Der Ostbahnhof in den 1960er Jahren

Abgehängt trotz seiner sechs Namen

Postkarte mit Motiv vom Schlesischen Bahnhof
Der Schlesische Bahnhof als Postkartenmotiv.

Schlesischer Bahnhof

In den Endsiebzigerjahren begannen die ersten Wohnhäuser nach dem Hobrecht-Plan zu wachsen. Innerhalb weniger Jahre versteinerte eine weite Fläche von mehreren Quadratkilometern rings um Berlin, vor allem im Osten. Jetzt wurde der Bahnhof urbane Gegend mit repräsentativen Plätzen, breiten, langen Straßen und düsteren Hinterhöfen, wo sich Gewerbe aber auch das Stadtelend ansiedelte.
1881 wurde der Frankfurter Bahnhof in Schlesischer Bahnhof umbenannt, im Volksmund hieß er auch „Katholischer Bahnhof“, weil katholische Schlesier abstiegen. In der Hauptstadt des protestantischen Preußen begann man wieder große katholische Kirchen zu errichten – für manche ein unerhörter Vorgang. Bremser gab es schon immer. Doch die Gegend des Bahnhofs war interkonfessionell: jüdische, katholische und evangelische Hilfsvereine waren hier angesiedelt, und es war auch international: eine polnische Community existierte und es gab sogar ein kleines China-Town, ein chinesisches Lokal an der Ecke Krautstraße, Lange Straße, das eine Gruppe von etwa 200 Chinesen versorgte. Man sieht es der Gegend längst nicht mehr an, dass hier einst ein quirliges Geschäftsleben mit zahlreichen Handwerksbetrieben, Geschäften und Lokalen herrschte.

Drei-Groschen-Bahnhof

In den Hinterhöfen hinter den gutbürgerlichen Fassaden und den guten Restaurants am Küstriner Platz, wo bis 1882 der alte Ostbahnhof stand, und hinter den Gebäuden anderer Straßen lebten nicht nur kleine Handwerker und Arbeiter, sondern vegetierten auch zahlreiche Gestrandete, Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Prostituierte, die um den Bahnhof ihr Glück suchten. Die Gegend war ein Sammelsurium an Menschen und Möglichkeiten.
Furchtbare Verbrechen ereignete sich hier, wie die Frauenmorde von Karl Großmann in den Jahren 1918-21 oder die Straßenschlacht 1928 zwischen kriminellen Ringvereinen und Hamburger Handwerksgenossen, bei denen 60 Schüsse fielen. Die Presse zeterte: „Klein-Chicago!“
Dabei gab es auch bürgerliches Engagement und eine organisierte Selbsthilfe, Grundlagen der modernen Zivilgesellschaft. Frauenvereine und Bahnhofsmission begleiteten junge Mädchen, die schnell Opfer von falschen Versprechen wurden und informieren sie über ihre Möglichkeiten in der Stadt, die jährlich nicht weniger als 40.000 Dienstmädchen benötigte. 1911 ließ sich eine Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost in der Bahnhofsgegend nieder und begann qualifizierte statistische soziologische Studien vorzunehmen.
Nazidiktatur und Zweiter Weltkrieg setzten dem turbulenten Leben ein Ende und legten das Viertel in Schutt und Asche. Wie es heißt, ließ Stalin für seine Reise nach Berlin bis zum Schlesischen Bahnhof eine dritte Schiene verlegen, damit die russischen Waggons von Moskau aus durchfahren konnten.

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