Christine und Gerhard Cyrus, Foto: Giovanni Lo Curto

„Wir suchten auch ein bisschen die Herausforderung.“

Christine und Gerhard Cyrus, Foto: Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Christine und Gerhard Cyrus, Katechetin und Pfarrer der Galiläa-Gemeinde im Ruhestand.

Von

„Komm’ mir bitte nicht zuerst mit der Frage, warum ich Pfarrer geworden bin“, bittet mich Gerhard, als ich in der Wohnung des Ehepaars Cyrus meinen Notizblock heraushole. Ich mache eine beruhigende Geste, wohl wissend, dass in einem guten Gespräch alle Fragen Antwort finden, auch wenn sie nicht direkt gestellt werden.
Von 1976 bis 1997 lebte das Ehepaar Cyrus in der Rigaer Straße, wo Gerhard als Gemeindepfarrer in der Galiläa-Kirche tätig war. Seine Frau Christine, die als Gemeindehelferin in der Kirche arbeitete, ist mit dabei. „Neben großen Männern stehen immer auch große Frauen“, hatte ich im Vorgespräch erklärt und hinzugefügt: „Sie hat Dich in all den Jahren, als Du Pfarrer warst, unterstützt.“ – „Das stimmt“, erwiderte Gerhard, „aber jetzt ist es umgekehrt, vor allem in ihrer Tschernobylarbeit unterstütze ich sie von Anfang an.“

Christine Cyrus, Ende der 1960er, Foto: privat
Christine Cyrus, Ende der 1960er Jahre: „Für uns und unsere Kinder waren die Drechower Jahre eine schöne Zeit.“ / Foto: privat /

Frauen verbünden sich über die Mauer hinweg

Christine Cyrus, eine sehr lebendige Frau mit einem offenen, strahlenden Lächeln, hat schon vor 1989 Eigenes auf die Füße gestellt. Neben ihrer Arbeit in der Gemeinde ermöglichte sie auch Frauen der geteilten Stadt Begegnungen in einem Frauenkreis. Frauen aus dem Deutschen Frauenring planten 1980 einen Besuch in der DDR-Hauptstadt. Vorgesehen war ein Treffen mit der offiziellen Frauenorganisation der DDR. Doch wollten die Besucherinnen auch DDR-Frauen kennenlernen, die nicht staatlich organisiert sind. In die Wohnung des Pfarrerehepaars lud Christine daraufhin ganz unterschiedliche Frauen ein: eine Ökonomin, zwei Ärztinnen, eine Ingenieurin, eine Krankenschwester, eine Hausfrau, eine Organistin.
Daraus entstand der Kreis, der bis heute besteht. „Wir trafen uns regelmäßig in unseren Wohnungen und befragten uns gegenseitig: Wie funktioniert euer Schulsystem? Was ist für euch Emanzipation? Was sind eure Bedürfnisse als Frauen? Das war für uns ganz ungewöhnlich, dass wir als Frauen eigene Bedürfnisse artikulieren sollten.“ In der Wendezeit, als im Osten alles auseinander zu laufen drohte, waren es die Frauen aus dem Westen, die dran blieben und wissen wollten, wie es mit uns weiter ging. „Nun wurden wir in ihre Wohnungen nach Westberlin eingeladen.“

Ländliches Idyll und viel Arbeit

Christine Cyrus, wuchs auf einem großen Bauernhof in Oberzetzscha nördlich von Altenburg in Thüringen auf. „Gerhards Vater war mein Konfirmator!“, erklärt sie, „und Gerhard kam zu uns zum Arbeiten.“ In Erinnerung lächelnd schaut Gerhard Cyrus zu seiner Frau hinüber und setzt hinzu: „Ihr Vater war von den Sowjets verschleppt worden und die Mutter musste den Hof allein leiten.“ Der Theologiestudent wurde zu allen Arbeiten eingeteilt, die anfielen. „Es war körperlich anstrengend, aber ich wollte mich vom Studium entlasten.“ Immerhin war die Chefin so zufrieden, dass sie seinen Stundenlohn von einer Mark auf eine Mark fünfzig anhob. Viel Geld damals.

Gerhard Cyrus und Bischof Krummacher bei einer Glockenweihe, Foto: privat
Kirche demonstriert Präsenz im sozialistischen Staat.
Gerhard Cyrus (rechts) mit Bischof Krummacher bei einer Glockenweihe in Behrenwalde 1970. / Foto: privat /

In einer Vorpommerschen Dorfgemeinde

„Unsere erste Pfarre hatten wir von 1960-1970 in Drechow, südlich von Stralsund“ berichtet Christine. Das war ein Dorf mit 130 Einwohnern, zumeist ehemalige Gutsarbeiter. Hinzu kamen 13 umliegende Dörfer, die ebenfalls betreut werden mussten. Das Pfarrhaus war noch mit Flüchtlingen besetzt. Zu den Sonntagsgottesdiensten in die spätmittelalterliche Feldsteinkirche kamen vielleicht fünf Leute. „Die Menschen dort waren resigniert und verzweifelt“, erklärt Gerhard. „Sie hatten durch die Kollektivierung ihr Eigentum verloren. Als aus Stralsund ausgewiesene Leute hier angesiedelt wurden, hieß es: ‚Zu uns schicken sie jetzt schon Verbannte. Tiefer kann man nicht fallen!‘“ Damals glaubte die SED noch, dass es mit der Kirche bald vorbei sein würde. „Der Bürgermeister war gegen uns und die Frau des LPG-Vorsitzenden durfte nicht im Kirchenchor mitsingen“, erinnert sich die Pfarrersfrau. „Aber wir begannen die Gemeinde wieder zu sammeln.“ Zu den umliegenden Dörfern ging es mit dem Fahrrad, dann mit einem Motorrad, später mit dem Auto. Für die Konfirmanden gab es ein zu einem „Rüstzeitheim“ umgebautes Waschhaus, in dem sie sich alle vier Wochen zusammenfanden. „Dieses Zusammenleben hat uns auch Spaß gemacht“, resümiert Christine.

Neue Herausforderungen

Die nächste Station des Ehepaares war Greifswald, wo Gerhard Cyrus bis 1976 als Leiter des Seminars für kirchliche Dienste arbeitete. Lehrer und Schüler lebten und lernten dort in einer Lebensgemeinschaft. Es gab dort zum Beispiel für alle, einschließlich der Familie Cyrus, gemeinsame Mahlzeiten. „Unsere Aufgabe war, die jungen Leute so auszubilden, dass ihre fachliche Qualifikation der staatlichen entsprach und sie als Kinder- und Gemeindediakoninnen gleichzeitig auch christliche Inhalte vermitteln können.“

Jugendwerkstatt in der Galiläa-Kirche, 1982, Photo: privat
Jugendliche beim Besuch einer Jugendwerkstatt
in der Galiläa-Kirche 1982. / Foto: privat

Umstrittener Jugendtreff

1976 zog es sie nach Berlin: „Wir wollten nicht zurück in ein Dorf, wo man nach zwei Jahren weiß, wer dazugehört und wer nicht, und wo es starre Strukturen gibt. Ich war Mitte 40, Christine 37, und wir suchten auch ein bisschen die Herausforderung: eine Tätigkeit, in der unsere Erfahrungen in Team- und Gruppenarbeit gebraucht werden konnten.“ Gerhard wandte sich an Bischof Albrecht Schönherr, den er vom Predigerseminar kannte. Von den drei angebotenen Stellen in Berlin entschieden wir uns für die Galiläa-Gemeinde, von der wir auch gewählt wurden.“
Hier kam Gerhard zur Jugendarbeit, über deren Ereignisse ein ganzes Buch geschrieben werden könnte. „Nach den Gottesdiensten verabschiedete ich meine Besucher immer mit den Worten: ‚Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen.‘ Das nahmen 1978 ein paar junge Leute wörtlich, indem sie acht Tage später bei mir nach einem Raum fragten, in dem sie sich ungestört treffen könnten. So begann seine besondere Jugendarbeit, die noch immer nachstrahlt. Bis heute erzählen Frauen und Männer um die Fünfzig, die sich in Kultur- und Stadtteilprojekten engagieren, dass ihr Leben ohne den Treff in der Galiläa und die Begleitung durch „Cyrie“, wie sie den Pfarrer nennen, ganz anders verlaufen wäre. Dieser war nicht nur durch die Arbeit, die nie konfliktfrei verlief, sehr eingespannt. Im Klima der restriktiven Kultur- und Jugendpolitik der DDR musste er sie immer wieder auch vor staatlichen Verantwortlichen rechtfertigen. Auch einige Gemeindemitglieder standen dieser Arbeit skeptisch gegenüber.

Noch einmal Schulbank

Der Mauerfall änderte alles, auch Christines Berufsleben. In der Galiläa-Gemeinde arbeitete sie als Katechetin und Gemeindediakonin, sie war unter anderem für die Christenlehre, die Kindergottesdienste, die Junge Gemeinde und den Seniorenkreis verantwortlich. Nun übernahmen staatlich diplomierte Religionslehrer die Arbeit der Katechetinnen. Die West-Unterstützung der Gemeinden in der ehemaligen DDR fiel weg, so dass Anstellungen in der Gemeinde nicht mehr so einfach waren. Christine gehört zu den Katechetinnen, denen eine berufsbegleitende Qualifikation zur Religionslehrerin angeboten wurde. „Es war auch schön, noch einmal einzusteigen“, erinnert sie sich. „Ich war damals 52 Jahre alt, als ich in der Liebig-Schule angefangen habe.“ Gerhard fügt mit einem Lachen hinzu: „Das war für mich so ein schönes Bild: die Liebig-Schule liegt mitten in meiner Gemeinde und die Religionslehrerin dieser Schule ist zugleich meine Frau.“

Offener Abend in der Galiläa-Gemeinde in den 1980ern
Ein typischer offener Abend in den frühen 1980er Jahren in der Galiläa-Gemeinde

Offene Abende und neue Kiezbewohner

Zwischen der Gemeinde und der Schule entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit. Die Schulkinder kamen zur Hauptprobe des Krippenspiels so zahlreich, dass die Kirche voll war. Auch für den Aktionskreis „Kinder von Tschernobyl“ kam Engagement aus der Schule. „Früher wurden die Lehrer dazu angehalten, sich vollkommen von der Kirche abzugrenzen“, erklärt Gerhard Cyrus. „Jetzt hatte man das Gefühl, dass überall die Mauern einbrachen.“ Dazu gehörte auch, dass das übriggebliebene Schulessen zur Kirche gebracht werden konnte.
In der Umbruchszeit kamen aber mit den unangepassten Jugendlichen auch unbekannte Wanderer, interessante Menschen, etwa Studenten aus osteuropäischen Ländern oder Lateinamerikaner, die in Moskau studiert hatten und nun nicht recht wussten, wo sie hingehen sollten. Aber sie blieben nicht lange.
Zum Schluss waren es weit überwiegend Obdachlose und Suppenküchenleute, die regelmäßig zu den offenen Abenden kamen. „Ich regte kurz vor meinem Weggang an, dass jemand sich engagiert auf die unangepassten Jugenddlichen konzentriert“, erklärt Gerhard. „Aber eigentlich stand die Frage im Raum: ‚Ist das überhaupt noch Jugendarbeit?‘“
Natürlich interessierte sich der Gemeindepfarrer auch für die in die Rigaer Straße gezogenen Hausbesetzer. „Wir schätzten sie zuerst nach den Vorurteilen ein, die wir aus dem Westfernsehen kannten. Mit ein paar Leuten aus der Gemeinde sind wir in die besetzten Häuser reingegangen, um mit den neuen Bewohnern zu reden. Wir wollten auf jeden Fall Krawalle vermeiden. Doch die Besetzer sagten uns: ‚Darauf haben wir keinen Einfluss. Wir können nur für uns sprechen.‘“ Die Begegnung war überraschend: „Das waren Politikstudenten, die das als Experimentierfeld erlebten.“ Allerdings gab es keine lange Kontinuität bei diesen Einwohnern. „Das war wie eine Karawane, die weiter zog.“ Immer Neue zogen nach, zu denen kein Kontakt mehr aufgebaut werden konnte.

Christine und Gerhard Cyrus, Katechetin und Pfarrer der Galiläa-Gemeinde im Ruhestand, Foto: Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Im Ruhestand die Sprachbegabung entdecken

„Neben allem ist uns in unserem Ruhestand noch etwas besonders Schönes zugewachsen“, erklärt Christine. „Unsere Tochter lebt in Norwegen, und als Gerhard einmal über längere Zeit dort blieb, begann er norwegisch zu lernen und auch Bücher auf Norwegisch zu lesen.“ Auf diese Weise haben sich die Cyrus’ ein neues Land regelrecht erschlossen, mit seiner Kultur, besonders der Malerei. „Da spielt sich auch auf dem Lande sehr viel ab“. Als Gerhard erzählt, dass er auch noch türkisch lernt, um sich mit den Händlern zu unterhalten, unterbreche ich ihn: „Bist du so sprachbegabt?“ – „Ja, offenbar“, erwidert er und fügt an: „Ich hätte vielleicht noch mehr daraus machen sollen.“ Dann führt er seinen Gedanken fort: „Es wäre wichtig, wenn es mit Europa weiter ginge, einer Perspektive ohne Grenzen und gegenseitige Anfeindungen.“ Für diejenigen, die schon in den 1980er Jahren aktiv waren und die Formel vom „Haus Europa“ mit Leben füllen wollen, ist das keine Frage.
„Wir haben aber nicht über alles gesprochen, oder?“ stellt Christine fest, als ich mich auf den Weg mache. „Wir können noch ganz viel reden, ohne ein Ende zu finden“, erwidere ich und meine damit, dass wir uns immer etwas zu sagen haben werden.

Was sagst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.