Grenzübergang Oberbaumbrücke 1983: Regelmäßig wurde die Grenze per Helikopter überwacht. / Quelle: BStU MFS HA II/Fo/832/Bild 9 /

Oberbaumtransfer

Grenzübergang Oberbaumbrücke 1983: Regelmäßig wurde die Grenze per Helikopter überwacht. / Quelle: BStU MFS HA II/Fo/832/Bild 9 /
Grenzübergang Oberbaumbrücke 1983: Regelmäßig wurde die Grenze per Helikopter überwacht. / Quelle: BStU MFS HA II/Fo/832/Bild 9 /

Verbindet oder trennt Friedrichshain und Kreuzberg: die Oberbaumbrücke

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Ein Baumstamm mit Eisennägeln schwamm einst mitten auf der Spree. Seitlich davon waren Pfähle eingerammt. Schiffe, die passieren wollten, hatten eine Steuer – die Akzise – zu zahlen. Wie jeder, der im 18. Jahrhundert in die Residenzstadt Berlin wollte. Seit 1724 wurde mit dem „Oberbaum“ die obere Spree gesperrt, gefolgt vom Bau der Zollmauer um die Stadt. Landseitig bot das Schlesische wie das Stralauer Tor Einlass. Friedrich Wilhelm I. wollte mit dieser Aktion die heimische Wirtschaft vor dem Import billiger Waren schützen. Jedoch sollte auch die Flucht von Soldaten aus seiner Armee, viele davon gewaltsam „geworben“, verhindert werden. Am 1. Januar 1876 gingen Straßen und Brücken in das Eigentum der Stadt Berlin über. Die Stadtmauer war Geschichte und Berlin auf dem Weg zur großen Industriestadt. Der „Oberbaum“ jetzt eine Zugbrücke. Auf Pfählen ruhte eine 154 Meter lange wie 8,5 Meter breite Holzbrücke, die dem Verkehr nicht mehr gewachsen war. Stadtbaurat James Hobrecht plante eine neuzeitliche Verbindung.
1894 packten die Bauleute an und legten am 24. August 1895 den Schlussstein. Im Dezember 1895 wurde die Oberbaumbrücke für den Verkehr freigegeben.

Transfer ins Grüne und eine Korrektur

Seit der Jahrhundertwende wurde das Kanalflusssystem um Berlin weit ausgebaut. Binnenreedereien nutzten diese für Ausflugsfahrten. Im Oktober 1932 bot die Reederei Kieck, eine der größten, von ihrem Anlegeplatz Falkensteinstraße 49 aus, wo sich heute das „Watergate“ befindet, „Winterfahrten“ nach „Neu-Heringsdorf“ bei Friedrichshagen plus Rundfahrt auf dem Müggelsee an. Zum Einsatz kam der 810 Personen fassende Luxusflussdampfer „Columbus“ mit Tanzdiele, Promenadendeck und Wiener Café an Bord. Tagesfahrten wurden auch ein Geschäft für die „Reedereien Oberspree“, einem Verbund von Kleinreedereien, die solche Touren vom nahen Gröbenufer in die östlichen Ausflugsgebiete Berlins starteten. Der Osthafen war jetzt ein Wirtschaftszentrum des Berliner Ostens, Lagerhäuser und Speditionen säumten beide Spree-Ufer. Zur Friedrichshainerin wurde die Spree im Mai 1937 per Gebietsreform. Bis zum Sommer 1943 setzte die Reederei Kieck ihre Fahrten fort, im Osthafen brummte mit zunehmender Tendenz der Schwarzhandel. Neben Lebensmitteln wechselten zivile Papiere „für ein späteres Leben“ den Besitzer. Am 23. April 1945 sprengten SS-Leute das Mittelstück der Oberbaumbrücke, Widerstandskämpfer verhinderten weitere Zerstörungen. 1946 fuhren die Dampfer wieder, jetzt aber zu „Hamsterfahrten“ ins Brandenburger Umland.

Oberbaumbrücke Grenzübergang Westseite 1983, Ansicht der „modernen“ Grenze von der Westseite / Quelle: BStU MfS
Oberbaumbrücke Grenzübergang Westseite 1983, Ansicht der „modernen“ Grenze von der Westseite / Quelle: BStU MfS

Tödlicher Transfer

Zur Blockadezeit war Personen- und Warenverkehr zwischen Ost- und Westberlin dennoch möglich. Am Abend des 30. Oktober 1948 nähert sich ein graugrüner Lieferwagen dem Kontrollposten 22 im Grenzgebiet zur Oberbaumbrücke. Breite Latten ragen über die hintere Ladefläche. Oberwachtmeister Fritz Maque möchte die Ladung des Wagens kontrollieren, jedoch, der nie ermittelte Fahrer des Autos rast über die Brücke nach Kreuzberg und überrollt dabei den VP-Mann.
Wegen einer Ermittlung fordern am 19. Februar 1949 Beamte des Kontrollpostens 22 den Westberliner Helmut Ryll auf, mit ihnen zum Polizeirevier 87 an der Madaistraße zu fahren. Es kommt jedoch zu einem Kampf, in dem der Mitfahrer vom Ryll einem der Polizisten die Waffe entreißt. Ein anderer Schupo zieht seine Pistole und feuert. Tödlich getroffen sackt Ryll am Steuer zusammen.
Maque und Ryll wurden die ersten Opfer der hiesigen „Wassergrenze“. 13 weitere sollten folgen.

Oberbaumbrücke Grenzübergang Westseite 1983, Ansicht der „modernen“ Grenze von der Westseite / Quelle: BStU MfS
Oberbaumbrücke Grenzübergang Westseite 1983, Ansicht der
„modernen“ Grenze von der Westseite / Quelle: BStU MfS

Karrieretransfer

Bohnenkaffee und Zigaretten waren teuer im Westberlin jener Zeiten. Zigaretten, wie die Sorte „Stella“, waren ab 1945 zum „Zahlungsmittel“ aufgestiegen, egal, ob es um Lebensmittel oder Wertgegenstände ging. Von 1946 an beteiligte sich das sowjetische Handelsministerium an diesen Geschäften. So belieferte die „Rasno Export Gesellschaft“ Rohkaffee und Kisten, jede mit 60.000 „Stellas“ gefüllt, an die „Engros Bapnik“ in der Eldenaer Str. 36. Geschäftsführer war Herschel Liebermann. Er kümmerte sich um illegale Transporte von Tabak, Kaffee und Rohalkohol über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg. Er unterhielt u.a. ein Zwischenlager für 10 Millionen Zigaretten in der Gneisenaustraße 118 und ein Lager über 10 Tonnen Kaffee in der Simon-Dach-Straße 41. Die erste Anlaufadresse für Kuriere war die Kneipe „Braustübl“ am Schlesischen Tor. 1950 kam Liebermann zum MfS und wurde 1958 Geschäftsführer der Exportfirma C. F. Gerlach, in der Alexander Schalck-Golodkowski seine Ausbildung begann.

Oberbaumbrücke Grenzübergang Westseite 1983, Ansicht der „modernen“ Grenze von der Westseite / Quelle: BStU MfS
Oberbaumbrücke Grenzübergang Westseite 1983, Ansicht der
„modernen“ Grenze von der Westseite / Quelle: BStU MfS

Verhinderter Transfer

1987, die Oberbaumbrücke galt seit 1972 als Grenzübergang für Fußgänger, zahlten die Westberliner pro Passage 25 DM. Herr Liebermann, alte Zeiten waren vergessen, verhandelte als „Michael Wischnewski“ und Vertreter der „Kommerziellen Koordination“ (KoKo) mit westlichen Stahlfirmen.
Genosse Dr. Müller verhandelte am 15. März 1987 mit dem Senatsvertreter Kunze über eine Öffnung der Brücke für die U-Bahn und Autos. Laut einem 1984er Gutachten war die Brücke baufällig, so dass ein Neubau fällig werden sollte. Der Senat wäre bereit, „einen zweistelligen Millionenbetrag“ zu zahlen, sagte Kunze. 1987 frequentierten ca. 20.000 Fahrzeuge die „Hauptradiale“ Warschauer Straße. Aufgrund von Reiseerleichterungen wurde für 1990 ein Verkehrsaufkommen von 31.000 Westbürgern gegen 181.000 DDR-Bürger prognostiziert. Ein Abriss der Sperranlagen rund um die Brücke, ein neuer Grenzübergang im U-Bahnhof Warschauer Straße sollte die Konsequenz sein und wurde vom Minister für Auswärtige Angelegenheiten sowie von KoKo abgesegnet. Über 150 Millionen Ostmark waren veranschlagt, darunter ca. 50 Millionen für die neue Grenzübergangsstelle. Lediglich maximal 99 Millionen DM wollte Westberlin zahlen. Aber es gab auch Vorbehalte wegen Risiken: diese Grenzübergangsstelle wäre von „nicht überschaubaren volkswirtschaftlich bedeutenden Industrieobjekten und Verkehrsanlagen“ umgeben gewesen. Am 7. Mai 1987 kam von der MFS Hauptabteilung XIX der Hinweis „aus ökonomischer Sicht besteht kein Vorteil zur Öffnung der Oberbaumbrücke“

Oberbaumbrücke. Die schönste Brücke Berlins. / Foto: Anke Wagner /
Geschichten zur schönsten Brücke Berlins: Die Lücke zwischen 1987 und heute füllen wir in einer der nächsten Ausgaben. / Foto: Anke Wagner /

>> Fortsetzung folgt.

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