Bruno Flierl in seinem Arbeitszimmer / Foto: Giovanni Lo Curto /

Ich bin mein eigener Auftraggeber

Bruno Flierl in seinem Arbeitszimmer / Foto: Giovanni Lo Curto /
Bruno Flierl in seinem Arbeitszimmer
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Der Architekturtheoretiker Bruno Flierl

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Seit 2008 ist Bruno Flierl Friedrichshainer. „Seit ich einen Fahrstuhl brauche“, kommentiert der kleine, überaus agile Mann mit einem ausgesprochen aufmerksamen Blick. Doch er kennt das Haus in der Frankfurter Allee, das in den 1950er Jahren entstand, von Beginn an. Mit Unbehagen denkt er an die Zeit zurück, als die SED die Moderne Architektur als kosmopolitisch verdammte und deutsche Bautraditionen als einzig richtige architektonische Richtlinie postulierte. „Aber ich musste später eingestehen, dass trotzdem viel von den Ideen des Neuen Bauens in den Wohnungen steckt. Alles in allem eine große städtebauliche Leistung.“ Nach kurzem Schweigen setzt er hinzu: „Und Oscar Niemeyer hatte noch nicht Brasilia gebaut.“ Für viele Architekten gilt dieser Name als Inbegriff einer modernen Stadt.

Bruno Flierl in seinem Arbeitszimmer / Foto: Giovanni Lo Curto /
Bruno Flierl in seinem Arbeitszimmer
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Jugend im Krieg

1927 im schlesischen Bunzlau geboren und in Liegnitz und Breslau aufgewachsen, gehörte er zu jenen Jugendlichen, die mit 16 Jahren in den Krieg eingezogen wurden. Im März 1945 erlebte er die Bombardierung Würzburgs und geriet dann in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach drei Jahren Arbeit als Kriegsgefangener in Frankreich wurde er Weihnachten 1947 zu seinen Eltern nach Berlin Friedenau entlassen, die inzwischen dort wohnten. Er arbeitete auf dem Bau, um abends sein Notabitur, das er noch in der NS-Zeit erhalten hatte, durch einen vollwertigen Abschluss zu ersetzen. Das war nicht einfach. Um sich den Lateinunterricht zu ersparen, gab er als zweite Fremdsprache, die er neben dem Englischen beherrschte, auch Französisch an. „Das hatte ich in der Kriegsgefangenschaft auf der Straße gelernt. Doch als sie mir nun einen literarischen Text vom Molière vorlegten, verstand ich nicht mal, worum es ging.“

Bruno Flierl in seinem Arbeitszimmer / Foto: Giovanni Lo Curto /
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Prägende Jahre

Ab Herbst 1948 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste, der heutigen UdK, bei Eduard Ludwig, eines Schülers von Mies van der Rohe. „Das Studium war auf Kunst und Baupraxis orientiert aber weniger auf die Gesellschaft. Ich stellte mir die Frage: ‚Willst du wirklich für private Auftraggeber arbeiten?’“ Der Einfluss seines Vaters, ein kritischer, aber vor dem Krieg nie in einer Partei organisierter Antifaschist, hatte ihn davor bewahrt, der NS-Ideologie auf dem Leim zu gehen. Dies half ihm, Ursachen und Wirkungen des Nationalsozialismus zu erfassen. Zurückgekehrte Emigranten wie Arnold Zweig und Bertold Brecht beeinflussten sein Denken. „Ebenso sowjetische Kulturoffiziere, die uns auf den Reichtum der deutschen Kultur hinwiesen und uns ermutigten, deren progressive Traditionen fortzusetzen.“ Die Treffen fanden unter anderem im Kulturbund statt. Als ein Organ der Einflussnahme der SED wurde dieser im Westen der Stadt verboten. Der Kalte Krieg hatte begonnen. In dieser Zeit sah Bruno Flierl sich veranlasst, zwischen zwei Weltsystemen politisch Stellung zu beziehen. Er entschied sich für das System, das die sozialistischen Ideale umzusetzen versprach.

Studentenarbeit und Architekturtheorie

Beeindruckt war Flierl von Persönlichkeiten wie Hans Scharoun, Ludmilla Herzenstein und Selman Selmanagić, die heute zu den führenden Architekten des Neuen Bauens im Nachkriegsberlin zählen. In den ersten Nachkriegsjahren bei allen Alliierten als integre Personen anerkannt, standen sie für den Aufbau eines neuen demokratischen Deutschlands. Ihr Kollektivplan von 1946 gilt bis heute als Meilenstein in der Planungsgeschichte der Stadt. Bruno Flierls erster Kontakt mit der Planungstätigkeit kam 1951 im Vorfeld der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten zustande. Selmanagić gab ihm die Möglichkeit, den Vorentwurf für ein Mehrzweckgebäude im Stadion der Weltjugend auszuarbeiten.
Für Flierl lag es jedoch näher, auf theoretischem Gebiet zu arbeiten. Ihn interessierte die Beziehung zwischen Architektur und Gesellschaft: wer zahlt, wer baut, wer nutzt, wer ist Bauherr? In der DDR wurde der Bauherr Auftraggeber genannt. Dass sich manche Funktionäre mitunter übler aufführten als kultivierte Bauherren im Kapitalismus, ist eine Ironie der Geschichte. „Ich trat für einen entwickelten Sozialismus ein. Der existierende war ja von oben eingeführt worden. Ich wollte in einem Problemlösungsprozess wirken und nicht Befehlsempfänger sein.“ An der gerade gegründeten Deutschen Bauakademie begann Flierl 1952 seine berufliche Tätigkeit mit dem Ziel, moderne Architektur mit dem Sozialismus zusammen zu bringen.

Bruno Flierl zum 50. Geburtstag 1977 im Gespräch mit dem Stadtbaudirektor der DDR-Hauptstadt, Roland Korn Foto privat
Zum 50. Geburtstag 1977 im Gespräch mit dem Stadtbaudirektor der DDR-Hauptstadt, Roland
Korn Foto privat

Leitender Redakteur

1962 wurde er zum Chefredakteur der Zeitschrift „Deutsche Architektur“ berufen. Er griff komplexe Themen auf und versuchte dabei, alles, was in der Welt Rang und Namen hatte, mit einzubeziehen. Eine Ausgabe widmete sich Großwohnhäusern, wie der Unité d’Habitation von Le Corbusier, den entsprechenden Versuchsbauten in Moskau und den Plänen Kenzo Tanges zur Bebauung der Tokioter Bucht. Dies waren Versuche, gemeinschaftliche Einrichtungen wie Läden und Kindergärten unter einem Dach mit Wohnungen zu bauen, die auf das Individuum zugeschnitten waren. „Es ging um die Frage: Was wäre in der DDR interessant?“ Ihm war daran gelegen, Architekten mit ihren Ideen selbst zu Wort kommen zu lassen. „Die Zeitung sollte ein Organ der Selbstfindung werden, die Architekturdiskussion demokratisiert werden.“ Doch auf diese Weise eine Zeitung zu machen, stieß auf die Missgunst derjenigen, die allenfalls ein Organ zur Verkündigung der Parteilinie haben wollten. Flierl wurde so 1964 seines Amts als Chefredakteur entbunden.

Technologisches Produkt oder Lebensraum?

„Mich interessiert die Stadt als Lebensraum, in dem die Menschen im Mittelpunkt stehen.“ Die Architektur als gebaute und räumliche Umwelt des Lebens der Menschen hat nicht nur eine praktische Bedeutung, sondern eine wichtige kulturelle Funktion. Demgegenüber war der industrielle Massenwohnungsbau der DDR vor allem an der Erfüllung technischer und ökonomischer Richtlinien orientiert, besonders seit 1958, als das Planen und Bauen aus der Verantwortung der örtlichen Verwaltungen genommen und dem Bauwesen unterstellt worden war. Angeleitet wurde es staatssozialistisch von der Abteilung Bauwesen des ZK der SED, der sich sogar der Bauminister zu beugen hatte. Ein eklatantes Beispiel dafür war ein Treffen des Bauministers Wolfgang Junker mit jungen  Architekten, die offen über Schwierigkeiten berichteten, ihre Vorstellungen umzusetzen. Der Minister versprach, sich für die Beseitigung dieser Hemmnisse einzusetzen. Ein so offenes Verhältnis zwischen Architekten und staatlichem Leiter passte der SED jedoch nicht. Bruno Flierls Bericht über dieses Gespräch wurde vor dem Vertrieb aus der Bauzeitschrift entfernt. Nie wieder ließ sich Junker zu einem so offenen Gespräch mit Architekten ein.

Wandbild

Architektur, Bildende Kunst und marxistische Kulturtheorie

Für Bruno Flierl ist Bildende Kunst nicht nur Anhängsel eines Bauwerks, Kunst am Bau, sondern ein gestaltendes Element in der Lebensumwelt. Er brachte Mitarbeiter des Bundes Deutscher Architekten und des Verbands Bildender Künstler zu Arbeitsgruppen zusammen, in denen gemeinsam über Bilder und Skulpturen für Stadtzentren diskutiert wurde. Die großen Wandbilder des spanischen Emigranten Josep Renau an einem Elfgeschosser in Halle-Neustadt waren für ihn ein beachtliches Beispiel. „Obwohl auch da wieder reingeredet worden ist.“ So begrüßte er auch, dass Menschen selbst zum Farbtopf griffen, um ihre Umwelt zu gestalten und bezeichnete die kleinen Kunstwerke, die während eines Straßen- oder Hoffestes an Häusergiebel oder Hof­fassaden gemalt wurden, als Bürgerbilder. Er beschrieb sie als naive Kunst, die nicht auf so lange Dauerhaftigkeit angelegt war, wie die staatlich geförderte Kunst am Bau.
Bruno Flierl stützte sich in seinen Bemühungen auf die marxistische Kulturtheorie, die Kultur als Wertbegriff des Lebens auffasst und Hoffnung auf eine sozialistische Demokratie nährte: „auf kreatives Denken und Handeln für die gemeinsamen Angelegenheiten im gesellschaftlich Leben, für die res publica. Politik muss immer von der Kultur getragen sein und nicht umgekehrt.“

Der Architekturtheoretiker Bruno Flierl
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Angeeckt

„Weil die sozialistische Demokratie nicht entwickelt war, funktionierte das Verhältnis zwischen ‚oben‘ und ‚unten‘ in der Gesellschaft meist nur von ‚oben‘ nach ‚unten‘!“
Unter diesen Bedingungen Zuversicht zu behalten, war schwer möglich. Irgendwann eckte man an. „1982 bin ich wegen eines Textes zur IX. Kunstausstellung endgültig in Ungnade gefallen. Ich verlor alle meine Ämter, wurde krank und schließlich berentet.“ Dafür konnte er nun in alle Welt reisen. „Seither bin ich mein eigener Auftraggeber, folge allen meinen Intentionen, publiziere und halte Vorträge, wo immer es geht.“

Bruno Flierl ca 1997
ca. 1997

Reisen und Lernen

„Seit einzelne Hochhäuser als Stadtdominanten in der DDR geplant wurden, begann mich das Phänomen der Hochhäuser zu interessieren. Um Hochhäuser in aller Welt zu begreifen, musste ich natürlich auch nach Manhattan.“ Ein Flug-Ticket konnte er sich für DDR-Mark kaufen. Aber für alles weitere brauchte er Valuta. Da half ihm Peter Marcuse, Sohn des Philosophen Herbert Marcuse: „Wenn Dir mein Sofa gut genug ist, dann hast Du ein Zuhause in New York. Alles Weitere musst Du Dir verdienen.“ Und tatsächlich, der Professor an der Columbia-Universität ermöglichte es ihm 1986, an der Universität Vorträge über das Bauen in der DDR zu halten.

Bruno Flierl im Gespräch mit Wilfried Stallknecht, einer der Architekten der Wohnungsbauserien P2 und WBS 70. / Foto: Giovanni Lo Curto /
Bruno Flierl im Gespräch mit Wilfried Stallknecht, einer der Architekten der Wohnungsbauserien P2 und WBS 70. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Immer noch im Gespräch

Bruno Flierl wurde in den letzten Jahren gelegentlich als Experte für Stadtentwicklung herangezogen, so etwa 2001/02 als Mitglied der internationalen Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“. Gegen die neuen Hochhauspläne am Alexanderplatz hat er nichts, sofern sie ökonomisch sinnvoll sind. Doch bemängelt er, dass mit einem Hochhausprojekt am Einkaufszentrum Alexa die gewohnte Sicht von der Frankfurter Allee auf den Fernsehturm zugebaut wird. „Manche wollen auch nach 25 Jahren deutsche Einheit die DDR-Architektur einfach weg haben. Und wenn das materiell nicht geht, dann doch wenigstens visuell. Und dies ausgerechnet beim Fernsehturm, der in aller Welt zum Stadtzeichen von Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland geworden ist!“
Als Beitrag zur gegenwärtigen Stadtdebatte über die Zukunft des Innenstadtraums zwischen Alexanderplatz und Spree gibt er zu bedenken: „Nicht Rückbau in die Vergangenheit vor der DDR sondern Weiterbau in die Zukunft nach der DDR sollte das Ziel sein.“
Vor einigen Jahren ist Flierl in den Kreis der Stadtältesten aufgenommen worden. Er bedauert, dass dieses Gremium nur Repräsentationszwecken dient, ohne auf das Erfahrungswissen seiner Angehörigen zurückzugreifen. Im letzten Jahr hat er seine Lebenserinnerungen: „Selbstbehauptung. Leben in drei Gesellschaften“ herausgegeben.

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