Wehrhaft am Ostbahnhof

Die Sisha-Ossi-Bar am Ostbahnhof. Foto: Detlef Krenz
Die Sisha-Ossi-Bar am Ostbahnhof.

Die Erich-Steinfurth-Straße

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Sie ist als „Antik Trödelmarkt“ bekannt oder als „Bahnhofsmission“ und eher eine Fußgängerzone, die Erich-Steinfurth-Straße unmittelbar am Ostbahnhof.
Der gelernte Schlosser Erich Steinfurth, geboren am 10. August 1896, kam 1920 in den Betriebsrat  vom Reichsbahnwerk Grunewald. Als Mitglied der KPD leistete er im November 1923 Widerstand gegen den  Hitler-Ludendorff-Putsch in München.
1925 wurde er zum Leiter der „Roten Hilfe“ im Bezirk Berlin-Brandenburg ernannt. In der Hauptsache unterstützte die „Rote Hilfe“ materiell und ideell linke politische Häftlinge und deren Angehörige.  Als Abgeordneter für die KPD ging Steinfurth von 1929 bis 1933 in den preußischen Landtag. Im März 1933 wurde er verhaftet, gefoltert und ins KZ Sonnenburg gebracht. Er wurde in der Nacht vom 1. zum 2. Februar 1934 „auf der Flucht“ von der Gestapo erschossen.
1962 erhielten das „Klubhaus der Eisenbahner am Berliner Ostbahnhof“ und die direkt am Ostbahnhof gelegene „Madaistraße“ den Namen Erich Steinfurths.

Steinfurth-str-City-Toilette. Was früher das „Café Achteck“ war, ist heute die City-Toilette. Foto Detlef Krenz
Was früher das „Café Achteck“ war, ist heute die City-Toilette.

Madaistraße: Ein Name als Drohung

War Erich Steinfurth ein Kämpfer für die Rechte der Unterdrückten, so diente Guido von Madai den Interessen der Mächtigen. Am 12. August 1872  zum Polizeipräsidenten von Berlin ausgerufen, ließ Madai am 27. August 1872  ein Hüttendorf „auf den Schlächter­wiesen vor dem Kottbusser Tor“ räumen. Auf den noch frei liegenden Feldern vor dem Kottbusser Tor hatten Obdachlose  ein Dorf aus 21 Baracken errichtet, denn im zur Metropole aufstrebenden Berlin der 1870er Jahre waren preiswerte Wohnungen rar.
Neben 200 bewaffneten Polizisten zerstörte die Feuerwehr Möbel und Behausungen. Deren Bewohner kamen ins „Arbeitshaus“.
Der Rechtswissenschaftler Madai war zuvor Polizeipräsident von Frankfurt am Main. Sehr nachhaltig war seine Verfügung zur Aufstellung von Pissoirs – Oktagone mit sieben Stehplätzen und automatischer Wasserspülung – vor allem an Marktplätzen. Für den Volksmund wurden diese Toilettenhäuschen zum „Café Achteck“. Laut einer Bekanntmachung vom 16. März 1886 erhielt „eine zwischen der Koppen- und der Fruchtstraße angelegte Straße“ seinen Namen.
Die „Madaistraße“ am Schlesischen Bahnhof und in einem der ärmsten Berliner Stadtviertel  war verrufen. Im November 1934 mietete hier der SA-Sturm 40 („Horst-Wessel“), die S-Bahnbögen Nr. 24/25.

Ein mutiger Herr Jordan

Zehn Jahre lebte Prof. Dr. Karl Friedrich Jordan in der Madai­straße 3. Er schrieb Lehrbücher, viele Theaterstücke und als „Max Katte“ oder „Dr. phil. Arduin“ veröffentlichte Jordan Artikel im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“, einer Zeitschrift des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld.
Über seinen im Jahr 1900 veröffentlichten Aufsatz „Aus dem Leben eines Homosexuellen“ wagte er den Schritt in die Öffentlichkeit. Er bekannte offen, „sich nie zu Frauen hingezogen gefühlt zu haben“. Mit 14 sammelte er erste Erfahrungen. „Eine unerwiderte Liebe“, sagte Jordan später, weil „er anderer Natur war als ich“. Er gestand, von zwei Männern wegen seiner Neigung erpresst worden zu sein. Der 1862 geborene Jordan war im „Aktions­ausschuss zur Abschaffung des § 175“, ein Vorkämpfer für die Rechte gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Wilhelminischen und Weimarer Zeiten.

Selbstbewusste Schönheiten in einem Hauseingang in der Erich-Steinfurth-Straße. Foto Detlef Krenz
Selbstbewusste Schönheiten in einem Hauseingang in der Erich-Steinfurth-Straße

„Günstlinge des Mondes“

Für die bürgerliche Welt waren Haftentlassene vom „Verderbnis der niedrigen Klasse“ gekennzeichnet. Sie fanden weder Wohnungen, noch reelle Arbeit. Um ihnen solidarische Unterstützung zu geben, gründeten Ex-Häftlinge 1891 einen Verein. Sinn war, den Mitgliedern über Kontakte zu Kneipen und anderen Örtlichkeiten Jobs zu verschaffen. 1898 schlossen sich 12 solcher Vereine zum Dachverband „Ring Berlin“ zusammen. Hier organisierten sich Bettler, Einbrecher, Heiratsschwindler oder wie im „Apachenblut“ Zuhälter.  Junge Frauen, die am Schlesischen Bahnhof ankamen, gerieten oft in die Fänge der „Apachen“. Sie wurden, wenn sie sich „auffordernd“ verhielten, von der Polizei erkennungsdienstlich behandelt, zu „Kartenmädchen“.
Korruption, Erpressung, Schwarzmarktgeschäfte ließen den „Ring Berlin“ nach dem 1. Weltkrieg zum „Staat im Staate“, werden. Am 28. Dezember 1928 kam es in der Kneipe von Gastwirt Bach in der Madaistraße – das Haus wurde 1963 abgerissen – zu einer Schlägerei zwischen „Ringbrüdern“ und Hamburger Zimmerleuten. In der Kneipe „Kuhn“, in der Madaistraße 11, dem Lokal der „Friedrichshainer“ Brüder, trafen sich die Ringbrüder für eine Aktion gegen die Zimmerleute, die sich am Schlesischen Bahnhof zur Massenschlägerei mit Todesopfern entwickelte.
Nach einseitigen Polizeiermittlungen – der Konflikt war von den Zimmerleuten ausgegangen – und nach einer Massenverhaftung von Ringbrüdern engagierte das vermögende „Kartenmädchen“ Hulda Spindler und ihre Kolleginnen den Staranwalt Erich Frey und den berühmten Verteidiger Prof. Arlsberg. Mit Verweis auf die soziale Funktion der Ringvereine gelang es den Anwälten, die Beweislast umzukehren. Es folgten milde Strafen für die Ringbrüder. Zehn und fünf Monate auf Bewährung für zwei Angeklagte, die anderen sieben wurden freigesprochen.
Heute sieht man hier die „Shisha Ossi Bar“ oder die „Neue Bäckerei“ und fühlt sich ins einstige Hüttendorf am Kottbusser Tor versetzt.

Alle Fotos: Detlef Krenz

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