„Passat“ und „Lotos“ auf Stralau

Ufer Stralau nach Rummelsburg
Ufer Stralau nach Rummelsburg

Große und kleine Boote am Ufer der Halbinsel

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Bereits vor tausenden Jahren war die Halbinsel  Stralau beliebt. Steinzeitliche Fischer ließen sich nieder, um ihren Familien Nahrhaftes aus den Tiefen der Spree zu servieren. Abends wurden hier Geschichten gesponnen, die in Märchenbüchern verewigt bis in die Gegenwart überlebt haben.
Wie in anderen Gemeinden, aus denen Berlin entstand, lebte man auf Stralau abseits des Trubels. Zur Biedermeierzeit wurde hier die „Gesellschaft zur Förderung des sportlichen Segelns“ gegründet. Dieser folgte die Gründung mehrerer Segelvereine, bis der industrielle Boom des großen Berlin der Idylle ein Ende setzte.

Reparaturwerft Al Stralau Weisse Flotte
Reparaturwerft Alt Stralau Weisse Flotte

Gründerzeiten auf der Halbinsel

Wegen der günstigen Verkehrslage nahe den Bahn­strecken und dem Wasserweg, siedelten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts Großbetriebe wie die Teppichfabrik Protzen an. Dazu kamen seit 1884 Bootswerften, z.B. die Fr. Krüger Ruder- und Segelboote oder die Bootswerft Georg Tarryer. Bis 1910 fanden acht Werften, die hauptsächlich den Privatsektor bedienten, auf Stralau ihren Firmensitz.

Lastkahn an der Anlegestelle Stralauer Hafen, im Hintergrund der Wasserturm am Ostkreuz
Lastkahn an der Anlegestelle Stralauer Hafen, im Hintergrund der Wasserturm am Ostkreuz

Umschlagplatz Stralau

Um den steigenden Frachtverkehr zu Wasser von und nach Berlin bewältigen zu können, wurde der Ost- und Westhafen gebaut und Frachtschiffe, die am Osthafen keinen Platz fanden, legten am Ufer der Halbinsel an. Zum Bedeutungswandel der Berliner Häfen kam es nach 1945. Wegen wirtschaftlicher Strukturveränderungen verlor der Westhafen an Wichtigkeit, der Osthafen wuchs dagegen zum größten Binnenhafen der DDR an.
Stralau gewann als kleiner Binnenhafen seit 1946 an Gewicht, etwa für Transporte zum großen Sägewerk, das 1948 auf der Halbinsel seinen Betrieb aufnahm. Für einen Lagerplatz an der Bahrfeldstraße wurde Braunkohlengrus angeliefert, den Westberliner „Kartenfrei“ kaufen konnten. Jahre später wurde hier ein Bunkerplatz eröffnet, den Schubschiffe mit bis zu 800 Tonnen Kohlen pro Fahrt belieferten.
Prahme, Kahnsegmente ohne eigenen Antrieb, legten mit Bauelementen für die „Großsiedlung Hellersdorf“ am Stralauer Ufer an. Am „Umschlagplatz Bahrfeldstraße“, einer 120 Meter langen Kaimauer des VEB Baustoffversorgungskombinat trafen pro Woche etwa 45 Millionen Ziegel ein und die Reparaturwerft der Weißen Flotte versorgte zur gleichen Zeit über 20 Schiffe.

Eingang-Institut-Wasserbau-01
Die Forschungsanstalt für Schifffahrt, Wasser- und Grundbau erhielt 1952 hier einen Neubau. In den Laboratorien wurden Projekte für  Reichsbahn, Bauindustrie,  Energiebau und Werften bearbeitet, bis die Anstalt am 2. Oktober 1990 ihre Tätigkeit einstellte.
1992, im Zuge der Privatisierung des VEB Schiffsreparaturen Berlin, der auf Stralau seinen Stammbetrieb hatte, kauften ehemalige Manager und Mitarbeiter für 511.000 Mark fünf Betriebe, um die Deutsche Binnenwerften GmbH zu gründen. Trotz anfänglicher Erfolge gingen die Binnenwerften 1999 insolvent. Als einzige in Stralau hat die 1911 gegründete Hansa-Werft bis heute wirtschaftlich überlebt. Sie kümmert sich um Sportboote.

Bootsanlage Objekt Insel
Bootsanlage Objekt Insel

Spione, die in die Kälte kamen

Im Bootshaus an der Tunnelstraße 26/27 wurde schon Ende 1989 jegliche Tätigkeit eingestellt. Diese „Operative Basis“ des MfS ging auf einen Vorschlag der MfS-Hauptabteilung XIX vom 3. Mai 1973 zurück. Ziel war, im Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik und Polen „Sicherungskräfte konspirativ einzusetzen“, vor allem aber „Mißbrauchshandlungen (Fluchten) aus der inneren Abwehr heraus“ zu verhindern und aufzuklären. Projektant und Hauptauftragnehmer für das Projekt „Insel“ war von 1976 bis zum Abschluss im August 1978 das  VEB Kombinat Wasserstraßenbau. Abgesichert wurde das „Objekt“ durch Funkstreifenwagen der Volkspolizei. Zusätzlich hielten inoffizielle Mitarbeiter des MfS, wie „D. Nakath“ und „Rudolf“ die Augen offen. Das „Objekt“, ein niedriger Bau mit Spitzdach und Blick auf die Rummelsburger Bucht, war gut versteckt, von Neugierigen auf den Transitschiffen nicht zu entdecken.

Schlecht waren allerdings die Arbeitsbedingungen dort. Kondenswasser bildete sich in den Räumlichkeiten neben und über der Bootshalle, in der die zivilen Sportmotorboote vom Typ „Passat“ und „Lotos“ dümpelten. Die MfS-Mitarbeiter beschwerten sich über zu kalte Räume. Bei Außentemperaturen von minus 10 Grad lagen die Zimmertemperaturen nur um 16 Grad. Zusätzliche Heizsonnen überforderten die elektrischen Sicherungen. Obwohl neue Nachtspeicherheizungen eingebaut und andere Umbauten vorgenommen wurden, blieb „Insel“ ein ungeliebter Ort bei den Schlapphüten.
Erfolge konnte das MfS dennoch verzeichnen. So wurden beispielsweise am 6. November 1979 zwei Arbeiter des Glaswerks festgenommen. Sie hatten mit weißer Farbe auf das Dach des Sandlagers die weithin sichtbare Losung: „Arbeiter grüßen Prof. Havemann und Genossen!“ geschrieben. Dies wurde als „Vortäuschung einer inneren Opposition“ angesehen und geahndet.

Am Ende erfolglos

Erfolgreich war der Grenzdurchbruch von zwei DDR- Bürgern, die sich am 8. September 1981 auf ein Kohlenschiff am Stralauer Ufer schlichen. Während der Fahrt des Schiffes nahe des Kreuzberger Grenzufers sprangen sie in die Spree und entkamen. Weil Fluchten aus der Umgebung vom Hafen Stralau mehrmals gelangen, rügte das MfS die Offiziere der Grenztruppen. „Vorhandene Spuren würden zerstört und erst danach taktisch kluge Maßnahmen der Spurensicherung vorgenommen“. Zur Fotodokumentation sollten die Fluchtvorbereitungen nachgestellt werden.

Genützt hat es letztlich nichts, das MfS konnte den SED-Sturz nicht verhindern. Im Laufe der Deindustrialisierung Stralaus wurden die meisten Kaianlagen abgebrochen und heute führt ein Uferweg über das Grundstück vom Objekt „Insel“.

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