Jutta Langer | Foto: Giovanni Lo Curto

Ich kannte alle Tanzlokale in der Gegend

Jutta Langer | Foto: Giovanni Lo Curto
Wenn Jutta Langer redet …
Jutta Langer | Foto: Giovanni Lo Curto
… , dann sind ihre Hände in Bewegung. / Fotos: Giovanni Lo Curto /

Zu Besuch bei Jutta Langer im Dr.-Harnisch-Haus.

Von Dirk Moldt.

Es gibt Menschen, die erstaunen nicht nur auf den ersten Blick. Mit Frau Langer habe ich mich telefonisch im Dr.-Harnisch- Haus, dem Altersheim in der Liebigstraße, verabredet, wo sie seit sieben Jahren wohnt. Mir kommt sie mit Rollator entgegen, schmal, sehr gerade, mit einem schicken langen, hellgrauen Pullover und schwarzen Leggins bekleidet und mit Ketten und Ringen geschmückt. Ihr weißes Haar hat sie locker zusammengebunden und ihr Gesicht stahlt wie das einer jungen Frau. Ein Oma-Typ ist Frau Langer nicht, obwohl sie in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird.

Leben mit der offenen Grenze

Wir setzen uns in den öffentlichen Café-Raum. Ich hatte Frau Langer darum gebeten, mir etwas von Ihrer Zeit zu erzählen, die sie als Erzieherin in Heimen und Krippen in Friedrichshain arbeitete. Geboren wurde sie in der Weichselstraße, aufgewachsen ist sie in Köpenick. Sie waren vier Kinder zu Hause. „Ich selbst wollte nie eine Hausfrau sein, wollte selbständig Geld verdienen und es auch selbst ausgeben“, unterstreicht sie. Als junge Frau arbeitete sie in einem Kinderheim auf Stralau, das längst nicht mehr besteht. Es lag fast an der Spitze der Insel. Sie legt Wert darauf, es nicht mit dem Durchgangsheim im Gebäude der heutigen Thalia-Schule zu verwechseln. Zunächst arbeitete sie als Helferin, dann lernte sie den Beruf der Krippenpflegerin. Mir fällt es nicht einfach, ihr zuzuhören, so sehr faszinieren mich ihre Lebendigkeit, ihr Minenspiel und ihre Beweglichkeit. Es ist, als stecke ein ganz junger Mensch im alten Körper. Offenbar bemerkt sie meine Irritation, denn sie ändert das Thema und zeigt mir das Titelfoto einer Broschüre mit der Oberbaumbrücke drauf. „Das erinnert mich an meine Jugend. Da bin ich immer über die offene Grenze nach Kreuzberg gegangen und habe nach Petticoats geschaut. Es war die Rock’n Roll-Zeit. Ich habe immer gern getanzt. Auch eine schicke Schnürbluse und Rock’n Roll-Schuhe hatte ich.“ Dabei war das Leben mit der offene Grenze gar nicht so einfach, wie heute oft geglaubt wird. Die Menschen verdienten weniger Geld als heute und lebten in sehr viel einfacheren Verhältnissen. „Meiner Mama habe ich einmal eine Westzeitung am Körper tragend über die Grenze geschmuggelt.“ Sie wollte sich als Putzfrau im Westen etwas dazu verdienen. „Dafür haben sie mir ein anderes Mal an der Grenze einen schicken Schal abgenommmen, den ich mir gekauft hatte.“ Auf Stralau leistete Jutta Langer auch Aufbaustunden in einer Gärtnerei. Bis Ende der 1960er Jahre war dies der übliche Weg, um in einer Arbeiterwohnungsgenossenschaft Anteile zu erwerben. „Der Gärtner mochte mich, wohl auch weil ich besonders fleißig war, und schrieb mir immer mal ein paar Stunden mehr auf. Schließlich habe ich eine schöne Wohnung in Hohenschönhausen bekommen.“

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