Konferenz junger Schriftsteller , 1954 | Foto: Illner, Bundesarchiv, Bild 183-23686-0003, Wiki Commons

Alex Wedding und Friedrichshain

Grete Weiskopf | Alex Wedding: „Aus vier Jahrzehnten. Erinnerungen, Aufsätze und Fragmente“ Berlin 1975
Grete Weiskopf in ihrem Arbeitszimmer in ihre Wohnung am Strausberger Platz. / Aus dem Buch Alex Wedding: „Aus vier Jahrzehnten. Erinnerungen, Aufsätze und Fragmente“ Berlin 1975 /

Eine auch heute noch wichtige Schriftstellerin.

Von Andreas Hoheisel.

Kaum jemand weiß noch, dass sich im Karree zwischen Andreas-, Singer- und Krautstraße die am 3. Mai 1888 eröffnete Markthalle VII befunden hat. Ein Dreivierteljahrhundert stand in diesem Gebiet die zweitgrößte Markthalle Berlins. Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg verwandelten allerdings die Halle mit dem weiteren Umland in ein Trümmerfeld. Letzte Reste der „Andreashalle“ wurden 1966 weggeräumt und es wurde Platz geschaffen für die Neuplanung von Bauten im Hinterland der Karl-Marx-Allee. In der Singerstraße wurde auf dem ehemaligen Markthallenareal 1965/66 eine Schule errichtet. Daran werden sich sicher ältere Berlinerinnen und Berliner aus dem Kiez erinnern. Es war der Prototyp eines Schulgebäudes, konzipiert von Gerhard Hölke vom VEB Berlin-Projekt. Diesen Schultyp finden wir in den ehemaligen Ostberliner Stadtbezirken, denn es wurden bis Anfang der 1980er Jahre rund 150 dieser Typenschulen unter der Serie „SK Berlin“ gebaut. Die neu errichtete Schule in der Singerstraße 87 wurde zum Schuljahr 1966/67 eingeweiht und erhielt den Namen Alex Wedding. Der Name war nicht ohne Grund gewählt. Alex Wedding war das Pseudonym der Kinderbuchautorin Grete Weiskopf, die ganz in der Nähe bis zu ihrem Tod 1966 ihre Wohnung am Strausberger Platz 19 im „Haus des Kindes“ hatte. Als Margarete Bernheim wurde sie am 11. Mai 1905 als Tochter eines kaufmännischen Angestellten in Salzburg in eine kleinbürgerliche jüdische Familie hineingeboren und lebte dort bis 1922. An ihrem Geburtshaus am Makartplatz Nr. 7 in Salzburg befindet sich heute eine Gedenktafel, die sie als bedeutende sozialistische Kinder- und Jugendbuchautorin würdigt. Nachdem sie drei Jahre in Innsbruck in einem Warenhaus arbeitete, folgte sie ihrer Schwester Gertrude 1925 nach Berlin. Die Schwester war mit Wieland Herzfelde, dem Begründer des Malik-Verlages und Bruder von John Heartfield, verheiratet. Sie wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und arbeitete wie ihre Schwester im Malik-Verlag, wo sie auch den Schriftsteller Franz Carl Weiskopf kennen lernte. Beide heirateten 1928.

Konferenz junger Schriftsteller , 1954 | Foto: Illner, Bundesarchiv, Bild 183-23686-0003, Wiki Commons
Grete Weiskopf 1954 auf einer Konferenz junger Schriftsteller in Leipzig, Paul Wiens und die sowjetischen Schriftsteller Wassilij Ashajew und Jewgeni Dolmatowski. / Foto: Illner, Bundesarchiv, Bild 183-23686-0003, Wiki Commons /

Ein erfolgreiches Kinderbuch

Ihre Wohnung befand sich damals in Berlin Reinickendorf und hier lernte sie auch die Heldin ihres ersten Romans, das Sinti-Mädchen Unku, kennen. Das Winterquartier der Roma befand sich damals in der Weddinger Papierstraße (kurz vor Reinickendorf). Grete Weiskopf hat mit Unku und ihrer Familie Freundschaft geschlossen und sich sehr über die tägliche Diskriminierung der Familie empört. Gleichzeitig berichtete Unku auch über ihren Schulfreund Ede Sperling, der ebenfalls in der Nachbarschaft wohnte. Auch er besucht die Familie Weiskopf. So entwickelte sich aus vielen Puzzleteilen die Geschichte über die Freundschaft des Berliner Jungen Ede zum Sintimädchen Unku während der Zeit der Weimarer Republik. Es wird das Erstlingswerk und das erste Kinderbuch von Grete Weiskopf. Sie schreibt es unter ihrem Pseudonym Alex Wedding. Das Buch erscheint 1931 im Malik-Verlag, die Fotos für die Originalausgabe des Buches stammen von John Heartfield. Der bürgerliche Name von Unku ist Erna Lauenberger. Erna Lauenburger wurde, als sie Anfang 20 war, ins KZ Auschwitz deportiert und dort zusammen mit ihren Kindern und vielen Verwandten ermordet. Eindrucksvoll schreiben Janko Lauenberger und Juliane von Wedemeyer in ihrem Buch: „Ede und Unku – die wahre Geschichte“ über das Schicksal einer Sinti-Familie von der Weimaer Republik bis heute. „Ede und Unku“ wurde 1933 von den Nazis verboten. Es war eines der Bücher, die nationalsozialistische Studenten am Abend des 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz verbrannten. Damit war das Kinderbuch aber nicht verschwunden. Es folgten Übersetzungen: Dänisch 1934, Englisch 1935 und Tschechisch 1936. 1954 erschien in der DDR die erste Neuauflage nach dem Krieg. Es wurde Schullektüre und Millionen Kinder haben das Buch im Unterricht gelesen. 2005 erschien anlässlich Weddings hundertstem Geburtstags die bisher letzte Auflage im Berliner Verlag Neues Leben. Am 27. Januar 2011 wurde anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in Friedrichshain ein Fußgängerweg als Ede-und-Unku-Weg eingeweiht. Er soll an Erna Lauenburger, Alex Wedding und das bedeutende Kinderbuch erinnern und verbindet die Scharnweber- mit der Dossestraße. Warum hat Grete Weiskopf seit 1931 unter dem Pseudonym Alex Wedding geschrieben? Dieser Name ist programmatisch für ihren schriftstellerischen Anspruch: Er setzt sich aus „Wedding“, einem Berliner Arbeiterviertel, sowie „Alex“, dem Alexanderplatz als einem der wichtigen politischen Orte Berlins zusammen und er sollte männlich sein. Die schlechten Bücher ihrer Kindheit waren von Tanten geschrieben worden, so erinnerte sie sich; sie wollte aber keine dieser Märchentanten sein, die den Kindern mit verlogenem Schmus kamen. 2009 erhielt eine kurze Querstraße zur Keibelstraße am Alexanderplatz den Namen Alex-Wedding-Straße. 1980 kommt es noch einmal zu einer Verbindung zu Alex Weddings bekanntem Kinderbuch.

Grete Weiskopf - Ede und Unku Weg | Foto: Andreas Hoheisel
/ Foto: Andreas Hoheisel /

Filmszenen spielen in Friedrichshain

Der Regisseur Helmut Dziuba verfilmte den Stoff unter dem Titel »Als Unku Edes Freundin war« für die DEFA. Der Film erlebte am 3. April 1981 in Friedrichshain im damaligen Filmtheater Kosmos in der Karl-Marx-Allee seine Premiere. Einige Drehorte befanden sich um das Ostkreuz herum. So wurde der Rummel mit seinen Fahrgeschäften und Wohnwagen auf dem Kurt-Ritter-Sportplatz an der Gürtelstraße errichtet. Zurück zur Wohnung der Schriftstellerin am Strausberger Platz. Nach der Emigration, beide fliehen über Prag und Paris nach New York, arbeitet F.C. Weiskopf als Gesandter der Tschechoslowakischen Republik. Das Ehepaar lebte in Washington, Stockholm und Peking. 1953 erfolgt die Übersiedelung in die DDR und 1954 beziehen beide eine Wohnung im „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz 19. Irene Henselmann, die mit ihrem Mann, dem Architekten Hermann Henselmann, im gleichen Haus wohnte, schrieb in ihrem Buch „Einsam war ich nie“ über Alex Wedding: „Grete schrieb spannende Jugendbücher … Zwischen unseren Wohnungen entwickelte sich bald so etwas wie eine Ameisenstraße, auf der unsere Kinder hin und her wanderten … . eigentlich alle Kinder des Hochhauses. Grete war ungeheuer kinderlieb, sie hatte keine eigenen, was man bei dem unruhigen Leben, das sie geführt hat, versteht. Sie war eine hervorragende Köchin. Zur Weihnachtszeit zogen die Düfte ihrer Kuchen und Kekse durchs Haus. Alle Kinder durften beim Backen helfen, zusehen oder kosten. Als sie starb, vermachte sie jedem Kind, das zu dieser Zeit im „Haus des Kindes“ wohnte, tausend Mark.“ Alex Wedding verstarb mit 60 Jahren am 15. März 1966 und wurde auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde neben ihrem Mann beerdigt. Eine sich früher am Haus befundene Gedenktafel ist leider nicht mehr vorhanden. Nachfragen über den Verbleib meinerseits blieben unbeantwortet. Anders als an ihrem Geburtshaus, fehlt an Alex Weddings letztem Wohnort ein ehrendes Gedenken an diese bedeutende Schriftstellerin.

 

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