Frankfurter Allee, 1946 Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-S74639, Wiki Commons

„Ich bin Trümmerfrau gewesen“

Frankfurter Allee, 1946 Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-S74639, Wiki Commons
Die zerstörte Frankfurter Allee im August 1946. Im Vordergrund rechts Frauen bei der Beseitigung von Trümmerschutt. / Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-S74639, Wiki Commons /

Hunger, Not aber auch Wille zu einem besseren Leben

1946 kam sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus der Evakuierung nach Berlin zurück. Während des Krieges waren sie nach Schlesien gebracht worden, zuerst getrennt von den Eltern. Bombennächte hat sie miterlebt, in Flüchtlingszügen ist sie nach Bayern gefahren, hat darin Kinder verhungern sehen, hat selbst Hunger gelitten und kaum etwas zum Anziehen gehabt. Auf dem bayerischen Hof waren sie primitiv untergebracht, zu essen gab man ihnen nicht. Die Mutter ging durch die Dörfer und bettelte um Brot. Auf dem Heuboden entdeckte sie viele Säcke Haferkleie, nahm heimlich davon, verrührte Kleie mit Wasser und buk auf der Herdplatte Fladen. Frau Möller und ihre Geschwister hatten damals Tag für Tag den einen Wunsch, sich einmal an trockenem Brot satt zu essen. „Wir haben vieles durchgemacht.“ Frau Möller ist davon überzeugt, dass in dieser schweren Zeit der Grund dafür liegt, heute sagen zu können: „Ich bin mit dem Leben zurechtgekommen.“ Sie hat sich auf die eigenen Kräfte verlassen. Die im Krieg verloren gegangenen Schuljahre waren nicht mehr nachzuholen. Kühe melken konnte sie, Schweine füttern und Heu wenden, aber einen Schulabschluss hatte sie nicht. Ihr Bedürfnis nach einer Ausbildung mit einem richtigen Abschluss war groß. Sie ging deshalb auf eine Handelsschule. Arbeit fand sie anschließend als Sachbearbeiterin in einem Verlag. Sie heiratete, wohnte zur Untermiete, brachte im Bezirk Friedrichshain einen Sohn zur Welt, arbeitete als Trümmerfrau, wurde von der Familie bei der Kinderbetreuung unterstützt und bekam im Eckhaus Stalinallee / Niederbarnimstraße, wo der Neubau der Stalinallee begann, eine Wohnung als Anerkennung für ihre Arbeit.
„Wie viele Trümmerfrauen wird es wohl noch in Berlin geben“, überlegt sie, „vielleicht wohnt eine sogar noch in diesem Haus?“

Ein langes und erfülltes Berufsleben

Bis zum 80. Lebensjahr hat Frau Möller gearbeitet. Das Studium der Textilgestaltung an der Bezirkskulturakademie Berlin und die Arbeit in der Fördergruppe für experimentelle Textilgestaltung haben ihr viele Möglichkeiten geboten, als sehr bald begehrte Leiterin von Arbeitsgemeinschaften und Textilzirkeln Kinder, Jugendliche und Erwachsene auszubilden. Arbeit, eigene Weiterbildung und die Freude am Gestalten sind ihr immer wichtig gewesen. Kein Wunder, dass ihre Zirkel lebhaften Zulauf hatten.
Im Juli 2020 feierte Frau Möller zwei Wochen lang ihren 90. Geburtstag. Anders waren die vielen Gratulanten nicht unterzubringen, und so konnte sie sich ihnen besonders widmen. Die Nachmittage, an denen ich der Trümmerfrau zuhören durfte, bleiben in meinem Gedächtnis. Diese Gelegenheit hatte ich zum ersten Mal. Von Trümmerfrauen hatte ich bisher nur gelesen. Als ich geboren wurde, lag das Kriegsende sechs Jahre zurück. Das ABC lernte ich ab 1958 in einem 1952 Stein auf Stein gemauerten Schulgebäude. Wahrscheinlich haben Trümmerfrauen auch für diese Ziegelsteine gesorgt.

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