Die ehemalige Möbelfabrik, Foto: Antje Öklesund

Rigaer Straße 71–73 A

Abrissarbeiten in der Rigaer Straße 71–73 A, Foto: Anke Wagner
Abrissarbeiten in der Rigaer Straße 71–73 A: In unserem Nachbarbezirk Lichtenberg werden Häuser aus Schlackbeton in Stadtführungen aufgenommen und im Museum als seltenes Kulturgut gewürdigt. / Foto: Anke Wagner /

Historische Struktur und  Atmosphäre

Als der Gewerbehof entstand, waren um ihn herum noch Felder und unendlich viel Platz. Weder die Samariterkirche noch der Schlachthof existierten. Dort, wo es jetzt enger und wo heftig gestritten, wo jeder verfügbare Zentimeter bebaut und verkauft wird, da waren im 19. Jahrhundert Wiesen und Felder, die zum Dorf Lichtenberg gehörten. Die Keimzelle des Hofes entstand unter Federführung des Landmaschinenfabrikanten Heinrich Eckert. Nach Maßgabe der Allgemeinen Arbeiter-Wohlfahrt baute er 1875/76 zwei straßenseitig liegende Wohnhäuser und zwei zurückliegende Gebäude, in denen zwischenzeitlich eine Schule und Ställe untergebracht waren.
Die kürzlich trotz Denkmalschutz abgerissenen Häuser sind in einer ganz besonderen Bauweise entstanden: Sie sind aus Schlackebeton.

Nicht lange im Besitz Eckerts

1885 kaufte der damals 30-jährige Robert Seelisch das Anwesen und wohnte auch selbst dort. Er gab dem Areal seine prägende Funktion: über viele Jahre war es eine Möbelfabrik. Diese Fabrik steht exemplarisch für die rasante Entwicklung des Nordkiezes. Ende des 19. Jahrhunderts stand die stetig erweiterte Fabrik noch auf der grünen Wiese. Aber der sogenannte Wilhelminische Gürtel, die Bebauung des damaligen Berliner Stadtrandes mit den typischen gründerzeitlichen Mietskasernen, griff auch im Nordkiez des Friedrichshain um sich, wo zwischen 1900 und 1910 die gesamte Nachbarschaft bebaut wurde – und Seelisch konnte sie mit Möbeln ausstatten!

Exemplarisch für die deutsche Geschichte

Nach dem ersten Weltkrieg wurde der Gewerbehof verkauft. Der emsige, aber offenbar inzwischen verstorbene Seelisch hatte den Besitz an seine Frau Gertrud weitergeben, die ihn zunächst an die Brüder Simon und Mechel Beiser verpachtete und 1918 an sie verkaufte. Die Brüder betrieben die Möbelfabrik bis 1938 weiter, mussten jedoch aufgrund ihrer jüdischen Herkunft das Gelände unter Druck an die Firma Max Schlötter verkaufen, die hier Rüstungsgüter produzierte. Die Brüder Beiser wurden ermordet, Mechel Beiser 1942 gemeinsam mit seiner Frau Rosalie in Riga und Simon Beiser entweder im Warschauer Ghetto oder – wahrscheinlicher – im Vernichtungslager Treblinka. Stolpersteine in Charlottenburg erinnern an die beiden. Auf dem Gelände in der Rigaer Straße 71–73 A ist bis heute kein Gedenkort vorhanden.
Schlötter wurde 1945 enteignet und die Nutzung des Hofes ging in verschiedene Richtungen: Werkstätten, aber auch Büros der Staatsicherheit und des Wehrkreiskommandos waren hier untergebracht. Nach der Wende wurde das Gelände an die Erben der Brüder Beiser rückübertragen.

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