Frankfurter Allee, 1946 Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-S74639, Wiki Commons

„Ich bin Trümmerfrau gewesen“

Zeiten:
Frau Möller mit zwei Stempelheften aus ihrer Zeit als Trümmerfrau. / Foto: Christina Schröder /

Ein schwerer Start ins Leben.

Von Christina Schröder.

Heute kaum noch vorstellbar, waren Teile der Berliner Innenstadt, nachdem der furchtbare Krieg an seinem Ausgangsort zurückgekehrt war, ein einziges Trümmerfeld. Mit seinen bizarr in den Himmel ragenden Ruinenresten und Schuttbergen, die sich auch über Straßen ausbreiteten, glich die Stadt eher einer eigentümlichen Wüstenlandschaft. Viele hatten alles verloren, auch Angehörige und Freunde, nicht wenige verzagten angesichts dieser Ödnis.

Stempelheft der Trümmerfrauen | Foto: Christina Schröder
Stempelheft des Nationalen Aufbauprogramms Berlin von 1952 / Foto: Christina Schröder /
Stempelheft der Trümmerfrauen | Foto: Christina Schröder
Von Frau Möller geleistete Sonderschichten im Jahr 1954. / Foto: Christina Schröder /

Enthusiasmus bei jungen Menschen

„Zuerst wurden immer die Straßen freigeräumt“, erzählt Frau Möller*, Jahrgang 1930, und beschreibt mir die Gegend im Berliner Zentrum, in der sie Steine geklopft hat. „Kein Haus stand mehr in der ganzen Straße, es war alles kaputt.“
Aus den Ruinen der zerstörten Häuser, aus den Schuttbergen wurden die Ziegelsteine geborgen und für den Wiederaufbau Berlins verwendet. In der Bauweise „Stein auf Stein“ waren die Häuser einst gemauert, und nun wurde Stein für Stein von Trümmerfrauen in die Hände genommen. Der Mörtel wurde abgeschlagen und abgekratzt, Trümmerbrocken auseinandergeschlagen, Stein für Stein wiedergewonnen und Stein für Stein gestapelt. „Schwere Arbeit war das, aber wir waren jung und hatten Kraft. Wir bekamen dicke Handschuhe und Hämmer, die an einer Seite verbreitert waren, um Mörtel und Kies ordentlich abklopfen zu können.“
In den Jahren 1952 und 1954 ist Frau Möller Trümmerfrau gewesen. Das Nationale Aufbauwerk (NAW) hat die Einsätze organisiert, dort hat sie sich freiwillig gemeldet. Für je drei Stunden, die sie immer nach Feierabend leistete, bekam sie einen Stempel in die Aufbaukarte. Oft war sie erst gegen 20 Uhr zu Hause. „Es war eine Bewusstseinsfrage, so nannte man das damals, der Wiederaufbau war lebensnotwendig.“
In einer Dokumentenmappe hat Frau Möller die Aufbaukarten aufbewahrt. Sieben Jahrzehnte alte Stempel, mit Tinte geschriebene Eintragungen von Selbstverpflichtungen und Auszeichnungen, die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden und der Aufruf an die Bevölkerung der jungen DDR, beim Wiederaufbau Berlins mitzuarbeiten, sind ein einzigartiges Zeugnis aus ihren Nachkriegslebensjahren. „Wenn ich an diese Zeit denke, geht mir auch durch den Sinn, wie viel Blut wohl an den Trümmern klebt, was alles verschüttet wurde, wie viel wohl unter den Trümmern geblieben ist.“

Frankfurter Allee, 1946 Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-S74639, Wiki Commons
Die zerstörte Frankfurter Allee im August 1946. Im Vordergrund rechts Frauen bei der Beseitigung von Trümmerschutt. / Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-S74639, Wiki Commons /

Hunger, Not aber auch Wille zu einem besseren Leben

1946 kam sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus der Evakuierung nach Berlin zurück. Während des Krieges waren sie nach Schlesien gebracht worden, zuerst getrennt von den Eltern. Bombennächte hat sie miterlebt, in Flüchtlingszügen ist sie nach Bayern gefahren, hat darin Kinder verhungern sehen, hat selbst Hunger gelitten und kaum etwas zum Anziehen gehabt. Auf dem bayerischen Hof waren sie primitiv untergebracht, zu essen gab man ihnen nicht. Die Mutter ging durch die Dörfer und bettelte um Brot. Auf dem Heuboden entdeckte sie viele Säcke Haferkleie, nahm heimlich davon, verrührte Kleie mit Wasser und buk auf der Herdplatte Fladen. Frau Möller und ihre Geschwister hatten damals Tag für Tag den einen Wunsch, sich einmal an trockenem Brot satt zu essen. „Wir haben vieles durchgemacht.“ Frau Möller ist davon überzeugt, dass in dieser schweren Zeit der Grund dafür liegt, heute sagen zu können: „Ich bin mit dem Leben zurechtgekommen.“ Sie hat sich auf die eigenen Kräfte verlassen. Die im Krieg verloren gegangenen Schuljahre waren nicht mehr nachzuholen. Kühe melken konnte sie, Schweine füttern und Heu wenden, aber einen Schulabschluss hatte sie nicht. Ihr Bedürfnis nach einer Ausbildung mit einem richtigen Abschluss war groß. Sie ging deshalb auf eine Handelsschule. Arbeit fand sie anschließend als Sachbearbeiterin in einem Verlag. Sie heiratete, wohnte zur Untermiete, brachte im Bezirk Friedrichshain einen Sohn zur Welt, arbeitete als Trümmerfrau, wurde von der Familie bei der Kinderbetreuung unterstützt und bekam im Eckhaus Stalinallee / Niederbarnimstraße, wo der Neubau der Stalinallee begann, eine Wohnung als Anerkennung für ihre Arbeit.
„Wie viele Trümmerfrauen wird es wohl noch in Berlin geben“, überlegt sie, „vielleicht wohnt eine sogar noch in diesem Haus?“

Ein langes und erfülltes Berufsleben

Bis zum 80. Lebensjahr hat Frau Möller gearbeitet. Das Studium der Textilgestaltung an der Bezirkskulturakademie Berlin und die Arbeit in der Fördergruppe für experimentelle Textilgestaltung haben ihr viele Möglichkeiten geboten, als sehr bald begehrte Leiterin von Arbeitsgemeinschaften und Textilzirkeln Kinder, Jugendliche und Erwachsene auszubilden. Arbeit, eigene Weiterbildung und die Freude am Gestalten sind ihr immer wichtig gewesen. Kein Wunder, dass ihre Zirkel lebhaften Zulauf hatten.
Im Juli 2020 feierte Frau Möller zwei Wochen lang ihren 90. Geburtstag. Anders waren die vielen Gratulanten nicht unterzubringen, und so konnte sie sich ihnen besonders widmen. Die Nachmittage, an denen ich der Trümmerfrau zuhören durfte, bleiben in meinem Gedächtnis. Diese Gelegenheit hatte ich zum ersten Mal. Von Trümmerfrauen hatte ich bisher nur gelesen. Als ich geboren wurde, lag das Kriegsende sechs Jahre zurück. Das ABC lernte ich ab 1958 in einem 1952 Stein auf Stein gemauerten Schulgebäude. Wahrscheinlich haben Trümmerfrauen auch für diese Ziegelsteine gesorgt.

* Name geändert.

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