Ehemalige Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie, seit 2008 Hostel / Foto: B. Ambrus /

Alice Klank | Musterschülerin an der Musterschule

Ehemalige Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie, Innenhof / Foto: B. Ambrus /
Ehemalige Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie, Innenhof / Foto: B. Ambrus /

Die ehemalige Textilfachschule am Warschauer Platz 6–8

von Bärbel Ambrus

Das Gespinst der Straßenfassade, zart wie einst, leuchtet in der Abendsonne in seinem kräftigen Backsteinrot. Dahinter verbirgt sich das Hostel nahe der Oberbaumbrücke, wo heute junge Leute aus aller Welt als Touristen einkehren. Hier ist ein Ort der Berliner Design-Geschichte: eine ehemalige Textilfachschule. Im Innenhof der Vierflügelanlage flanierte man früher in parkähnlichem Garten – heute wird im Foyer vielsprachig und lowbudget gechillt.
Der Rudolfkiez gehörte im Berliner Osten traditionell zu den Arealen der textilen Fertigung. Funktional motiviert und harmonisch gestaltet, fügt sich der Schul-Entwurf des bekannten Berliner Stadtbaurats Ludwig Hoffmann gut in die Umgebung ein. Der Architekt hat sich viele Jahre um öffentliche Bauten verdient gemacht. In Berlin zu finden sind unter anderem das Virchow-Krankenhaus, das Märkische Museum und weitere Schulen.

Ehemalige Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie, seit 2008 Hostel / Foto: B. Ambrus /
Ehemalige Höhere Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie, seit 2008 Hostel / Foto: B. Ambrus /

Die „Textil-Universität“

Hier, am Warschauer Platz Nr. 6–8, direkt neben dem U-Bahnhof, erinnert seit über hundert Jahren die Fassade an ein leichtes, textiles Gewebe, verweist auf den „Zweck der Webeschule“. 1911–14 als Behausung für die seit den 1880er Jahren existierende Städtische Webeschule gebaut, wuchs sie bald nach Gründung der Weimarer Republik, als junge Frauen in die einst männerdominierten  Berufe zur Ausbildung drängten, zur größten Einrichtung ihrer Art in Europa. Bis zu 1.000 Studierende wurden hier gleichzeitig ausgebildet, an der „Höheren Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie“. Die Inhalte der Schule blieben über viele Jahrzehnte verwandt, es gab Erweiterungen und Umbenennungen. Zuletzt nutzte bis 2006 die (Fach)Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) als Nachfolger das Gebäude, unter anderem mit den Fachgängen Bekleidungstechnik und Konfektion.

Maschinensaal: Kettenstühle und Raschelmaschinen der Sächsischen HFS für Wirkerei und Strickerei Chemnitz /Privatarchiv/
Maschinensaal: Kettenstühle und Raschelmaschinen der Sächsischen HFS für Wirkerei und Strickerei Chemnitz /Privatarchiv/

Die Ausbildung der Gestalter

Die Industrialisierung in Preußen und der wachsende Bedarf an geschmackvoller Massenfertigung machte etwa ab den 1850er Jahren die Gründung spezieller Handwerker- und Fachschulen nötig. Es sollten eigene, einheimische Fachleute ausgebildet werden.
Die Schüler genossen eine breit gefächerte Ausbildung in Theorie und Praxis – wie an allen guten Schulen, (zum Beispiel des Lette-Vereins) gab es auch am Warschauer Platz modern ausgerüstete Werkstätten und Werkmeister, die die Schüler auf ihren Berufs­einsatz umfassend vorbereiteten.
Kaufmännische und Materialkunde-Fächer ergänzten den Stundenplan. Zur Zeichen-Übung der angehenden Entwerfer nutzte man gern historische Vorbilder. Abgüsse „antiker Gypse“, Naturobjekte und Vorlagenwerke wurden im Malsaal eingesetzt.

Geometrische Konstruktionsübungen, Tafel 99, Bänder /Quelle: Handbuch der Ornamentik von Franz Sales Meyer, Verlag von E.A.Seemann, 1892/
Geometrische Konstruktionsübungen, Tafel 99, Bänder
/Quelle: Handbuch der Ornamentik von Franz Sales Meyer, Verlag von E.A.Seemann, 1892/

Theorie und Praxis

1915 schreibt Hoffmann zum Gebäudeplan: „Im Erdgeschoss liegen Verwaltungsräume, Bibliothek,“ – übrigens bis 2006 – „zwei Erfrischungsräume und die Räume der Maschinenweberei. (…) Das erste Obergeschoß enthält Lehrzimmer, Zeichensäle, die Räume der Handweberei, Strickerei und Wirkerei, im 2. OG befinden sich Vortragssäle, Zeichensäle und die Räume der Chemie, Färberei, Posamenterie und Maschinenstrickerei. Im 3.OG (…) die Stoffmustersammlungen, Nähzimmer und Räume der Handstickerei, Gobelinweberei, Naß- und Trockenappretur, Färberei.“ Auch wenn die heutige, überbordende Bauhaus-Rezeption das gern so ins Licht rückt – nein, das Bauhaus hat das Zusammenspiel von Theorie und Praxis nicht erfunden! Das führte Preußen bereits 1877 ein, denn: „Gerade für einen Dessinateur scheint es von äußerster Wichtigkeit, daß er von allen Stücken praktische Kenntnisse erlangt.“

Bruno Paul – Dekor-Entwurf Speisezimmer / Quelle: Dekorative Kunst 1905, 13.Band, S.232, Verlagsanstalt F.Bruckmann A.-G. München 1905 /
Bruno Paul –
Dekor-Entwurf Speisezimmer
/ Quelle: Dekorative Kunst 1905, 13.Band, S.232, Verlagsanstalt F.Bruckmann A.-G. München 1905 /

Anregende Vorbilder

Überall an den Schulen konnten bekannte Künstler als Lehrkräfte und Professoren gewonnen werden, wie Ernst Flemming, Bernhard Paul, Walter Kampmann. Letzterer hatte ab 1919 als Leiter der Entwurfsklasse großen Einfluss auf die ästhetische Bildung, da er selbst als Gebrauchsgrafiker und unter anderem in der Berliner Novembergruppe engagiert tätig war. Er gab den jungen Leuten Anregungen zur zeitgenössischen Kunst, die insbesondere seit 1913 im Schmelztiegel Berlin mit ihren avantgardistischen Strömungen von Futurismus bis Kubismus und Art Déco präsent war. Dem Flächendesign eröffneten sich komplexe neue Tätigkeitsfelder, die Einflüsse waren vielgestaltig.

Zeitungs-Annonce für die Textilfachschule, um 1920 / Privatarchiv /
Zeitungs-Annonce für die Textilfachschule, um 1920 / Privatarchiv /

Alice Klank – Design im Zeitgeist von 1920

Die damals vierzehnjährige Alice Klank begann im Frühjahr 1920 ihre Ausbildung in der Vorklasse. Wegen herausragender Leistungen gelang es ihr vorzeitig und damit  länger, in die Fachklasse zu Walter Kampmann zu wechseln. Dort konnte Alice intensiver und nach eigenen Entwürfen praktisch arbeiten. Zum Lehrplan im Entwurf gehörten gediegenes Naturstudium, Stilisierung und Abstraktion bis hin zur kreativen Formfindung.
Alices heute noch erhaltene Entwürfe entstanden 1920–23 und zeugen vom damaligen Zeitgeist. Dieser war einerseits geprägt von Reduktions-Bestrebungen im Sinne von Bauhaus und Neuer Sachlichkeit (was als internationale Moderne bis heute weiter besteht) und suchte andererseits in Überschneidungen der zeitgenössischen „Ismen“ seinen Ausdruck. Die Arbeiten von Alice Klank lassen sich mit den besten Schöpfungen der bekannten Designer in eine Reihe stellen und faszinieren mit femininem Feinsinn sowie expressiver Form- und Farbkraft.

Alice-Klank-Design heute / Fotos: B. Ambrus /
Alice-Klank-Design heute / Fotos: B. Ambrus /

Das Erbe bewahren

Alice Klank lebte 1906–1985 in Berlin. Sie arbeitete im Bereich Flächen- und Textildesign sowie als Dozentin. Es ist ein Wunder, dass ihre großformatigen, handgezeichneten und -gemalten Blätter Krieg und wechselhafte, oft entbehrungsreiche Zeiten überdauert haben. Im Jahr 2011 konnte eine Auswahl der Entwürfe, ergänzt durch handgearbeitete textile Exponate und erstmals gedruckte Musterstoffe, in einer umfangreichen Ausstellung präsentiert werden. Den passenden Rahmen bildete die Lichtenberger Art-Déco-Villa Skupin mit stilechtem Deckenstuck und getäfelten Wänden. Mit den Entwürfen zog in die Salons Leben ein. Denn farbenfroh und begeisternd sind die Muster, dabei eindeutig erkennbar aus den „Goldenen Zwanzigern“ und doch zeitlos modern. So werden heute Stoffe nach den originalen Mustern produziert, in Deutschland – nachhaltig und fair. Exklusive Accessoires werden teilweise auf Alice Klanks alter Singer-Nähmaschine genäht. Das Label Alice Musterland ist zu Gast auf der Textile Art Messe Berlin, 9./10.Juli 2016.
Infos: www.feinliner.de

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