Edeltraut Pohl vor der Samariterkirche. Foto: Giovanni Lo Curto

Asylverfahren, das heißt immer noch zwischen Baum und Borke zu stehen.

Edeltraut Pohl vor der Samariterkirche. Foto: Giovanni Lo Curto
Papierkram zu erledigen ist eine Seite von Frau Pohls Engagement für Geflüchtete, die andere besteht aus viel Geduld und Nächstenliebe.

Edeltraut Pohl über frühere und gegenwärtige Aktivitäten der Samaritergemeinde.

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Mit Frau Pohl treffe ich mich im Büro des Samariterhauses. Während ich meine Sachen auspacke, sitzt die ruhige, aber auch sehr agile Frau am Schreibtisch und versucht einen Klienten anzurufen, den sie berät. Frau Pohl gehört zu den Menschen, denen ihr Alter nicht anzusehen ist, so wie bei vielen Leuten, die immer unterwegs sind. Auch in den Jahren ihres (Un-)Ruhestands ist sie das Gesicht der Samaritergemeinde geblieben.

Die Samariterkirche

Nachkriegskindheit

Frau Pohl wuchs in der Rigaer Straße auf. Ihre ersten Jahre verbrachte sie genau dort, wo heute die Kulturkneipe FILMRISZ logiert und sich auch der Sitz des Zeitzeiger-Vereins befindet, in der Rigaer Straße 103. Bombentrichter in den Straßen und Kriegsruinen gehören zu ihren frühen Kindheitserinnerungen. Dazu kam die Angst vor sowjetischen Soldaten, die ihre Mutter vergewaltigt hatten.
Weil sie gern zeichnete, lernte sie den Beruf der Technischen Zeichnerin und qualifizierte sich in einem Fernstudium weiter. Als ihre Kinder klein waren, blieb sie daheim und verdiente sich etwas mit Schreibarbeiten hinzu. Diese vermittelte ihr ihr Mann, der in der Akademie der Wissenschaften arbeitete. Aber irgendwann wollte sie wieder unter Leute. Auf das Angebot, in der Schule in der Jessnerstraße als Sekretärin anzufangen, wollte sie zuerst nicht eingehen. Schließlich willigte sie aber doch ein.

Mustergültiges DDR-Schulsystem?

Hartnäckig hält sich die Fama, dass das DDR-Schulwesen sehr viel besser gewesen sei als das gegenwärtige. Das dies nicht so war, hat auch Frau Pohl zur Genüge erfahren: Als sie eine Osternacht in der Lichtenberger Erlöserkirche besuchte, traf sie auf eine Schülerin aus ihrer Schule, die ein erschrockenes Gesicht machte. Den Grund dafür erfuhr Frau Pohl später. Der Direktor schickte Schüler in kirchliche Veranstaltungen, um dort zu spionieren, ob jemand aus der Schule dabei war. Das berichteten ihr die Schüler.
„1983, um den 7. Oktober, den Staatsfeiertag herum, kamen ein paar Jungs zu mir ins Sekretariat und fragten, ob ich eine Rasierklinge habe. So was gehörte damals zum Handwerkszeug einer Schreibkraft.“ Die vor dem Computerzeitalter gebräuchlichen Schreibmaschinen hatten keine Löschtaste. Einem falsch geschriebenen Buchstaben konnte man allenfalls noch mit einer scharfen Rasierklinge beikommen. Frau Pohl wusste nicht, dass die Schüler vorhatten, mit der Rasierklinge das DDR-Emblem aus einer Fahne heraus zu schneiden. „Die wurden wie Schwerverbrecher behandelt. Von der Polizei abgetastet und dann fortgeführt.“ Noch heute klingt ihre Empörung darüber durch.

Blues-Messe in der Samariterkirche. Zu den legendären Blues-Messen reisten junge Leute aus der ganzen DDR an
Zu den legendären Blues-Messen reisten junge Leute aus der ganzen DDR an

Irrationale Schulpraktiken

Trotz sehr guter Noten durften Frau Pohls Kinder nicht, wie gewünscht, an der katholischen Theresien-Schulein Prenzlauer Berg ihr Abitur ablegen. Nur einer Tochter wurde gestattet, eine staatliche Erweiterte Oberschule besuchen. „Dass ich zur Kirche kam, daran sind eigentlich meine Kinder Schuld“, sagt sie schmunzelnd und erzählt, dass ihr Sohn in der Schule wegen eines Peace-Buttons, den er trug, Ärger bekam. Dieses Zeichen wäre ein westliches Emblem, richte sich gegen die DDR und könne daher nicht geduldet werden. Als ihr Sohn in der Schule erzählte, dass er gern Pfarrer werden möchte, wurde von ihm verlangt, sich dafür vor dem Appell der Schule zu rechtfertigen. Dies konnte jedoch verhindert werden. Ihre Tochter wurde von einer Schul-Weihnachtsfeier ausgeschlossen, weil auf dieser auch der Pioniergeburtstag begangen werden sollte. „Dann machst Du eine kleine Weihnachtsfeier mit ein paar von deinen Schulfreunden bei uns“, ermutigte Frau Pohl sie. Es kam die ganze Klasse und Frau Pohl musste sich von der Direktorin den Vorwurf anhören, mit einer Gegenveranstaltung provoziert zu haben. DDR-Schulalltag. Durch ihren Bruder, einen Pfarrer, erfuhr sie, dass Rainer Eppelmann, der Pfarrer in der Samariterkirche, eine Sekretärin suchte. „Sobald das Grüne Licht vom Gemeindekirchenrat kam, habe ich in der Schule aufgehört zu arbeiten. Von einem Tag zum anderen.“

Blues-Messe in der Samariterkirche. Zu den legendären Blues-Messen reisten junge Leute aus der ganzen DDR an.
Blues-Messe in der Samariterkirche.

Veranstaltungen des Friedenskreises

Die Samariter-Gemeinde gehörte in den 1980er Jahren zu den aktivsten Gemeinden der DDR-Hauptstadt. Schon in den 1930er Jahren waren hier Christen aktiv, die mit den Vorstellungen der Deutschchristen, die in Hitler den neuen Messias sahen, nicht einverstanden waren. Pfarrer Wilhelm Harnisch (1887–1960), ein charismatischer und streitbarer Geist, legte sich auch später in der DDR mit der Verwaltung an. Als in den 1970er Jahren der ehemalige Bausoldat Rainer Eppelmann Pfarrer wurde und als Kreisjugendpfarrer mit neuen Veranstaltungsformen experimentierte, wurde die Gemeinde landesweit bekannt. Zu den legendären Blues-Messen reisten junge Leute aus der ganzen DDR an und stürmten regelrecht das Gotteshaus. Getragen werden konnte dies und die sich anschließenden Konflikte mit politischen Amtsträgern nur durch die aktive Gemeinde. Diskussions- und Bildungsveranstaltungen, die das vorherrschende einseitige Politik- und Geschichtsbild um neue, offiziell nicht erwünschte Perspektiven erweiterten, wurden wie die ganze Arbeit des Friedenskreises ebenso von der Gemeinde und damit auch von Frau Pohl gestemmt.

Ein Alt-Berliner Abend in der „Guten Stube“ der Samaritergmeinde (links Edeltraut Pohl, mit Frau Mueller-Schlomka), 1987
Ein Alt-Berliner Abend in der „Guten Stube“ der Samaritergmeinde (links Edeltraut Pohl, mit Frau Mueller-Schlomka), 1987
Friedenspartnerschaft mit der Amsterdamer Dominikus-Gemeinde 1986 in Waldsieversdorf.
Friedenspartnerschaft mit der Amsterdamer Dominikus-Gemeinde 1986 in Waldsieversdorf.

Aktive Stadtteilpolitik unter den Bedingungen der Diktatur

Wie kommen die Bäume in die Samariterstraße? Kaum jemand weiß noch, dass fast alle Straßen im Samariterviertel aus bloßem Gestein bestanden. 1984 pflanzte die Samaritergemeinde die ersten Bäume an den Straßenrand. Weil die Aktion sehr gut bei den Anwohnern ankam, sah sich die Stadt genötigt, auch die andere Straßenseite mit Bäumen zu bepflanzen. Es galt als nicht opportun, wenn es hieß, dass die Kirche die Straßen begrünte. So betrieb man in der DDR Kommunalpolitik. Auch bei der Auszählung der Wahlstimmen bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989, mit der die Praxis der Wahlfälschung der SED dokumentiert werden konnte, hatte die Gemeinde einen wichtigen Anteil.
„Der Verein Kirchenasyl e.V. wurde im Westteil der Stadt in den 1980er Jahren aus dem Arbeitskreis Asyl gegründet“, erklärt Frau Pohl. Nach den Asylanfragen suchte die Gemeinde nach kompetenten Mitarbeitern und fand sie in diesem Verein.

Flugblatt der Samariterkirche 1984
Flugblatt der Samariterkirche 1984
Interreligiöses Gespräch 2003 in der Samariter-Gemeinde Edeltraut Pohl mit Rabbi Rothschildt, Imam Tariq, Pfarrer Pahnke
Interreligiöses Gespräch 2003 in der Samariter-Gemeinde
Edeltraut Pohl mit Rabbi Rothschildt, Imam Tariq, Pfarrer Pahnke

Neue Felder des Engagements

„Die ersten, die um Asyl baten, waren Juden aus der Sowjetunion. 1991 wurde für sie Samariter zur ersten Station in Deutschland. Eine zweite Welle Flüchtlinge kam kurz darauf aus den Kriegsgebieten in Bosnien. Wir hatten damals zwei Wohnungen für zwei Familien.“ Samariter bot Unterschlupf, bis die Familien weiterzogen. Zu etlichen pflegt man noch Kontakt.
Dann kamen die ersten afrikanischen Flüchtlinge. Frau Pohl erläutert: „Das Verfahren ist so, dass man gefragt wird, ob man bereit ist, Asylsuchende aufzunehmen. Es gibt stilles und offenes Kirchenasyl. Das heißt, dass manches Asyl nicht bekannt gegeben wird, weil die Menschen besonderen Schutz brauchen.“

Das Flüchtlingscafé, das in der Woche einmal von der Gemeinde, ein anderes Mal von Sudanesischen Flüchtlingen betreut wird, ist eine weitere Form der Unterstützung. „Ich brauche gar nicht dabei zu sitzen“, unterstreicht Frau Pohl. „Man kann sich auf sie verlassen. Alle Absprachen werden eingehalten.“

 

Samariterhaus. Foto: Giovanni Lo Curto

Nervenaufreibende Auseinandersetzungen

Dramatisch war die Rettungsaktion eines Tschetschenen, der 2008 über Polen in die EU eingereist war und nach Polen abgeschoben werden sollte. Dort aber legt der tschetschenische Geheimdienst große Aktivitäten an den Tag. Anwälte mahnten, ihn nicht zurück zu schicken, zumal er auch nicht reisefähig war. Er unterzog sich gerade einer Behandlung im Zentrum für Folteropfer. Sein Lager, ein Feldbett, hatte er im Büro der Gemeinde aufgeschlagen. Durch einen Zufall war er gerade nicht im Samariterhaus, als die Polizei ihn dort herausholen wollte. Von nun an übernachtete er in der Kirche. Freunde besorgten ihm Videos in russischer Sprache, doch um deutsch zu lernen, bestand er auf deutsche Filme. Die Situation eskalierte, als die Polizei vor der Kirche erschien. Über eine Telefonkette wurden Freunde und Mitstreiter alarmiert, eine ganze Stunde läuteten die Kirchenglocken. Nachbarn liefen zusammen, Politiker fast aller Parteien erschienen. In der Kirche wurde Andacht gehalten, mit Taizé-Gesängen versuchte man der Anspannung zu begegnen. Schließlich brach die Polizei den Einsatz ab. Von Stund an ließ die Gemeinde den Flüchtling nicht mehr allein. Verhandlungen des Generalsuperintendenten mit dem Polizeipräsident führten zu einer medizinischen Untersuchung durch einen Polizeiarzt und zu einer Einweisung in die Charité. Frau Pohl wachte im Krankenzimmer, bis die erlösende Nachricht kam: Deutschland tritt in ein Asylverfahren ein. Dieser Erfolg war möglich, weil die Gemeinde jahrzehntelang Erfahrungen in gewaltfreier Konfliktbewältigung gesammelt hatte. Aber Frau Pohl hat auch Rückschläge erlebt. „Asylverfahren, das heißt immer noch zwischen Baum und Borke zu stehen.“ Ein Sudanese hielt es nach zehn Jahren nicht mehr aus und ging zurück ins Bürgerkriegsland. „Wir haben kurz darauf über unsere Kanäle erfahren, dass er nur zwei Tage überlebt hat.“ Das längste Asylverfahren, von dem sie gehört hat, dauerte 17 Jahre. Bis heute – nach 30 Jahren Aufenthalt in Deutschland – muss sich der Betreffende immer noch regelmäßig seine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen.

Edeltraut Pohl vor der Samariterkirche. Foto: Giovanni Lo Curto

Keine Überraschung

„Es ist zu erwarten gewesen“, sagt Frau Pohl, als ich mich nach ihrer Ansicht zur aktuellen Flüchtlingsproblematik erkundige. „Abgesehen von den Kriegsereignissen, notwendig wäre, die Ursachen der Flucht abzustellen, die Strukturen grundsätzlich zu ändern.“ In Afrika kaufen internationale Unternehmen Land, das von den Einwohnern bearbeitet wurde und nun für den Anbau von Blumen oder andere Plantagen genutzt wird. Industriell hergestelltes Geflügel aus den reichen Staaten zerstört die Märkte vor Ort. Es gibt neue Betriebe, in denen kein Afrikaner arbeitet, weil die Unternehmen ihre eigenen Leute mitbringen. Die Regierungen sind korrupt. „Aber die Menschen sehen im Fernsehen und im Internet, dass es uns gut geht und dass wir im Frieden leben. Also machen sie sich auf den Weg zu uns.“

Edeltraut Pohl vor der Samariterkirche. Foto: Giovanni Lo Curt
Frau Pohl vor der Samariterkirche. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Sorge um die Zukunft

Welche Mühe hinter dem Erfolg steht, wird deutlich, wenn Frau Pohl über die Zukunft spricht. „Es muss jemand geben, der die Arbeit später fortführt“, sagt sie. „Es reicht nicht, nur so ein-zwei Mal mitzumachen, obwohl auch das gut und wichtig ist.“ In der Tat, wer ist bereit, so viel Zeit für des ungewisse Schicksal eines Menschen zu opfern? Man muss auch viel aushalten können: „Es gibt Leute, die sagen, dass sie das Leid, das sie sehen, nicht ertragen können. Die leiden selbst darunter.“
All das stimmt sehr nachdenklich. Die neue Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen, die gerade gefeiert wird, muss sich noch bewähren. In der Samaritergemeinde wird sie seit Jahrzehnten praktiziert.

www.gsfn.de/gemeinde-aktiv/auslanderberatung

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