Weihnachtsmarkt und Jahrmarkt in den 60er Jahren, Quelle: Privatarchiv

Glanz in dunklen Zeiten

Fahrgeschäfte auf dem Weihnachtsmarkt 1962, Quelle: Privatarchiv
Ein Großaufgebot von Fahrgeschäften lockte kleine wie große Besucher 1962 auf den Weihnachtsmarkt in der Karl-Marx-Allee. / Quelle: Privatarchiv /

Weihnachtsmarkt auf der Karl-Marx-Allee.

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Ungleich größer als heute war in den ersten Nachkriegsjahren die Sehnsucht nach dem Zauber, der des kommerziellen Trubels zum Trotz über den Weihnachtsmärkten der geteilten Stadt lag. Der für die Hauptstadt wichtigste  hatte sich von 1953 bis 1961 auf dem Marx-Engels Platz (heute Schloßplatz) etabliert.
Die „Friedensweihnacht“ war das Motto im bewegten Jahr 1953. 5.000 Lampions mit einem reichen, wie aus dem Nichts gezauberten Warenangebot sollten die Juni-Ereignisse vergessen lassen. Eine Pionier-Eisenbahn durfte von Kindern bedient werden. Viele Spielzeuge aus Sonneberg wurden in der „Märchenstadt“ angeboten. Am Spreeufer ankerte neben dem Märchenschiff ein „Kahn der fröhlichen Leute“. Am 29. November ging ein Festzug von über fünfzehntausend Mitwirkenden durch die Innenstadt, der die Geschichte Berlins „Vom Fischerdorf bis zur Stalinallee“ schilderte.
Am 14. November 1961 verkündete der Magistrat von Berlin, die Stalinallee vom Alexanderplatz bis zum Frankfurter Tor in „Karl-Marx-Allee“ umzubenennen. Begründet wurde diese „nach Kenntnisnahme der Materialien des XXII. Parteitages der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ und „in Bezug auf die in der Periode des Personenkultes Stalins erfolgten Verletzungen revolutionärer Gesetzlichkeit“ sowie „der daraus entstandenen schweren Folgen“.
Vergessen sollten die Worte vom Pädagogikprofessor Eberhard Mannschatz sein, der 1953 sagte: „Wie oft lasen und studierten wir seine Werke und holten uns für unsere Entscheidungen Rat beim Genossen Stalin. Wie oft weilen unsere Gedanken bei ihm und schöpfen Kraft angesichts seiner großen Persönlichkeit, seiner ruhigen Sicherheit und seiner Weisheit.“

Weihnachtsmarkt und Jahrmarkt in den 60er Jahren, Quelle: Privatarchiv
Auf den Jahrmärkten der 60er Jahre waren Raketen und Raumfahrzeuge absolute Renner.
/ Quelle: Privatarchiv /

Schönes auf der Prachtmeile

Wegen Bauarbeiten zog der Weihnachtsmarkt 1962 vom Schloßplatz in die Karl-Marx-Allee um. Ein großer Turm wurde an der Ecke Palisadenstraße aufgebaut, von dem sich eine Rutschbahn neigte. Unten, im Märchenwald, warteten Frau Holle und Meister Briefmarke auf die jüngsten Besucher. Ein Riesenrad kam an die Ecke Lebuser Straße, ein Pfad von 65 Buden zog sich durch die Koppenstraße. Die Sensation war ein Backautomat, der schon beim Zubereiten von süßen Pfannkuchen Appetit auf mehr machte.  Fahrgeschäfte wie die „Lustige Tonne“ warteten neben dem Auto-Scooter, der Achterbahn, dem Rotor-Teller und anderen auf Gäste, von denen wegen der Mauer keine mehr aus Westberlin kamen.
Viele Westberliner waren  wegen Arbeitslosigkeit oder geringem Einkommen knapp bei Kasse. Bis zum Mauerbau waren für sie die Weihnachtsmärkte „im Osten“ interessant. Aufgrund des politisch begründeten Währungsgefälles zwischen Ost- und Westmark war für sie alles, was „im Osten“ gut und teuer war, viel billiger.
Als Randnotiz sei erlaubt: Im Gegenzug nutzte manch Friedrichshainer die Chance, mal eben einen fetten Schinken unter der Hand nach Kreuzberg zu bringen, um ihn dort für gutes Geld an einen Fleischer zu verkaufen.

Beatjugend,1966
Beatjugend,1966

Eins, zwei, drei und mehr im Jahr 1966

In den vier Jahren seit 1962 hatte die Karl-Marx-Allee etliche große Veranstaltungen gesehen, vor allem das Deutschlandtreffen 1964, bei dem man die deutsche Fassung von „She Loves you“ der Beatles hören konnte und Berliner Beatbands ihr Können zeigten. Ab November 1966 sollte dies zur Vergangenheit gehören. Im Rahmen des 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 hatte Erich Honecker festgestellt: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte.“ Fortan wurde jenem Teil der Jugend, die ihr Glück nicht in Parteiversammlungen oder Aufmärschen suchten, große Aufmerksamkeit geschenkt. Harmlose Partys mit Schlagermusik gerieten nun schnell in den Verdacht „Ansammlungen negativer Personen“ zu sein. Kontrollen und Drangsalierungen gegen Jugendliche in westlich anmutender Kleidung waren an der Tagesordnung. Am 7. Oktober 1966 eskalierte dieser Konflikt auf der Karl-Marx-Allee, wo eine Festmeile zum Tag der Republik aufgebaut worden war. Um ihre Ablehnung des SED-Systems auszudrücken, skandierten kleine Gruppen Jugendlicher ein lautes „Scheiße!“ statt „Klasse!“, was bei festlichen Anlässen nach lautem Abzählen von eins bis zehn linientreu gerufen wurde.

Ein Beatfan und damit Ziel für den Erkennungsdienst, Quelle: MfS-BV-Bln-Abt-XX-4210
Lange Haare, Kutte, Schlaghosen – ein Beatfan und damit Ziel für den Erkennungsdienst. / Quelle: MfS-BV-Bln-Abt-XX-4210 /

Jagd auf Beatfans vor festlicher Kulisse

Polizei und Ordnungskräfte der FDJ gingen mit Knüppeln und Stahlruten auf die sonst friedlichen Jugendlichen los. 147 Personen wurden verhaftet, die Jüngeren kamen sofort ins Durchgangsheim Alt Stralau, und viele der Älteren in das selbst nach DDR Gesetzen illegale Arbeitslager Rüdersdorf.
Grundlage war der § 215 StGB zum „Rowdytum“. Laut Formulierung widersprachen „Rowdys“ in „eklatanter Weise den Prinzipien der sozialistischen Menschengemeinschaft“, in deren Handlungen kämen „Rudimente der alten kapitalistischen Ausbeutergesellschaft zum Ausdruck.“
Als am 26. November 1966 Stadtrat Fritz Wolff den Weihnachtsmarkt in der Karl-Marx-Allee eröffnete, standen vier „Aufklärungsgruppen“ der Volkspolizei mit freiwilligen Helfern an der Palisadenstraße, am Strausberger Platz, in der Karl-Marx-Allee und vor dem großen Weihnachtsbaum bereit. Ergänzt von Hundeführern, Doppelstreifen, drei Gruppen von der Polizeischule, die sich in Sitzbereitschaft in den Nebenstraßen aufhielten sowie über dreißig Polizisten, die über das Gelände liefen. In den Wochen bis zum Weihnachtsfest wurden sie in Katz-und-Maus-Spiele mit den Jugendlichen verwickelt, die mal an der einen oder anderen Ecke mit dem Kofferradio im Arm standen und die „Schlager der Woche“-Hits laut hören ließen oder aber im Sprechchor fragten: „Wer liebt Walter Ulbricht? ‒ Wir nicht!“, oder „Wer liebt den Kongo Müller? ‒ Wir!“. Jener „Kongo Müller“ war ein zwielichtiger deutscher Söldner, der sich zum „Krieger für den freien Westen“ stilisierte und in den DDR-Medien als Terrorgestalt und Killer dargestellt wurde. Derart heftige Provokationen, aber auch nichtige Anlässe führten zu Verhaftungen von Jugendlichen auf dem Weihnachtsmarktgelände. Einweisungen in die Jugendwerkhöfe oder ins Gefängnis auch bei unbedeutenden Vorfällen waren die Folge. 1969 zog der Weihnachtsmarkt schließlich in den Volkspark Treptow um.

Ein Gedanke zu „Glanz in dunklen Zeiten“

  1. Glanz in dunklen Zeiten dies stimmt nicht ganz, denn hier gab es auch dunkle Seiten.
    Während die Staatssicherheit und die Volkspolizei Jugendliche mit langen Haaren in die Hausflure der Karl-Marx-Allee zerrte und ihnen einen Fassonschnitt verpasste, kamen auch noch Anzeigen wegen Körperverletzung dazu. Wiederstand dagegen wurde als Rowdyhaftes Verhalten dargestellt und sofurt geahndet indem die Betroffenen Personen in den Kindergarten hinter dem Kino International zur Sammelstelle gebracht wurden und von dort zum Knuppelkeller in der Keibelstraße. der weitere Verlauf war dann entweder D- Heim, Arbeitslager Rüdersdorf, Jugendwerkhof, Jugendhaus, oder Rummelsburg. Dies wurde je nach alter eingestuft.

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