Geboren am 16. April 1928 / Quelle: B.Z. am Abend

Kein Idyll in der Krautstraße

Kein Idyll in der Krautstraße 7 von Detlef Krenz | Quelle: B.Z. am Abend Fahndungszeichnung
Geboren am 16. April 1928 / Quelle: B.Z. am Abend Fahndungszeichnung /

Kein Idyll in der Krautstraße.

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Im Mai 1942 liegen die Kriegs-Fronten fern der Heimat. Hier wird von der „Volksgemeinschaft“ geredet. Horst und Rudi haben ein anderes Problem: ihnen fehlt Geld. Rudi schlägt den „Stralauer Fischzug“ vor. Beide dürfen an einer Schießbude Luftbüchsen laden und Geld kassieren. Sie bekommen dafür 5 Mark. Nach ihrer Reise, die sie bis Innsbruck führte, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Italien war ihr Ziel, doch wie oft im Leben der beiden kam es anders. Horst war 3 Jahre alt, als die Eltern in die Scheidung gingen. Bis ihn sein Vater zu sich holte, war Horst bei den Großeltern, die ihn jedoch nicht wollten. Auch die neue Stiefmutter mochte ihn nicht. Häufig bekam er „eine geklebt“. Der Junge sehnte sich nach seiner leiblichen Mutter. Nach dem Grundschul-Unterricht besuchte er sie und kam deshalb später „aus der Schule“. Papa verbat diese „Mama“-Besuche. Horst ließ sie sich nicht verbieten und bezog Prügel vom Vater. Horst kam nicht mehr nach Hause, schlief auf Dachböden. Dann entdeckte die Stiefmutter den Jungen zur Unterrichtszeit in einer Lesehalle. Der Vater brachte den Achtjährigen in das Zehlendorfer Heim „Kinderschutz“, damit er bei Strenge und Gartenarbeit „Gehorsam“ lernt. Nach Wochen wieder beim Vater, ging Horst zur Schule, dann zur Mutter und schlief danach außerhalb. Bis ihn die Polizei ins Waisenhaus Rummelsburg einwies. Er flüchtete zur „Mama“, der er nichts vom Waisenhaus erzählte. Daraufhin brachte ihn die Polizei ins „Grüne Haus“ am Waidmannsluster Damm. Der unehelich geborene Rudi wuchs beim Großvater in der Krautstraße 7 auf. Wegen geringster „Verstöße“ wurde er geohrfeigt oder mit dem Stock verprügelt. Vom Opa bekam er kein Geld. Als Schüler der Andreasschule ließ sich Rudi zum Stehlen von Kriegsheften anstiften. Nachdem er zum wiederholten Mal beim Stehlen erwischt wurde, kam er 1941 ins „Grüne Haus“.

Kein Idyll in der Krautstraße 7 von Detlef Krenz | Quelle: B.Z. am Abend Fahndungszeichnung
Geboren am 5. September 1928 / Quelle: B.Z. am Abend Fahndungszeichnung /

Familie 7

Horst und Rudi gehören der „Familie 7“ an. Immer acht Jungen unter Aufsicht eines Erziehers, die, zur Front abgerufen, oft wechselten. Wegen ihres Verhaltens waren die Jungen nach der NS-Pädagogik „unbrauchbar“. Sie standen dem NSnormativen „Tüchtigsein“ im Weg. Ein „Herr Selle“ verteilte nach harter Arbeit nur eine dünne Suppe und kleinste Stullen, ordnete den „Parademarsch“ bis zum Zusammenbruch an, verbat Freistunden. Angesichts der unsicheren Zukunft – manche ihrer Leidenskameraden bekommen spezielle Spritzen, andere werden abgeholt und niemand weiß, wohin sie gebracht werden –, beschließen beide die Flucht.

Andreasplatz | Quelle: Postkarte um 1900
Zu den wenigen vorzeigbaren Orten des Viertels O-17 gehörte der Andreasplatz. / Postkarte um 1900 /

Reise

Der erste Weg führte sie zur Wohnung von Rudis Opa. Sie verschafften sich den Wohnungsschlüssel und fanden neben passenden bürgerlichen Kleidungsstücken 370 Mark Bargeld. Vom Ostbahnhof aus gingen sie auf Reise in Richtung Italien, kehrten aber am 29. Mai 1942 nach Berlin zurück. Nach dem Kurzjob an der Schießbude laufen sie zur Krautstraße 7, wo Rudi mit seinem Opa zur Untermiete wohnte. Balbina, die Vermieterin, war eine Lebenslustige Person, der Andreasplatz ihr „Wohnzimmer“. Ab und an nahm sie einen netten Herren mit in ihre Wohnung, 1942 ist das lange vorbei. Sie ist 76 Jahre alt, krank, hat wenig Geld und ein Herz für Rudi, dessen Foto in der Küche steht. Bruno, ein graumelierter Herr, wohnt in einer kleinen Wohnung gegenüber von Balbina. Jungen Frauen ist er sehr zugetan und bevorzugt teures markenfreies Essen. Die Rationen auf Lebensmittelkarten reichen ihm nicht. Hildegard, die Freundin von Bruno, Telefonistin, ist 26 Jahre alt und stets schick gekleidet. Im Cafe Schmidt haben sie sich im Sommer 1939 zum ersten Mal getroffen. Sie bleibt immer für eine Nacht, selbst, nachdem sie 1940 einen Soldaten heiratet. Bruno ist unglücklich. Sie verbringt andere Nächte bei einem „alten Freund“.

Außer Kontrolle

Rudi weiß um diese Geschichten der Nummer 7 und weiß auch, wer spät nach Hause kommt. Um 22 Uhr steht er mit Horst vor der Tür von Balbina. Sie öffnet nicht. Stattdessen steht Bruno vor seiner Tür. Er sagt, Balbina ist eine alte Frau, die nicht gestört werden möchte, und geht zurück in seine Wohnung. Rudi kommt über eine Dachluke in Balbinas Küche, wo er Geld und Lebensmittelkarten vermutet. Beide finden in der Küche sechs Mark und Lebensmittelmarken. Sie betreten das Wohnzimmer, finden hier kein Geld. Sie öffnen die Tür zum Schlafzimmer. Balbina wacht auf, zündet ein Streichholz an und sieht Horst, der auf sie zustürzt, sie würgt. Balbina ist ihnen ausgeliefert. Von unbändiger Wut getrieben, schlägt Horst mit einer Kohlenschaufel auf Balbina ein. Sie wehrt sich. Rudi sticht mit dem Küchenmesser auf Balbina ein. Dann suchen sie weiter, finden 60 Mark, essen einen Bratfisch, der auf dem Herd stand und verlassen leise die Wohnung.

Aufklärung

Bruno ist aufmerksam geworden. Er alarmiert die Portiersfrau. Zunächst wird er selbst wegen seiner Neigung zum guten, teuren Essen verdächtigt. Ständig steckt er in Geldnöten. Aber Hildegard, die bei ihm übernachtete, sagt aus, Bruno habe sich den Magen verdorben, nachdem er in seinem Lieblingsrestaurant in der Weberstraße 6 für zwei Mark einen Kalbsbraten aß, der in Wirklichkeit ein Hundebraten war. Auch die Hausbewohner bezeugen, dass es Bruno nicht gewesen sein kann. Da erinnern sich die Nachbarn an Rudi. Am 11. Juni 1942 kommt ein Gutachter zum Ergebnis: Beiden liegt ein „Kraftmeiertum“ fern. „Sie hatten eine freudlose Jugend und wurden überall herumgestoßen und verloren ihre Freiheit. Um diese wiederherzustellen war ihnen jedes Mittel recht.“ Horsts Stiefmutter sagt aus: „Er ist verlogen und ein Schulschwänzer.“ Vor Gericht gelten die Jungen als „erblich belastet“. Ihre Tat wäre Ausdruck einer „verbrecherischen Neigung“. Am 7. Juli 1942 werden die 14-jährigen hingerichtet.

 

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