| Quelle: Meyer-Prospekt 1936

Flüssiges aus Friedrichshain

Flüssiges aus Friedrichshain – Likör und mehr: Destillationsapparat | Quelle: Meyer-Werbebroschüre 1924
Mit einer kleinen aber effektiven Apparatur war ein guter Gewinn aus rohen Kartoffeln möglich. / Quelle: Meyer-Werbebroschüre 1924 /

 

Likör und mehr.

Für die Beduinen war „Kohol“ eine Schminke gegen den Sonnenbrand. Die Mauren brachten im 8. Jahrhundert mit dem „ferrum alkoholisatum“ ein fein gemahlenes Eisenpulver in den Europäischen Handel. Paracelsus verstand Alkohol als „Lebenswasser“ und als einen Teil vom Weingeist, der vor der Pest schützen sollte. Apotheker durften fortan „Lebenswasser“ (Branntwein) herstellen. Ein „Quart“ (ein knapper Liter) kostete 3 Groschen und 6 Pfennige. In „guten“ Kreisen war Branntwein „ein Appetitranreger“. „Russischer Branntwein“, war billiger, mit Pfeffer versetzt und kratzte mächtig im Hals. Mit solchen Viertelquart Branntwein verflüssigten die armen Berliner ihre Stullen. Der Kaufmann Johann Leberecht Pistorius machte mit seiner Erfindung den Sprit erschwinglicher. Am 18. Oktober 1816 stellte einen Destillierapparat für eine Großproduktion von Spiritus vor. 60 bis 80 prozentiger Alkohol konnte nun in einem Vorgang aus rohen Kartoffeln destilliert werden. „Branntweinschänker Ditrich“ nutzte 1818 dieses Verfahren in seiner „Tanztabagie“ an der Blumenstraße. 1831 belieferten 1400 Brennereien den Brandenburger und Berliner Markt. Jetzt wütete die „Kartoffelschnapspest“. Es hieß: „Die äußere Rohheit und Gemeinheit des Berliner Pöbels hat der Branntwein hervorgebracht. Er erschlafft den Geist, stumpft ihn ab für alles Edle und Schöne, macht träge und gleichgültig und frißt alle Blüte aus dem Menschen“.

Flüssiges aus Friedrichshain – Likör und mehr: Die Meyer-Filiale im Jahre 1936 | Quelle: Meyer-Prospekt 1936
Über die ganze Stadt verteilt waren die Filialen des Meyer-Konzerns. Auch in der Warschauer Straße gab es eins. / Quelle: Meyer-Prospekt 1936 /

Moderne Filialen

1896 nahm die Spiritusfabrik von Hermann Meyer in der Fruchtstraße 74 ihre Arbeit auf. Für die Herstellung von Farben und Essenzen war Spiritus ein Grundstoff und war auch Kraftstoff für Motoren und Lampen. Nach Friedrich Engels gehörte Hermann Meyer zu den „Schnapsjunkern“, denn die Kartoffeln – Grundlage für den Spiritus – wuchsen auf den Feldern des konservativen Landadels. Meyer gründete zum Vertrieb seiner Produkte ein Filialsystem. 30 Mark Fixum gab es neben der Provision. Zu jedem Laden gehörte eine kleine, für Familien mietfreie Wohnung. Meistens bedienten die Frauen den Tresen, wenn es hieß: „Jeh mal zu Meyer und hol mir ne Pulle Kümmel“.

Losungen

1907 wurde Hermann Meyer & Co. zu einer in Tochtergesellschaften aufgeteilten Aktiengesellschaft. Für Vertriebsangelegenheiten im Osten von Berlin war jetzt die „Östliche Wein- und Likörgesellschaft“ in der Wallnertheaterstraße 9 zuständig. In Anspielung auf eine Paul-Linke-Revue im Metropol-Theater, brachte Meyer 1908 die Schnapsmarke „Donnerwetter tadellos“ heraus. 1909 rief die SPD mit der Losung: „Der trinkende Arbeiter denkt nicht, der denkende Arbeiter trinkt nicht“ zum Schnapsboykott auf. Hintergrund war, dass die Konsumsteuern zur Finanzierung der Militärrüstung erhöht werden sollten. Der Spiritusbedarf für die Chemieindustrie war im Ersten Weltkrieg riesig und bescherte der Meyer AG große Gewinne. Allerdings, in der Fruchtstraße 79 wurde Kohlrübenmarmelade hergestellt.

| Quelle: Vorwärts 1909
Nichts ist unpolitisch, die SPD ruft zum Kampf gegen die Schnaps-junker auf. / Quelle: Vorwärts 1909 /

Expansion

Die Werbeabteilung der Meyer & Co. AG schuf 1924 den Spruch: „Keine Feier ohne Meyer“, wobei das Y zum stilisierten Sektglas dargestellt war. Sieben Meyer-Läden hatte Friedrichshain 1924 und 268 berlinweit. Unter der Führung von Robert Melchers, Delegierter des Aufsichtsrates, wurde die AG am 20. Oktober 1936 „arisiert“ und 1941 in „Robert Melchers AG“ umbenannt. Bereits am 12. November 1928 hatte die NS-Zeitung „Der Angriff“ gegen den „jüdischen Trust Meyer“ gehetzt. Jüdische Kneiper verloren ihre Lokale ebenfalls. Seit dem 21. Februar 1936 wurde die „politische Zuverlässigkeit von Bewerbern um eine Schankerlaubnis“ wichtig. „Im heutigen Staate ist ganz besonders Gewicht darauf zu legen, daß in politischer Hinsicht die Gewähr für eine einwandfreie Geschäftsführung besteht. Diese Gewähr kann nur von einer Person erwartet werden, die den heutigen Staat bejaht“. Mit dieser Begründung waren „Stellungnahmen der Gauleitung Groß-Berlin und der Gestapo“ einzuholen. Im Oktober 1945 wurde die „Robert Melchers AG“, in „Meyer“ zurück benannt und später ein Westberliner Lebensmitteldiscounter.

Klimawechsel

August Breuer mietete eine Ladenwohnung in der Warschauer Straße 81, hängte sein Firmenschild auf: „Fabrik feinster Edelliköre, Spirituosen- und Weingroßhandlung“. Am 1. März 1921, stand ein Behördenvertreter in der Tür und fand: „in dieser Kleinhandelsstätte ist eine Verführung zum Alkoholgenuß wegen des Halbschanks aus Bier, Wein, und Kaffee kein unmittelbarer“. Jahre später hatten Örtliche NS-Honorationen keine Einwände gegen Breuer, der 1940 in die NS-Partei eintrat. Im Mai 1945 Jahre brauchte Breuer dringend Geld, da stand Fritz Meier vor der Tür. Meier hasste die „Partei“. Auf die Frage, weshalb er am 20. April 1942, zum „Führergeburtstag“, keine Flagge ans Portal seiner „Kreuzberger Aromen- und Nährmittelfabrik“, hängte, sagte er: „Wer flaggt an meinem Geburtstag?“. Wenig später kam ein Betriebsprüfer von der „Partei“. Mit den Worten: „Auch mit ihrem Aushängeschild dürfen Sie bei mir nicht frech werden!“, wies Meier dem Prüfer die Tür und wurde einen Tag später von der Gestapo verhaftet. Für sechs Monate kam er ins Gefängnis; bei Entzug der Konzession auf Lebenszeit plus einem Ordnungsgeld von 75.000 Mark. Ein SS-Mann Czaplicki war Treuhänder, der Meier über ein Gnadenersuchen frei ließ. Im August 1945 startete Fritz Meier seine neue Firma in der Warschauer Straße 81. Neben flüssigen Backaromen „in hoher Qualität“, hatte er Liköre im Angebot. Allein durch den Verkauf der Backaromen verdiente er zwischen August 1946 bis Februar 1947 196.575 Mark. Im August 1947 zweifelte das Bezirksamt den Gnadenerweis von 1942 unter der Behauptung an. „Meier hätte ein umfangreiches Strafregister“, und ergänzte: „der Gnadenerweis war von einer Verwaltungsbehörde, aber keinem (NS-) Staatsanwalt ausgesprochen worden. Die Kriminaldirektion Dirksenstraße widersprach: „Es gibt keinen Anlass, Meier die Zuverlässigkeit abzusprechen“. Am 21. April 1949 ging Meiers Laden an die HO.

 

 

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