Haupbahnhof | Quelle: Bundesarchiv

Unfreiwillige Besitzerwechsel am Ostbahnhof

Haupbahnhof | Quelle: Bundesarchiv
Nichts störte die glatte Fassade des Hauptbahnhofes. Quelle: Bundesarchiv

Festes statt flüssiges Brot

Fritze Ziesmann war froh. Er hatte seine Kneipe durch den Krieg gebracht, und Kundschaft war hier Am Schlesischen Bahnhof 4 zahlreich. Aber Anfang Januar 1946 trudelte ein Schreiben ein: „Gemäß Befehl Nr. 124, vom 30. Oktober 1945, ist Ihr gesamtes Vermögen für beschlagnahmt erklärt, zur Vermeidung zwecklosen Schriftwechsels weisen wir darauf hin, daß ein Widerspruch gegen Maßnahmen auf Grund des Befehls Nr. 124 nicht möglich ist.“ Die sowjetische Kommandantur benötigte Schankraum, Vereinszimmer, Küche und Hinterzimmer für eine Verpflegungsstelle mit Brotausgabe. Doch Anfang November 1946, waren die Sowjets wieder draußen. Nur wie: der Fußboden war teilweise herausgerissen, zum Keller fehlte die Klappe, Fenster- und Scherengitter waren ausgebaut und das Klosett total verstopft. Am 10. März 1947 kam das Bauamt zur Besichtigung. Das Ergebnis war: „Die Räume wurden überprüft. Diese befinden sich nach der Freigabe in einem sehr schlechten Zustand.“ Ziesmann investierte 2.670,- Mark, um alles wiederherzustellen. Alles war vergeblich. 1950 musste er dem Bauamt mitteilen: „Der bauliche Zustand des Grundstücks ist so reparaturbedürftig, daß die Einträge, die aus den Mieten zufließen, allein schon zur Beseitigung der äußersten Notstände zu verwenden sind.“ Er gab die Kneipe auf. Unberücksichtigt war und blieb, dass dieses „Reichseigene“ Grundstück ehemaliges jüdisches Vermögen war. Einst war es im Besitz von Dr. Leopold Katz und Alexander Stern. Ersterer soll 1943 in Budapest und Alexander Stern 1946 in Haifa gelebt haben. Doch ob 1946 oder 1950, das Bauamt vermeldete: „Die Erstbesitzer haben sich bisher nicht gemeldet!“ 1952 ging das ganze Grundstück in den „volkseigenen Besitz“ über. Sämtliche hier genannten Häuser wurden während des II. Weltkrieges zerstört und in den Fünfziger oder späteren Jahren im Zuge der Umgestaltung der neuen Umgebung vom Ostbahnhof abgerissen. Verschollen sind die näheren Lebensdaten, Fotos und persönlichen Dokumente von Dr. Leopold Katz, Alexander Stern oder dem Ehepaar Bronner.

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