Der bekannteste Dichter der Barockzeit. / Quelle: Privat /

Frei im Wind

Porträt des Barockdichters Andreas Gryphius | Quelle: Privat
Der bekannteste Dichter der Barockzeit. / Quelle: Privat /

Die Gryphiusstraße und mehr.

Von

„Wo lust ist / da ist angst; wo frewd’ ist / da ist klagen. Wer schöne rosen sicht / siht dornen nur darbey. Kein stand / kein ortt / kein mensch ist seines Creutzes frey. Wer lacht; fühlt wen er lacht im hertzen tausend plagen. Wer hoch in ehren sitzt / mus hohe sorgen tragen. Wer ist der reichthumb acht / vnd loß von kummer sey? Wo armutt ist; ist noht. wer kent wie mancherley, Trawrwurmer vns die seel vnd matte sinnen nagen. Ich red’ es offenbahr / so lang als Phoebus licht, Vom himmell ab bestralt / mein bleiches angesicht, Ist mir noch nie ein Tag / der gantz ohn angst bescheret: O welt du threnen thall? recht seelig wirdt geschätzt; Der eh er einen fus/ hin auff die erden setzt. Bald aus der mutter schos ins himmels lusthaus fähret.“

Der Schöpfer dieser Zeilen, Andreas Gryphius, war Student an der Universität Leiden, die er vom Frühjahr 1638 an für 6 Jahre besuchte. Die niederländische Universität gehörte im 17. Jahrhundert zu den progressivsten in Europa, nicht zuletzt weil René Descartes hier Philosophie lehrte. Gryphius war als Student der Philosophie eingetragen. Vielseitig interessiert, war er Zuschauer des „Anatomischen Theaters“, des „Theatrum Anatomicum“, in dem Leichenöffnungen praktiziert wurden. Das Theater zog zur damaligen Zeit seinen Schauwert auch daraus, dass hier Tabuthemen wie Sex, Tod oder Schmerz vor nackten Körpern besprochen wurden. 1658 ging Gryphius nach Breslau. Hier setzte er Gelerntes um, indem er öffentlich 2 Mumien sezierte. Mumienauszüge, ob als Kügelchen oder Pulver, galten ähnlich dem heutigem Botox als Wundermittel. Aber nicht deshalb wurde der am 2. Oktober 1616 in Glogau Geborene bekannt, sondern als ruhmreicher deutscher Autor von Gedichten und Theaterstücken der Barockzeit, dessen Name seit 1902 die Gryphiusstraße ziert.

Andreas-Gryphius-Hörsaal | Quelle: Detlef Krenz
Die anatomischen Theater der Vergangenheit werden heute als Hörsäle bezeichnet.
/ Quelle: Detlef Krenz /
Thora lesen | Quelle: Bundesarchiv
Um den Wert der Worte nicht zu schmälern, werden Thoratexte mit Hilfe eines Zeigers gelesen. / Quelle: Bundesarchiv /

Nachbarn

Karl Kurz wohnte im Eckhaus der Gryphiusstraße Nummer 14 / 15. Er war ein einfacher Arbeiter, hatte aber mit der KPD nichts im Sinn. Er schloss sich der SA an, die an der Gryphius- Ecke Simplonstraße ihr Sturmlokal hatte, in dem meistens 20 – 30 Mann „in Bereitschaft“ saßen, um auf politische Gegner mit Koppelschlössern, Stöcken und anderen Waffen loszugehen. Kurz trat 1933 in die NSDAP der „Ortsgruppe Wühlischplatz“ ein. Im gleichen Haus wie er wohnte auch Erich Bürger, ein Amtsleiter der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“. Einige Häuser weiter, in der Gryphiusstraße 3 / 4, wohnte der Leiter des NS-Schulungsamtes. Bei offiziellen Gelegenheiten trat Sigismund Rosinski, aus der Gryphiusstraße 7, als Marschblockleiter in Erscheinung. Karl Kurz selber stieg zum Blockleiter auf. Herr Kurz legte stets Wert auf den Hitler-Gruß und wer diesen nicht ausführte, bekam Schwierigkeiten. Als 1947 der Außendienst der Deutschen Treuhandverwaltung, in die Straße kam, um nach Herrn Kurz und den anderen „Funktionsträgern“, zu suchen – sie waren alle längst „untergetaucht“ – , erfuhren die Außendienstleute, Herr Kurz wäre gegenüber der Hausgemeinschaft stets „ruhig und anständig“ aufgetreten und auch „politisch hätte er sich nicht profiliert“. Damit gaben sich die Rechercheure nicht zufrieden, sie fragten weiter und fanden Nachbarn, die zwei Jahre nach Kriegsende, den Mut hatten, gegen Kurz auszusagen. Kurz hatte die Familie Safirstein drangsaliert. Wenn er in den Luftschutzraum kam, musste die Familie diesen verlassen. Die Bewohner der Gryphiusstraße 14 / 15 nutzen wie jene der Krossener Straße 35, wo die Safirsteins wohnten, einen gemeinsamen Luftschutzkeller. Die Safirsteins hatten eine Eierhandlung in der Sonntagstraße geführt. 1933 verloren sie ihren Laden, denn das „Gesetz über den Verkehr mit Eiern“, richtete sich gegen jüdische Händler. Als am 23. November 1938, ein Gesetz zur „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ verabschiedet wurde, hatte das auf die Safirsteins, die von einem kleinen Tante-Emma-Laden lebten, zunächst keine Auswirkungen. Sie waren rumänische Staatsangehörige. Joel Saphirstein war im Herzogtum Bukowina aufgewachsen, einem Gebiet, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte und nach 1918 Rumänisch wurde. Mit seiner Frau Lea hatte er drei Söhne: Markus, Soldi, Norbert, alle in Friedrichshain geboren. Markus erlernte bei der Firma Willy Peukert in der Holteistraße 20a den Klempnerberuf und durfte diesen bis zum April 1943 ausüben. Er hatte diesen Beruf in der Hoffnung gelernt, später in Palästina davon leben zu können. Doch am 19. April 1943 wurde die Familie Saphirstein nach Auschwitz deportiert. In böser Vorahnung übergab Markus einer guten Nachbarin aus der Gryphiusstraße einen Koffer. Darin lagen persönliche Dinge von ihm, aber wichtiger noch, Familienpapiere, Fotos und Silberleuchter. Getrennt von seinen Eltern und Brüdern übersteht Markus die Gräuel der Lager Monowitz, Buchenwald, Sonnenburg und einen Todesmarsch. Markus war in Auschwitz einem Klempnerkommando zugeteilt worden. Heimlich bastelte er aus Metallstücken Eimer oder Kehrschaufeln, um sie gegen Brot zu tauschen, das er mit seinem Vater teilte, der schwere Steine tragen und Gräben graben musste. Der Vater erkrankte an doppelter Lungenentzündung und starb am 26. Dezember 1943. Die Mutter und seine Brüder starben im Gas. Am 7. Mai 1945 kam Markus frei, als eine amerikanische Einheit die SS-Bewacher in die Flucht jagte. Nach Berlin zurückgekehrt, bekam er von der Nachbarin seinen Koffer wieder und im September 1946 durfte er in die USA übersiedeln, wo er sich in New York niederließ. Die jüdischen Traditionen waren den Safirsteins sehr wichtig. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, war die von der Familie besuchte Synagoge zerstört worden. Mit seinem Vater rettete Markus eine Thora-Rolle der Synagoge und vergrub sie auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Nach dem Krieg ausgegraben, wurde sie von der Berliner Jüdischen Gemeinde dem New Yorker „Ferkauf“-Museum geschenkt. Am 16. April 1977 trugt Markus Saphirstein als einziger Überlebender seiner Familie diese Thora-Rolle in seine Synagoge. Mit 87 Jahren starb Markus am 3. Mai 2007 in New York.

 

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