Zelle im Frauengefaengnis Barnimstrasse 1931

Unsichtbares Denkmal für einen vergessenen Ort

Berlin Frauengefaengnis Barnimstrasse 1931 Zelle Foto: Bundesarchiv Berlin
Frauengefängnis: Zelle im Frauengefängnis Barnimstraße 1931: Vielleicht sind die Gedanken, die diese Frau eben notiert, Bestandteil des Hörwegs. Foto: Bundesarchiv Berlin

Zur Eröffnung des Hörwegs Frauengefängnis Barnimstraße

von Harald Olkus

„Passvergehen nennt sich das. Nicht Republikflucht. Und dann hat mir eine Frau das Kind wegnehmen wollen. Und jetzt hab ich die Kerstin gehalten, und die F., die Beamtin, die Polizistin hat an den Beinen gezogen. Jetzt haben wir beide an dem Kind rumgezogen. Und dann ist ein Polizist gekommen, und hat Gott sei Dank die Situation abgemildert, hat dann zu mir gesagt: ‚Ich sag Ihnen, wo das Kind hinkommt. Lassen Sie das Kind los.’ Und dann hab ich halt losgelassen.“

Vom Ort, an dem sich diese Szene abspielte, ist nichts mehr zu sehen. Am äußersten Ende Friedrichshains, fünf Minuten vom Alexanderplatz entfernt und umgeben von elfgeschossigen Neubaublöcken aus der DDR-Zeit befindet sich heute eine Verkehrsschule, in der Kinder das regelgerechte Verhalten im Straßenverkehr einüben. Bis zu seinem Abriss 1974 stand an dieser Stelle das zentrale Berliner Frauengefängnis mit der Adresse Barnimstraße 10. Mehr als hundert Jahre lang wurden dort Frauen inhaftiert, die gegen die Regeln ihrer jeweiligen Gesellschaftsordnung verstoßen hatten: Mit Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Staat, Sowjetischer Besatzungszeit (SBZ) und der DDR sind es fünf verschiedene politische Systeme, die ihre weiblichen Häftlinge dort internierten – politische und unpolitische. Die wohl prominenteste von ihnen war Rosa Luxemburg. Sie verbüßte vor genau hundert Jahren eine Haft wegen ihrer Antikriegsrede. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier mehrere hundert Widerstandskämpferinnen inhaftiert, über dreihundert von ihnen wurden in Plötzensee hingerichtet. In der Nachkriegszeit waren Frauen wegen ihrer NS-Vergangenheit in der Barnimstraße inhaftiert. In diesem Gefängnis wurden auch, anders als bisher wahrgenommen, zahlreiche Frauen wegen Republikflucht eingesperrt. Über alle Zeiträume hinweg sind dort Frauen inhaftiert worden, die gegen das Strafrecht verstoßen hatten. In der Kaiserzeit gehörten dazu auch Schwangerschaftsabbrüche und Prostitution.

Schicksale der inhaftierten Frauen

Außer zwei Baumreihen, die den Verlauf der Außenmauern des Gefängnisses markieren, erinnert nichts mehr an diesen Ort, an dem sich die Geschichten und Schicksale all der Frauen überlagern, die hier einsaßen. Um dieser Frauen zu gedenken und der historischen Bedeutung des Frauengefängnisses Barnimstraße gerecht zu werden, initiierte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zusammen mit dem Land Berlin im Jahr 2008 einen Kunstwettbewerb, aus dem Christoph Mayer chm. mit seinem neuartigen künstlerischen Konzept eines Hörwegs als Sieger hervorging. Mayers Audio-Inszenierungen erlauben es dem Zuhörer, mittels iPod und Kopfhörer nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeiten zu wandeln. „Die etwa 90-minütige Audioinstallation soll Erinnerung ermöglichen und mithilfe der zuhörenden Besucher das Gedächtnis eines Ortes wachrufen“, sagt er.
Sobald ein Besucher des Gedenkorts sich den Kopfhörer aufsetzt und auf Start drückt, taucht er in die Lebenswelten der Frauen ein, die an eben jener Stelle eingesperrt waren, an der er sich gerade befindet.
Während ein „Guide“ genaue Anweisungen für die Route der Begehung gibt, sind Gespräche von Frauen zu hören – sich erinnernde Zeitzeuginnen sowie fiktive Gespräche, die sich auf Tagebucheinträge von Inhaftierten stützen. Sie geben in der Art eines inneren Monologs intime Einblicke in ihr Leben und ihre traumatischen Erfahrungen. Durch die Dialoge lernen die Besucher die Welt kennen, in der diese Frauen lebten. Sie nehmen nicht nur unterschiedliche Einstellungen, Überzeugungen und Erfahrungen wahr, sondern werden auch mit entgegengesetzten Normen und Wertsystemen konfrontiert, die für diese Frauen Wirklichkeit waren.
Für den Audioweg wurden zahlreiche Interviews mit Frauen geführt, die den letzten Abschnitt der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die Nachkriegszeit und die DDR erlebt haben. Um ein tieferes Verständnis für die jeweiligen Personen zu entwickeln, wurden mit einer Psychologin speziell vorbereitete Interviewgespräche geführt, die jeweils mehrere Tage dauerten. Dabei konnte teilweise eine Tiefe in der Erinnerung erreicht werden, wie sie selbst die Protagonistinnen noch nicht erlebt hatten.
Die Besucher werden durch die Inszenierung der persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen der Frauen dazu angeregt, entgegengesetzte Perspektiven einzunehmen und sich mit den verschiedenen Innenansichten auseinanderzusetzen. Auf diese Weise werden die vergessenen Geschichten und Schicksale der in der Barnimstaße 10 inhaftierten Frauen intensiv ins öffentliche Bewusstsein zurückgeholt.

Eröffnung am 30. Mai 2015, 14.00 Uhr

Jugendverkehrsschule Friedrichshain-Kreuzberg

Weinstraße 1, 10249 Berlin

Möglichkeit zur Begehung des Hörwegs: 9.00–13.30 und 16.00–21.00 Uhr.

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