Barrikade 1848 - Gemälde von F. G. Nordmann | Quelle: Wikimedia Commons 4.0

Handwerker ohne goldenen Boden

Barrikade 1848, Gemälde von F. G. Nordmann | Quelle: Wikimedia Commons 4.0
Überall, auch im Bereich der Markusstraße, wurden am 18. März 1848 Barrikaden aufgebaut. Das Gemälde stammt von F. G. Nordmann, der die Situation in der Kronen- / Ecke Friedrichstraße beobachtete. / Quelle: Wikimedia Commons 4.0 /

Die Markusstraße.

Von

An der Rosengasse Ecke Grüner Weg (Singerstraße), es war ein schmales Grundstück, stand das alte Wohnhaus des Kunstgärtners Ritter. Nach regem Zuwachs wurde es zu klein für seine Familie und ein großes Treibhaus neben dem Stallgebäude war nötig. Dafür stellte Herr Ritter am 29. Juni 1832 einen Bauantrag. Rundum war wenig bebaut. Deshalb durfte er den vorhandenen großen Schuppen um zwei kleinere ergänzen. Als alles fertig war, hieß die Rosengasse Markusstraße.

Seile und mehr

In den 1840er Jahren verlegte Seilermeister Haase sein Stammhaus von der Großen Frankfurter Straße in die Markusstraße. Haase belieferte unter anderem Fischhändler und Fischer. Es war ihm eine Ehre, Glockenseile für die St. Markuskirche und andere Kirchen herzustellen und er besaß ein Privileg: Er durfte Stricke für Hinrichtungen liefern. Das bekamen seine Kinder ab. „Galgenstricke“ wurden sie von anderen Kindern gerufen. Das Haus der Haases war ein großes. Zur Einweihung sagte Maurerpolier Wernicke, der nach heutigem Verständnis ein Bauunternehmer war: „An diesem Bau haben drei Sorten gearbeitet. Der erste versteht es, kann es aber nicht. Das ist der Baumeister. Der zweite kann es, versteht es aber nicht. Das seid ihr! Der dritte versteht es nicht bloß, sondern er kann es auch. Und das bin ich, der Herr Maurerpolier, der euch und alle übrigen Handwerker mit Arbeit versieht und dem ihr euer Leben verdankt. Punktum!“ Im Schaufenster hing eine Werbetafel. „En gros et en détail“. Die meisten Vorübergehenden aber lasen: „Een jroßet Ende Talch“. Weniger witzig war, was sich hier am 18. März 1848 abspielte. In der Frühe dieses Tages gewährte Friedrich Wilhelm IV. per Gesetz die Pressefreiheit und betrat um 14 Uhr mit seinem Ministerpräsidenten den Balkon des Schlosses. Jubel brandete ihm entgegen. Aber nur kurz. Den im Schloss stationierten Militäreinheiten wurde der Befehl erteilt, brutal den Platz zu räumen. „Verrat! Der König schießt auf das Volk!“ war überall zu hören. Barrikaden gegen das Militär wurden aufgebaut, so auch in der Weberstraße. Das Haus der Haases stand direkt am Durchgang zur Weberstraße. Rebellische Arbeiter stürmten in den Laden und fanden zum Bau von Barrikaden geeignete lange Bohlen mit Löchern vor. Am Vormittag des nächsten Tages, der Aufstand war gescheitert, suchte Meister Haase nach den Bohlen. Er fand sie wieder und hörte Passanten sagen: „So jut haben die Soldaten jeschossen: Loch für Loch und nich mal Splitter!“

Einst Markusstraße, heute Osttangente | Foto: D. Krenz
Einst Markusstraße, heute Osttangente mit breitem Mittelstreifen, einem Vorhalt für eine geplante Tunnelstrecke, die unter den Strausberger Platz hindurch geführt werden sollte. / Foto: D. Krenz /

Ruhige Gegend mit Fehlern

1876 war die Markusstraße eine mit noch freiem Bauland und wenig Verkehr. Bauherr Hugo Hermes ließ an der Markusstraße 27 bis 29 „vollständig gut ausgebaute Wohnhäuser“ um eine Privatstraße errichten. Die war als Hof hinter einem Vorderhaus geplant. Jedoch ging Hermes das Geld aus und die Fläche blieb frei. Frei für die Vorboten einer neuen Phase der Markusstraße, der Magistrat sah hier den Bau einer höheren Mädchenschule neben einer Markthalle vor. Die Anregung für diese Planung kam vom Berliner Ostclub. Regionalpolitiker, Unternehmer, und vermögende Privatpersonen versuchten über den Ostclub Einfluss auf die Stadt- und soziale Entwicklung im Areal um den Ostbahnhof zu nehmen. Das Gesellschaftshaus des Ostclubs lag an der Markusstraße 45 / 46. Ein Resultat aus den frühen Tagen der Markusstraße war, dass ein Flügel der Nummer 46 in die sehr enge Straße ragte, wo ein Stellmacher seine Werkstatt hatte. Ein weiteres Resultat war, das ein neben der Straße führender und sehr schmaler off ener Abfl usskanal schnell volllief. Dass „bei mäßigem Regen der Fahrdamm in seiner ganzen Breite überflossen wird“, beobachteten die Clubmitglieder: „Das Wasser läuft über die Bürgersteige in die Keller der niedrig gelegenen Grundstücke der angrenzenden Straßen.“ Der Ostclub verfasste eine Petition zur Änderung des Misstandes, mit dem Erfolg, dass ein Hauptkanal des V. Radialsystems, einer der breitesten und tiefsten des neuen Abwassersystems, unter der Markusstraße verlaufen sollte. Ein hoher Kapitalaufwand war für diesen Bau nötig. Die Stadtverwaltung hatte über ein Dutzend Grundstücke aufzukaufen. Davon betroff en war der Fabrikbesitzer Spazier. Er hatte sein Mühlenwerk, das an der Holzmarktstraße 20 stand, an die Herren Rosenberg und Loewe verpachtet. Die Mühle war jedoch veraltet und so ging am 8. Juni 1876 in die Versteigerung, was an technischem Gerät noch brauchbar war. Das
war der Start für den Umbau der Markusstraße. Mit dem Abriss der Mühle und des Ostclubgesellschaftshauses wurde der Weg frei für einen Durchgangsverkehr zum Ostbahnhof und zur Holzmarktstraße.

Badewannen in der Markusstraße Berlin | Quelle: Bundesarchiv Bild 183-17201-0016
Badewannen waren in den Wohnungen der Markusstraße einst eine Seltenheit. / Quelle: Bundesarchiv Bild 183-17201-0016 /

Phase drei

„Die schmalen, oft winkligen Straßen im Altbaugebiet des Zentrums genügten den Anforderungen früherer Jahrzehnte. Für einen fließenden Großstadtverkehr sind breite Magistralen notwendig“, heißt es in einer Zukunftsvision des Magistrats von 1958. Aber es ging um mehr. Neuer Wohnraum war knapp und vor allem für junge Familien und Facharbeiter nötig. Sozial schwierige oder unangepasste Mieter wurden deshalb in die unsanierten Altbauten der Markusstraße, die nicht weit von der Spree bzw. der Grenze nach Westberlin lag, eingewiesen. Diesen politisch wie sozialen Brennpunkt zu beseitigen, war ein Ziel, das mit dem Bau der Osttangente von der Holzmarktstraße zum Strausberger Platz zur Auflösung der Markusstraße führte. Brigadier Breithaupt vom VEB Tiefbau unterschrieb 1965 einen Wettbewerbsvertrag, der eine vorfristige Fertigstellung der Osttangente um 20 Tage vorsah und einen „ökonomischen Nutzen von 36.000 Mark“ erbringen sollte. Denn, die Osttangente sollte zum Parteitag 1967 fertig sein. Die 11. Tagung der SED-Bezirksleitung mahnte im September 1966 an: „Arbeiter, Maschinen und Geräte werden nicht konzentriert an den wichtigsten Punkten eingesetzt und man versäumt, die Kontinuität von Tief- und Straßenbau zu sichern.“ Unter dieser Vorgabe mühten sich die Arbeitskollektive, „aus dem Groschen die Mark zu machen“, nur damit am 14. April 1967 die Magistrale dem Verkehr übergeben werden konnte.

 

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