Friedhöfe in Friedrichshain | Quelle: privat

Von Herzen

Friedhöfe in Friedrichshain | Quelle: privat
Engel zieren Gräber die Gräber vieler dahingegangener Friedrichshainer / Quelle: privat /

Friedhöfe in Friedrichshain.

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Friedhöfe sind ein Spiegel der intimen Verbundenheit des Vergangenen mit der Gegenwart im Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse. Drei Friedrichshainer Friedhöfe werden gemeinsam verwaltet, jener der St.-Petri-Gemeinde und die Friedhöfe II und V der Georgen-Parochial-Gemeinde, alle an der Friedenstraße gelegen. Am Volkspark gibt es den historischen Friedhof der Märzgefallenen und der älteste Friedrichshainer Friedhof, der auch zu den ältesten in Berlin zählt, grenzt an die Alt-Stralauer Dorfkirche.

Abstand

Vom 13. Jahrhundert an wurden in Berlin Bestattungen nahe der Kirchen durchgeführt. Seit im Römischen Reich das Christentum zur Staatsreligion wurde und man Kirchen über den Gräbern von Märtyrer baute, möchten Gläubige in unmittelbarer Nähe der Kirchen bestattet werden. Vermögende erhielten unweit vom Altar einen Platz an der Kirchenmauer. Weit von der Kirche entfernt, auf einer Bahre versenkt, kamen die Toten der Armen in die Erde. Eine wahrlich seuchenfördernde Praxis. Als die Einwohnerzahl Berlins auf über 100.000 stieg, wurden die Friedhöfe wegen dieser Seuchengefahr vor die Stadttore verlegt. Bis auf den Friedhof auf der Halbinsel Alt-Stralau waren alle anderen Friedrichshainer Friedhöfe nahe dem Rand der alten Zollmauer angelegt.

Gedenken

Etwa 61.000 Mitglieder zählte Mitte des 19. Jahrhunderts die Parochial-Gemeinde. Cholera, Schwindsucht und Kindbettfieber forderten Opfer: Frauen, Kinder, Alte und Arme. Etliche dieser Bedauernswerten fanden zwischen 1800 – 1881 auf dem Armenfriedhof der Auferstehungskirche an der Friedenstraße ihre letzte Ruhe. Zu deren Beisetzung sprach meistens der Totengräber ein „stilles Vaterunser“ und nahm wie die Anwesenden den Hut ab. Nur eine von 60 Bestattungen war von einem Geistlichen begleitet. Reiche Familien konnten sich „ihre Stelle“ reservieren lassen, wie jene des Holzgroßhändlers David Francke auf dem Friedhof II der evangelischen Georgen-Parochial-Gemeinde in der Friedenstraße 80. Einer Krone gleich wölbt sich hier der Familienname über dem Scheinsarkophag des Mausoleums der Franckes, dessen Gestaltung das Architekturbüro Werner Lundt und Georg Kallmorgen 1903 übernahm. Vier Bronzeplastiken, vom Bildhauer Johann Michael Bossard entworfen und von der Gießerei Noack angefertigt, geben allegorische Darstellungen von vier Lebensaltern wieder. Die erste, ein Knabe mit Adler, blickt hoffnungsvoll in die Ferne. Ein Jüngling mit Harfe ist die zweite und die dritte Figur zeigt das Antlitz von David Francke, der als reifer Mann auf einem geflügelten Löwen sitzt. Einen ausgemergelten alten Mann stellt die vierte Figur dar, der einen Totenschädel in der Hand hält. Zwischen 1900 bis 1930, entstanden die meisten solcher Grabstellen, die Zeugen ihrer Zeit sind. Gestaltet im Geist des Jugendstils, im Reformstil und des Art Déco, von einem der über 400 Berliner Bildhauer. Sie sind fast alle vergessen, ihre Kreationen für die Grabdenkmäler wurden zerstört oder eingeschmolzen.

Friedhöfe in Friedrichshain | Quelle: privat
Die Kunstvolle Gestaltung von Grabmalen wird oft verkannt. / Quelle: privat /

Ohne Romantik

Für Gleichförmigkeit auf dem Friedhof sollte nach 1933 ein „Arischer Grabstein“ aus Eisenkunstguss sorgen, zumindest nach Planungen. Der „Grabstein für alle“, hätte einen Meter hoch und 40 Zentimeter breit werden müssen, dazu von einer untergehenden Sonne im halbrunden Relief und einem halben Hakenkreuz verziert werden sollen. Für jeden war das gleiche Gussmodell vorgesehen. Wie bei Hydranten- oder ähnlichen Schildern sollten über bewegliche Lettern Namen, Daten sowie ein Spruch austauschbar werden. Nicht nur die Ideologie auch der Platzmangel auf den Friedhöfen war Anlass für diese Überlegungen. Feuerbestattungen wurden empfohlen.Sie sollten dem Platzmangel ebenfalls abhelfen und auch die Seuchengefahr reduzieren, die wegen der Gefährdung des Grundwassers entstand. Professor Virchow und der „Verein für Feuerbestattung“ setzten sich schon früh für diese Form der Bestattung ein, die seit 1886 über eine Sondergenehmigung gestattet und ab 1911 in Preußen gesetzlich zugelassen war.

Wenig Andacht

Um die Opfer von Bombenangriffen oder Straßenkämpfen in Friedrichshain zu bestatten, wurden „Notfriedhöfe“ eingerichtet. So geschehen an der Palisadenstraße Nr. 88. Im Februar 1952 kam bei Aufräumarbeiten unter einer dünnen Schuttschicht karierter Stoff zum Vorschein. Nicht nur einer, sondern sechs Tote lagen hier. Ein „Volkssturmführer“ war an seinen erhaltenen Achselstücken zu erkennen, neben drei Soldaten, alle ohne Erkennungsmarke. Außerdem eine junge Frau mit etwas Schmuck und Geld im Lederbeutel und ein weiteres Skelett in Uniformjacke, diesmal mit einem noch erhaltenen Gestapoausweis im Ärmelaufschlag. „Die Gefundenen waren schon Tot, als das Haus Nr. 88 im Bombenhagel zusammenbrach“, wussten Zeugen der umliegenden Mietshäuser. Die Leichen mussten von der Straße. Auf Befehl des Stadtkommandanten habe man in den letzten Kriegstagen die Aufgefundenen in den Hausflur Nr. 88 gelegt. Bischof Dibelius erwähnte am 22. Juli 1945, dass es wegen Krankheit oder Hunger täglich in Berlin 1.000 Tote zu beklagen gäbe. Es konnte Tage dauern, bis Angehörige mit einem Verstorbenen auf dem Handwagen, der falls überhaupt in Papier gewickelt war, einen Bestattungsort fanden. Oft waren Gräber durch Granateinschläge geöffnet. Auf den Friedhöfen versperrten zerschossene oder umgepflügte Grabsteine die Wege. Meistens hoben die Angehörigen die Gräber aus, legten „ihre Toten“ in die Gruben und schütten diese wieder notdürftig zu. Und die Angehörigen mussten pünktlich zu Hause zu sein, denn die Sperrstunden im sowjetischen Sektor waren einzuhalten.

Viel Andacht

Viele Anbieter sind heute auf dem Friedrichshainer Bestattermarkt tätig. Man kann die Asche seiner Verstorbenen zum Diamanten brennen oder per Miniurne in den Weltraum schießen oder in eine fantasievolle Urne schütten lassen. Für prunkvolle Grabmäler gibt es heute wegen knapper Belegungsflächen keinen Platz mehr.

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