Der Helenhof gegenüber dem früheren Apollo-Kino, Foto: Giovanni Lo Curto

Der schicke Helenenhof, Georg Noack im Glück, Herr Jaehn und Frau Patzer

Alter Chef / neuer Chef

Im Bettfederngroßhandel von Robert Franken in der Sonntagstraße 31 wurde der 15jährige Walter Jaehn 1937 als Lehrjunge eingestellt. Drei Jahre später erhielt auch Clara Patzer für 180 Mark im Monat dort eine Anstellung als Verkäuferin. Sie war bis 1933 im Kaufhaus Merkur in der Frankfurter Allee tätig gewesen, wo sie 200 Mark verdient hatte, und war froh, nach sieben Jahren wieder eine Beschäftigung zu haben.
1941 erhielt der frischgebackene Textilkaufmann Jaehn den Einberufungsbefehl, und kam bald als Obergefreiter kriegsbeschädigt zurück. Bei Robert Franken wirkte er sehr erfolgreich und übernahm im November 1944 dessen Geschäft.
Gleich nach Kriegsende stand ein „Listenführer“ mit einem Fragebogen vor der Tür, um die Zugehörigkeit des Geschäftsführers zu NS-Organisationen zu prüfen. Das war unangenehm für Jaehn, der mit 19 Jahren in die NSDAP eingetreten war, um nicht anzuecken. Er leugnete im Fragebogen diese Mitgliedschaft, hatte aber nicht mit Frau Patzer gerechnet, die ihm am Morgen des 30. Juni 1945 eröffnete: „Als ehemaliger PG (Parteigenosse) werden Sie alles verlieren, weil ehemalige PG’s keine Geschäfte haben dürfen und wenn Sie nicht sofort unterschreiben, dann wird der Laden in einer Stunde geschlossen!“
Mit ihrer mündlichen Zusage, dass er das Geschäft zurückbekomme, „wenn alle PG`s ihre Läden wieder weiter betreiben dürfen“, überschrieb Jaehn ihr das Geschäft. Aber die Fragebögen wurden geprüft, Jaehns Schwindel flog auf. Er wagte es nicht, die 1.000 Mark, die Frau Patzer ihm für die Überschreibung versprochen hatte, anzumahnen. Laut dem Wirtschaftsamt, das sich jetzt einschaltete, war Frau Patzer überhaupt nicht berechtigt, Sequester – also Übernehmer zu sein.
Im Frühjahr 1947 kam es zu einer Verhandlung. Jaehn sagte aus, dass er sein Geschäft retten wollte. Er wurde zur bezirklichen „Pflichtarbeit“ abgeordnet. Einmal im Monat bekam er frei, um die Federreinigungsmaschine zu säubern und neue Angestellte in deren Bedienung anzulernen. Frau Patzer hatte ihren Mann für die Büroarbeit und zwei Frauen für die Federreinigung eingestellt. Jaehns Auge lag wachsam auf den Umsätzen, wo unglaubwürdig die Verluste über den Einnahmen lagen. Der ehemalige Geschäftsinhaber gab der Wirtschaftsprüfungsgenossenschaft Potsdam einen Tipp. Diese testierte im März 1948 eine Steuerhinterziehung und entzog Frau Patzer die Firma.
Am 14. Januar 1949 bezeugten Anwohner, Jaehn wäre nie in Uniform herumgelaufen und sei nur bei Geldsammlungen aktiv gewesen. Er habe niemanden geschadet. Damit galt er als „Mitläufer“ und durfte seine Firma wieder übernehmen.
Hilfreich war hier eine am 22. Mai 1945 in Kraft getretene Magistratsanweisung: „In Millionen Verkaufsgesprächen, die tagtäglich in den Einzelhandelsgeschäften geführt werden, entscheidet sich viel für die gute oder schlechte Stimmung im Volke. Hierbei kann der Kaufmann wesentlich mit dazu beitragen, die faschistischen oder militärischen Ideen im Volke auszurotten.“

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