Filmplakat "Der Richter bin ich" | Quelle: Filmplakatwerbung 50er Jahre

Grenzbereich Kino

Filmplakat "Am Rande der Großstadt" |  Quelle: Programmheft
Filme, deren Handlungen sich im Trüben abspielen. / Quelle: Programmheft /

Grenzbereich Kino.

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Wer etwas sehen wollte, brauchte ein Fernglas. Lohnte sich dieser Blick, dann machte sie oder er sich auf den Weg, um Freundinnen oder Freunde mit dem gleichen Sinn für Stil zu treffen. Für diesen Stil charakteristisch waren raffinierte Lichteffekte. Dramatische Verwicklungen in dieser von Gier, Gewalt und zynischen Kommentaren regierten Schatten-Welt, führten meist zum tödlichen Ende düsterer Geschichten. Erblickten die Freunde dieser Geschichten Plakate, mit Titeln wie: „Eine Kugel wartet“, „Sündige Liebe“, „Gefährlicher Auftrag“, oder war irgendwo zu lesen: „Ein schonungslos packender Kriminalfilm, der in die Tiefen einer Weltstadt hineinleuchtet“, waren die Liebhaber an Orten zur Stelle, die Namen wie „W.T.B“, „Lido“, „Casino“ oder „Stella-Palast“ trugen. Per Fernglas waren deren Film-Ankündigungen von der Friedrichshainer Seite der Spree aus zu lesen. Parallel zur Kreuzberger Spree-Seite, an der Köpenicker- und Schlesischen Straße, reihten sich diese „Grenz- oder Ostgeldkinos“.

Zustrom

„Groß-Berlin“ zählte Mitte der 50er Jahre 92 Kinos. Aber allein in den Friedrichshainer Kinos sank in den Jahren von 1954 auf 1955 die Zahl von 16,6 und auf 15,8 Besuche pro Einwohner. Dagegen öffneten in Westberlin 320 moderne Kinos die Türen für Zuschauer. Wurden auf der einen Seite der Spree sieben Filme gezeigt, von denen vier den Widerstandskampf gegen den Faschismus zum Thema hatten, kamen auf der anderen Spree-Seite 35 Filme zur Aufführung. 1,4 Millionen Karten Westberliner Kinos gingen im März 1956 an die Besucher aus der DDR-Hauptstadt.

Kinobesucher | Quelle: Propagandabroschüre
25 Pfennige waren leicht zu verschmerzen. / Quelle: Propagandabroschüre /

Ärgernis

Auf Vorschlag des amerikanischen Filmoffiziers Mr. Martay – er initiierte auch die Berliner Filmfestspiele in Westberlin – sollten „die Ostberliner mit den Filmprodukten der freien Welt“, bekannt gemacht werden. Am 18. Juli 1950 führten die „Stella-Lichtspiele“ in der Köpenicker Straße 12 und das „W.B.T.“ in der Schlesischen Straße 29 verbilligte Vorführungen für „Ostbesucher“ ein. Ein Geschäftserfolg, gefördert durch den Erlass der Vergnügungssteuer. Allein wegen ihrer Filmauswahl und deren Nachmittagsvorstellungen hatten fünf Grenzkinos im Umfeld vom U-Bahnhof Schlesisches Tor täglich bis zu 5.645 Besucher. Obwohl 1956 jeder Besucher nur 25 Pfennige „Ost“ in die Kasse brachte, ergab sich daraus ein umgerechneter Monatsgewinn von 42.337 DDR-Mark. Dieses Kleingeld lieferte Gerhard Kollat, dem das „W.B.T.“ und „Lido“, in der Schlesischen Straße gehörte, direkt an die grenznahen Wechselstuben. Wegen der Kurse – etwa 1 DM „West“ zu 5.6 „Ost“ – benötigten diese ständig DDR Kleingeld. Mit diesem gingen die Kreuzberger in Friedrichshain günstig einkaufen.

Filmwerbung für den Kinofilm "Die Fliege" | Quelle: Zeitungswerbung 50er Jahre
Auch große Filme kamen in die kleinen Kinos.
/ Quelle: Zeitungswerbung 50er Jahre /

Schräge Bühnen

Die Grenzkinos waren für den Groß-Berliner Magistrat das Beispiel für den „geistigen Verfall und die moralische Verkommenheit des Westens“, schließlich wurden im „Stella-Palast“ an der Köpenicker Straße oft Filme gezeigt, die für Jugendliche unter 16 Jährige nicht zugelassen waren. Und obwohl geschäftlich wie politisch im Sinne ihrer Gründung erfolgreich, sah der Westberliner Senat die Kreuzberger Grenzkinos als „Bruchbuden“ an. In einer Aktennotiz vom 12. Oktober 1954, „lebten“ sie wegen ihrer Tagesvorstellungen von „herumlungernden Jugendlichen und der Halbwelt des Ostsektors“, und darüber hinaus „zu 80 % von Leuten, auf die Westberlin weder aus politischen noch moralischen Gründen Wert legen sollte“. In den Kinos um das Schlesische Tor wurde der Friedrichshainer Besucheranteil auf 90 bis 95 % geschätzt. In der Hauptsache waren das Schüler der Berufsschulen oder der Grund- und Oberschulen. Manchmal kam der Eindruck auf: die Lehrlinge eines Betriebes machen einen Gemeinschaftsbesuch. Und es trafen sich am Schlesischen Tor „Halbstarke“, die durch flegelhaftes Benehmen auffielen. Sie erwarben Kartenkontingente, die sie mit erheblichen Aufschlag weiter verkauften, wenn die oft ausverkauften „Sondervorstellungen“, bevorstanden. Die Gegend um das Schlesische Tor, damals das „Chicago des Südostens“, war sowieso verrufen. In der letzten Phase des II. Weltkrieges lebte hier wegen der Verkehrslage und der Nähe zum Osthafen ein reger Schwarzhandel auf. In der Schwarzmarktzeit lagerte in den Hinterzimmern der Bars und Kneipen Schmuggelware aus Ost und West und ein Walter Schmidt aus der Görlitzer Straße 68, stieg zum Kreuzberger „Al Capone“ auf. Hier verkehrten die Mitglieder des „Sparvereins Südost“. Gründer war der ehemalige „Ring-Bruder“, des (Gangster-) Vereins „Immertreu“, Gerhard Hirschfeld, der einst am Ostbahnhof sein Unwesen trieb.

Filmplakat "Der Richter bin ich" | Quelle: Filmplakatwerbung 50er Jahre
Blonde Frauen! eine Gefahr für die harte Männerwelt
/ Quelle: Filmplakatwerbung 50er Jahre /

Gute Bühnen

Der Steuervorteil der Grenzkinos wurde im Zuge eines „Gesamtberliner Kulturplanes“, am 1. Januar 1957 abgeschafft und durch eine „1:1 Regelung“ ersetzt. Im gleichen Jahr hieß es in einer Studie zum Thema „Ost-Filmbesucher“: „Die 1.7 Mio. Ostbewohner stellen eine erfreuliche wirtschaftliche Reserve für den Westen dar.“ Nach dem Vorzeigen der Abschnitte von Lebensmittelkarten oder dem Personalausweis, durften nun die „Ost“- Besucher ihren Eintritt „wie in West“ bezahlen. Die Wechselkursdifferenz wurde aus Bundesmitteln ergänzt. Infolge der 1:1 Regelung stieg die Zahl der Kinobesucher aus Friedrichshain weiter an. Und sie nutzten die Gelegenheit, um am Kottbusser Damm kleine Einkäufe zu erledigen, für die Kreuzberger Geschäftsleute ein wesentlicher Input. Direkt am Kottbusser Tor war mit dem „BBB“, der „Berliner Bunten Bühne“, eines der modernsten Westberliner Kinos angesiedelt. Es hatte Cinemascope- Vorführeinrichtungen, eine sehr gute Tonanlage, verfügte über eine komfortable Inneneinrichtung, und vor allem über eine „Wasserorgel“. Ein Bühnenspektakel aus Licht, Ton und Farben, das Besucher reihenweise anlockte. Stets waren im „BBB“ die neuesten Hollywoodfilme zu sehen. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 endete diese Phase der Berliner Kinogeschichte. Als erstes schlossen die Grenzkinos. Als letztes 1973 die „Filmbühne Naunynstraße“ und vom Fernsehen sowie dem Video „gekillt“, „starb“ das „BBB“ 1980.

"Der Vampir" | Quelle: Zeitungswerbung 50er Jahre
B-Movies waren Kassenrenner der kleinen Kinos. / Quelle: Zeitungswerbung 50er Jahre /

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