. Sie gehört zu denen, die 1990 in der Eldenaer Straße ein leerstehendes Lokal besetzten und dort die „Kiezkultur“ etablierten. „Es gab Verträge damals, das wurde über einen Runden Tisch geregelt.“ Dass es den Laden „Kiezkultur“ nicht mehr gibt, ist, wie bei manch anderen Projekten von Freiwilligen, darin begründet, dass die Leute irgendwann auseinander laufen, ohne dass es Nachfolger gibt. In den Neunzigerjahren entschied sich Doreen Welke dafür, entsprechend ihrer Freude am Reisen einen weiteren Beruf zu lernen und wurde Reiseverkehrskauffrau. „Kurz danach kam das Internet“, bemerkt Doreen lakonisch. Die Menschen buchen ihre Reisen jetzt selbst. Warum sollte sie nicht ein weiteres Hobby zum Beruf machen?

Doreen Anfang der 1990er Jahre. | Foto: Privat
Doreen Welke Anfang der 1990er Jahre. / Foto: Privat /
„Bürger und Künstler Friedrichshains für eine Kiezkultur“. Besetzer Laden 1990. Auch heute noch engagiert sich Doreen für Kiezkultur – auf andere Weise. | Foto: Privat
„Bürger und Künstler Friedrichshains für eine Kiezkultur“. Besetzer Laden 1990. Auch heute noch engagiert sich Doreen für Kiezkultur – auf andere Weise. / Foto: Privat /

Leidenschaft für den Beruf

2015 öffnete sie ihren Laden in die Schreinerstraße. Sie verkauft nicht nur Weine, sondern auch ausgewählte Spirituosen. Ein Teil des Geschäfts besteht aus Weinverkostungen. Der persönliche Kontakt und Austausch mit ihren Winzern ist Doreen Welke sehr wichtig. So veranstaltet sie exklusive Weinverkostungen für ihre Kunden, zu denen die Winzer direkt bei ihr vor Ort sind. Strahlend und mit Leidenschaft beginnt sie von ihrem Beruf zu sprechen: „Acht von zehn Weinhändler sind männlich. Aber es gibt junge Winzerinnen, Töchter von Winzern. Die studieren, übernehmen die Betriebe ihrer Väter und machen neue tolle Weine!“ Es gibt einen Zusammenschluss von Winzerinnen, der mit dem Titel „weinweiblich“ an die Öffentlichkeit geht. „Deren Weine sind schlanker, filigraner, weniger alkoholreich, mit feinen Aromen. Sie sind leicht, trocken, handverlesen. Das heißt, sie sind nicht mit der Maschine geerntet, nicht industriell produziert, sondern meist in großen Holzfässern vergoren. Manche dieser Weine reifen dann in 225 Liter Barriquefässern aus Eiche nach. Diese jungen Frauen entdecken auch alte Rebsorten neu.“ Auch hier ist also das traditionelle Rollenverständnis in Bewegung. Das Keltern ist ein richtiger Studienberuf, so Doreen: „Kellerwirtschaft oder Önologie ist ein Hochschulstudium, das man in Deutschland in Geisenheim studieren kann.“ Önologie leitet sich aus dem Altgriechischen ab: Oinos – Wein. Ich erkundige mich nach dem Bio-Trend. „Es gibt durchaus gute Bioweine und es gibt auch eine Nachfrage. Deshalb führe ich auch welche“, antwortet Doreen. Auch vegane Weine werden angeboten. „Wobei das etwas schwierig ist. Herkömmliche Weine werden mit Gelatine geklärt, einem tierischen Produkt. Vegane Weine hingegen klärt man chemisch oder lässt sie ungefiltert. Das sind dann RAW-Weine.“

Weinhändlerin Doreen Welke in ihrem Laden „wein&gut“ in der Schreinerstraße 22 in Berlin | Foto: Giovanni Lo Curto
Eine Weinverkostung ist für die Gäste eine gemütliche Angelegenheit, der Weinhändlerin verlangt sie neben Aufmerksamkeit und Konzentration eine gründliche Vorbereitung.
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Drei Hobbys mit dem Beruf verbunden

Reisen und Wein, diese beiden schönen Dinge schafft Doreen Welke miteinander zu verbinden. Zunächst war das gar nicht so einfach. „In den ersten zwei Jahren habe ich keinen Urlaub gemacht. Jetzt geht es wieder. Montags bis sonnabends bin ich im Laden oder auch unterwegs, sonntags muss ich putzen und buchen.“ Auf meine Äußerung, dass sie die Arbeit lieben müsse, antwortet sie prompt: „Das tu ich. Absolut! Das mache ich leidenschaftlich gern!“ Auf meinen wohl etwas erstaunten Blick antwortet sie: „Wein einkaufen ist für mich entspannend. Ich gehe gern shoppen!“ Wohin geht es denn auf Reisen? „Ich unternehme Weinreisen. Wenn ich unterwegs bin, suche ich mir immer auch Touren mit Weingütern aus. Als Nächstens geht es nach Rumänien. Dort gibt es Weine, die man hier gar nicht kennt.“ Mit Wein und Reisen sind es zwei Hobbys, die Doreen Welke mit ihrer Arbeit verbindet. Ein drittes ist die Kunst. In ihrem Laden hängen stets für ein paar Wochen Bilder von Künstlern, die sie kennt und schätzt. Einige Plastiken stehen als Dauerleihgabe in den Schaufenstern. „Ich habe früher auch selbst gemalt“, bemerkt sie. Sie hält immer Ausschau nach interessanten Künstlern. „wein&gut“ ist inzwischen zu einem Geheimtipp unter Kunstfreunden geworden. Die nächste Vernissage findet mit einer Ausstellung des Künstlers Thomas Bühler am 23. März ab 20:00 Uhr statt. Es ist immer wieder interessant, auf welche Berufe Menschen kommen, die sich in ihrer Jugend trauten, sich auszuprobieren. Doreen Welkes Geschäft bereichert den Kiez um einiges und es wäre wünschenswert, wenn es mehr davon gäbe. Anfang Mai öffnet Doreen auch im Südkiez eine Weinbar am Ostkreuz. Und zwar in der Lenbachstraße 9.

wein&gut | Foto: Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

 

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