Schlafsaal im Obdachlosen-Asyl | Quelle: Bundesarchiv Bild_102-10839,_Berlin, Schlafsaal im Obdachlosen-Asyl

„Zinsgenuß“ und „nachteilige Vorbilder“

Suppenküche für Wohnungslose um 1930 | Quelle: Bundesarchiv
Dezember 1930: Suppenausgabe für Obdachlose. / Quelle: Bundesarchiv /

Fürsorge

Für 13.500 Mark kaufte der Verein 1872 ein Grundstück an der Büschingstraße 4 und nahm am 30. März 1873 seine „Asylstätte mit Arbeits-Nachweisung“ in Betrieb. Alle Aufgenommenen hatten die „Badeabteilung“ zu durchlaufen. Es gab eine warme Mahlzeit. Geschlafen wurde auf Bettgestellen mit Spiralmatratzen. Auf Wandtafeln waren Arbeitsangebote angeschlagen, eine Pflicht zur Arbeitsaufnahme bestand nicht. Die Anonymität der Aufgenommenen blieb mit dem Argument gewahrt, dass, „die im Asyl übernachtenden sich während dieser Zeit nicht an der Gesellschaft versündigen können“, die Polizei durfte deshalb die Räume des Vereins nicht betreten. Die „Nummer 4“ war keine „Penne“. Der Asylverein sah in diesen Nachtasylen („Pennen“): „Im höchsten Grade ungesunde, schmutzige, nicht ventilirbare, überfüllte Logishäuser der ärmsten fluctuirenden Bevölkerungsklassen Berlins, welche die schlimmsten Heerde von Epidemien abgeben.“ Der Asylverein war der Ansicht: „daß diese Art Bevölkerung von einer so rapid heranwachsenden Stadt, wie Berlin fern zu halten, eine absolut falsche wäre.“

Interessenkonflikte

Der Zusammenbruch der an Immobilien- und Bauspekulationen beteiligten „Quistorp’schen Vereinsbank“, im Oktober 1873, zog Firmen- und Bankenpleiten nach sich. In deren Folge wurden viele Menschen über Jahre obdachlos. Im Jahresbericht des Asylvereins von 1878 hieß es: „Daß der Anblick zusammengehäuften Elends unserem ästhetischen Sinn keine Befriedigung gewährt, sondern deprimierend wirkt, läßt sich nicht in Abrede stellen“. Dieser Meinung war auch der Schreibwarenhändler Rudolph Selkus aus der Büschingstraße 18. Er sammelte Unterschriften von 240 Nachbarn und reichte am 29. Mai 1883 eine Petition beim Magistrat ein. Zunächst wurde „die Verrohung der Gegend durch den Einfluss des benachbarten Asyls für Obdachlose“ beklagt. „Schon Nachmittags würden Hauseingänge, Flure und Treppen belagert.“ Die „Pennbrüder“ gäben „durch ihr Benehmen nachteilige Vorbilder für die dortige Schuljugend ab.“ Daraus wurde die Forderung abgeleitet: „die Klage über das unsittliche Treiben der Vagabunden in der Büschingstraße wird hoffentlich bis an das Ohr des Polizeipräsidenten dringen, um die polizeiliche Aufsicht an jener Stelle zu verschärfen.“ Der Magistrat antwortete: „Wenn wir dieses Asyl, das durch die Privatwohltätigkeit geschaffen, mit den anderen vergleichen, so meine ich in der Tat, daß wir wohl allen Grund haben, dasselbe so viel wie irgend möglich zu schützen.“ Hintergrund war, dass der Asylverein von geachteten Bürgern, wie August Borsig, Rudolf Virchow, Friedrich Kochhann, Paul Singer und von politisch-konfessionell liberalen Berliner Juden getragen wurden. Vom Asylverein kam die Antwort: „Wenn sich nun die Gegend, in der das Asyl gelegen ist, anbaut und verbessert, so ist es natürlich, das Stimmen erschallen, die sich über das Vorhandensein des Asyls beschweren.“

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