Fassade der Rigaer Straße Nr. 71-73. Hier sollen Eigentums­wohungen und ein Hotel entstehen. / Foto: Anke Wagner /

Die Häuser denen, die drin wohnen

Die Rigaer Straße in den 70ern, an den Straßenlaternen und der Kirche zu erkennen. / Foto: Dirk Moldt /
Die Rigaer Straße in den 70ern, an den Straßenlaternen und der Kirche zu erkennen. / Foto: Dirk Moldt /

Wilde Zeiten in der Rigaer Straße

von Anke Wagner und Steffen Maria Strietzel.

In der DDR und besonders in Berlin herrschte Wohnungsmangel. Gleichzeitig standen Unmengen Wohnungen leer, ganze Straßenzüge verfielen einfach. Auch im Westteil gab es unbewohnte Häuser, meist ging es um Immobilienspekulation. Der Besitzer ließ das Haus verrotten, um es günstiger abreißen, neu bauen und teurer vermieten zu können. Im Osten war die Sache anders: Die kommunalen Wohnungsverwaltungen (KWV) verwalteten Häuser, die sie nicht renovieren konnten: Es fehlte an Material und noch mehr fehlte es an Handwerkern. Der Plan sah vor, straßenweise Altbauten abzureißen und durch schnellen günstigen Plattenbau zu ersetzen. Auch in der Rigaer Straße hatte man damit schon angefangen, etwa auf Höhe der Zellestraße. Einige der Erdgeschossläden in den leerstehenden Altbauten wurden von Volkseigenen Betrieben oder der KWV als Lager genutzt, andere waren verrammelt. In die Wohnungen zogen schon in den 70er Jahren, öfter noch in den 80ern Schwarzwohner: Sie zogen einfach ein, manchmal unterstützte die KWV den Ausbau der verfallenen Wohnungen. Die Eigeninitiative der meist jungen Leute wurde toleriert, solange sie sich ansonsten angemessen verhielten.

rigaer strasse, Foto: Silvio Weiß
Foto: Silvio Weiß

„Geht doch nach drüben…“

Um 1990 standen in Ostberlin ca. 25.000 Wohnungen leer, der Arbeiterbezirk Friedrichshain gehörte dabei zu den Stadtbezirken mit der schlechtesten Bausubstanz. Nach der Maueröffnung sprach sich das natürlich sehr schnell in der Westberliner Hausbesetzer-Szene herum. Allzu oft hatten die politisch Aktiven im Westen sich den Spruch „Geht doch nach drüben, wenn’s euch hier nicht passt!“ anhören müssen, das taten sie dann auch. Ab Frühjahr 1990 gab es eine Welle von Hausbesetzungen in Ostberlin, denn es war sinnvoll, das Ende der Heizperiode abzuwarten, bevor man in ein Haus einzog, in dem die Fenster rott und die Öfen außer Betrieb waren. Im Herbst waren es um die 130 Häuser, an denen Transparente hingen, die wild bemalt oder besprüht wurden, in denen gefeiert und gebaut wurde und – aus Sicht der alteingesessenen Bürger – die merkwürdigsten Gestalten ein und aus gingen.

Rigaer Str. 83, fotografiert 1995 / Foto: Berndt Potschka /
Rigaer Str. 83, fotografiert 1995 / Foto: Berndt Potschka /

In der Rigaer Straße wurden bis 1991 zwölf Häuser besetzt, genauso viele in der viel kürzeren Mainzer Straße. Der Sommer 1990 war in vielerlei Hinsicht aufregend: die ehemals unangreifbaren staatlichen Autoritäten der DDR – Partei, Volkspolizei und Stasi – hatten ihre Macht verloren. Aber die DDR existierte noch als Staat. Die erste Euphorie der Wendezeit war verflogen, denn jetzt fing es an mit der Arbeitslosigkeit und Unsicherheit. Die Wohnungen, so wurde deutlich, würden im Osten so günstig nicht bleiben, Alteigentümer meldeten sich, Spekulanten suchten interessante Objekte, die KWVen waren verschuldet und handlungsunfähig.

Straßenfest in der Rigaer Straße 1993 / Foto: bewa /
Straßenfest in der Rigaer Straße 1993 / Foto: bewa /

Allein machen sie dich ein, schmeißen sie dich raus, lachen sie dich aus.*

Und jetzt kamen diese jungen Leute daher und stellten sich nicht etwa hinten an, sondern nahmen einfach, was sie brauchten, nämlich Wohnraum. Und was wollten sie noch? Anders leben; das heißt für viele gemeinschaftlich leben statt in Einzelwohnungen, selbstorganisiert statt abhängig von gegebenen Strukturen. Klingt kompliziert und ist es auch, denn natürlich war nicht zu erwarten, dass sich hunderte Individualisten aus Ost und West im Nullkommanichts auf eine gemeinsame Idee einigen. Aber sie versuchten es, der BesetzerInnenrat wurde schnell gegründet, der die Vernetzung und gegenseitige Unterstützung möglich machen sollte. Eine BesetzerInnenzeitung wurde ab August 1990 herausgegeben und möglichst an alle Häuser verteilt, darin standen Protokolle von Verhandlungen, Pläne einzelner Hausprojekte, Demoaufrufe, Diskussionen. Besonders an den Diskussionsbeiträgen kann man verfolgen, dass zwischen grundsätzlich sehr unterschiedlichen Positionen kaum Annäherung möglich war. Einige wollten über Mietverträge verhandeln, andere gar nicht; sie verstanden das Besetzen von Häusern eher als politische Aktionsform: Mit Wohnen, so die Forderung, solle niemand Geld verdienen. Einige der Verhandlungsbereiten waren besonders an ihrem eigenen Vertrag interessiert, andere wollten einen Vertrag für alle Häuser. Ein Vertragsgremium wurde ins Leben gerufen, das versuchte, mit Senat und Magistrat eine Lösung für alle Häuser zu finden.
Welche Lösung wäre da akzeptabel? Einzelmietverträge für Wohnungen lehnten viele ab, da sie das ganze Haus als Projekt verstanden und gern Gemeinschaftsräume schaffen wollten. Andere fanden einen Rahmenvertrag als Grundlage für Einzelmietverträge annehmbar. So viele Fragen und so wenig Zeit: Schließlich hatte alle auch anderes zu tun: Auch die Hausgruppen mussten sich oft erst kennenlernen und Ideen und Pläne für „ihre“ Häuser schmieden, man stritt sich mit der Wohnungsbaugesellschaft und dem Bezirk um Unterstützung für die Winterfestmachung oder den Abtransport von Müll; Infoläden, Kinderläden, Food-Coops, Kinosäle, Kneipen wurden eingerichtet; Straßenfeste sollten die Alteingesessenen ansprechen; Demos gegen Mieterhöhungen und Räumungen wollten organisiert werden und vieles mehr. Außerdem zogen rechtsradikale Schlägergruppen durch die Gegend, sie griffen besetzte Häuser an oder verprügelten vermeintlich linke Personen. Oft hielt sich die Polizei da raus. Richtige Straßenschlachten gab es; sie wurden mit Fäusten, Steinen, Stuhlbeinen und Feuerlöschern ausgetragen. Die Beteiligten erinnern sich nicht gern. Bis heute ist die Toleranz gegenüber Nazis (selbst wenn Personen nur vermeintlich so aussehen) in der Rigaer Straße gering.

Fassade der Rigaer Strasse Nr. 71-73. Hier sollen Eigentums­wohungen und ein Hotel entstehen. / Foto: Anke Wagner /
…steht an der Fassade der Nr. 71-73. Hier sollen Eigentums­wohungen und ein Hotel entstehen. / Foto: Anke Wagner /

Der Traum ist aus…*

Der Sommer 1990 endete am 13. und 14. November. 4.000 Polizisten räumten die zwölf Häuser in der Mainzer Straße. Die Schlacht wurde mit  Steinen, Mollis und Feuerlöschern geführt. Heute erinnert in der Mainzer Straße nichts mehr an den Sommer der Hausbesetzungen, die Häuser wurden renoviert und die Wohnungen sind teuer. In der Rigaer Straße wurden sieben der zwölf besetzen Häuser nicht geräumt, die Bewohner handelten Verträge aus oder kauften ihre Häuser.
Einige sind gewöhnliche Mietshäuser geworden, in anderen verwirklichen die einstigen Besetzer ihre Träume vom etwas anderen Zusammenleben, mit Gemeinschaftsräumen, lockeren Wohngemeinschaften und basisdemokratischen Entscheidungen. Das ist nicht immer einfach, darüber werden wir in einem der nächsten Hefte ausführlicher berichten.

… aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.*

Einige Häuser verstehen sich immer noch als politische Projekte. Die Bewohner und Bewohnerinnen sind aktiv gegen Rechtsradikalismus, sie unterstützen Flüchtlinge, sie wollen was tun gegen die Gentrifizierung in ihrem Kiez. Denn heute ist all das in Friedrichshain angekommen, was im Sommer 1990 erst am Horizont drohte: Immobilienspekulanten und unbezahlbare Mieten und der Versuch, den Kiez von allem Subversiven zu säubern. Von der Polizei bzw. der Politik wurde die Rigaer Straße im letzten Herbst zum „kriminalitätsbelasteten Ort“ erklärt. So darf die Polizei auch ohne konkreten Verdacht die Identität von Passanten feststellen und deren Sachen durchsuchen. In der Rigaer Straße verkomplizieren seitdem Mannschaftswagen der Polizei das Befahren der ohnehin recht engen Straße. Mehrere Großeinsätze in oder gegen die Hausprojekte sorgten für Verwunderung, Ärger und Spott im Kiez. Mit 500 Polizisten und Hubschrauber­einsatz einen Hof begehen? Man kann sogar mit Kanonen auf Spatzen zielen und nicht treffen. Alteingesessene wie zugezogene Bürger ärgern sich darüber, so dass die Idee aufkam, eine Kiezversammlung ins Leben zu rufen und den Austausch zwischen den sehr unterschiedlichen Bewohnern der Rigaer Straße zu fördern. Nach den bisher vier Versammlungen kann man noch nicht sagen, was dabei herauskommen wird, nur eines: Zum Glück ist mehr als ein Sommer Zeit.

* Zitate aus Liedtexten von Ton Steine Scherben, eine äußerste beliebte Band in Hausbesetzerkreisen

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