Eine frühe East-Side-Gallery?

Der Storkower Tunnel / Foto: privat /
Der Storkower Tunnel / Foto: privat /

Der Storkower Tunnel – ein Tunnel durch die Lüfte

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Das Ereignis fand eigentlich in Prenzlauer Berg statt, genaugenommen über ihn, in einer Höhe von etwa sieben Metern. Doch nur von zwei Zugängen war der Ort erreichbar, einer lag in Lichtenberg, der andere an der Proskauer Straße in Friedrichshain. Diese rätselhafte Beschreibung passt auf die 522 Meter lange, überdachte Fußgängerbrücke, die den zu Prenzlauer Berg gehörenden ehemaligen Zentralviehhof überspannte und das Neubaugebiet an der Storkower Straße mit dem gleichnamigen S-Bahnhof und dem Forckenbeckplatz verband. Diese Brücke war einmal das längste Bauwerk dieser Art in Europa. 1937 zunächst nur bis zum Bahnhof Zentralviehhof errichtet, um die S-Bahn-Passagiere nicht über das Gelände laufen zu lassen. Aus hygienischen Gründen, hieß es, doch alte Friedrichshainer erinnerten sich: Es kam nämlich vor, dass auf dem Schlachthof etwas durcheinander geriet, und man sich dann inmitten einer aufgebrachten Herde von Schweinen wiederfand.
Im Zuge der Erbauung des Wohngebiets Fennpfuhl in den 1970er Jahren kam die Verbindung nach Lichtenberg hinzu. Die Brücke wurde auch „Langer Jammer“ genannt, weil man das Gefühl hatte – und das besonders wenn man in Eile war – sie würde nie ein Ende haben. Man kam sich manchmal vor, wie auf einem Laufband, das sich rückwärts bewegt.

Tunnelfeeling über Berlin. Der Storkower Tunnel etwa 1995 / Foto: privat /
Tunnelfeeling über Berlin. Der Storkower Tunnel etwa 1995 / Foto: privat /

Albtraumhafte Ausmaße

Besonders qualvoll empfanden es diejenigen, die zu spät auf dem Weg zur Arbeit waren, ihre S-Bahn einfahren sahen und sie trotz Rennens nicht mehr rechtzeitig erreichten. Anfang der 1980er Jahre waren weite Teile der zerschlagenen Fenster mit Blechplatten verschlossen, was entscheidend zur Tunnel-Anmutung beitrug. Storkower Tunnel eben.

Der Storkower Tunnel. Stasi-Fotos von den Zeichnungen (Quelle: BStU) MfS-AU-04414-85-Bd-4-Seite-0046-Bild-0001
Der Storkower Tunnel. Stasi-Fotos von den Zeichnungen (Quelle: BStU)

Bestrafte Tunnel-Maler

Triste graue Wände gab es in DDR-Zeiten zuhauf, was 20 Jugendliche, die sich aus den offen Abenden von Kirchengemeinden kannten, dazu ermutigte, selbst zu Pinsel und Farbe zu greifen, um die Tunnelwände nach eigenem Geschmack zu gestalten. Dies geschah am 26. November 1983. Künstlerisch können die Bilder als naive Malerei bezeichnet werden, die einfache linienbetonte Ausdrucksweise mit leicht erkennbaren Aussagen kombinierte. Damit korrespondierte sie stark mit einigen damals gängigen Elementen der Ostberliner Subkultur: Mach es selbst, versuche, Herr deines Lebens und deiner Kunst zu sein.

Der Storkower Tunnel. Stasi-Fotos von den Zeichnungen (Quelle: BStU)
Der Storkower Tunnel. Stasi-Fotos von den Zeichnungen (Quelle: BStU)

Nach einer Dreiviertelstunde beendeten Volkspolizisten das Happening und nahmen die Maler auf frischer Tat fest. Der Berliner Bischof Gottfried Forck versuchte, sich beim damaligen Staatssekretär für Kirchenfragen, Klaus Gysi, für die jungen Leute einzusetzen, doch ohne Erfolg. Ihre Strafen waren drakonisch. Sechs Teilnehmer, die als Initiatoren der Aktion ausgemacht wurden, kamen wegen Rowdytums für sieben Monate in Haft und mussten zusätzlich Geldstrafen zahlen. Auch die anderen erhielten Geldstrafen in Höhe von 800–1.200 Mark. Als Lehrling verdiente man im Monat 120 Mark. Zusätzlich mussten alle für die Kosten der Sanierung des Tunnels aufkommen, der danach wieder in wunderbarstem Grau erstrahlte.
In den Jugendszenen verstand man landesweit sehr gut, was diese Urteile bedeuteten. Es ging gegen die aufkommende Kultur der Graffitis, gegen das neue Medium der künstlerischen und politischen Artikulation. DDR-weit wurde Geld für die Verhafteten gesammelt.

Storkower Tunnel. Zwei Raketen und eine geteilte Stadt. Nur Sachbeschädigung?
Zwei Raketen und eine geteilte Stadt. Nur Sachbeschädigung?

Keine Rehabilitation

Einige Bilder der Tunnelmaler hatten ganz eindeutig politische Aussagen. Eins zeigte die Umrisse der Berliner Stadthälften, an der sich zwei Raketen gegenüberstehen, die mit P(ershing) und S(S20) beschriftet waren. Das waren die Bezeichnungen der damals modernen amerikanischen und sowjetischen Atomraketen.
Eine Information der MfS-Bezirksverwaltung sprach von sogenannten feindlich-negativen Kräften, die die Fußgängerbrücke öffentlichkeitswirksam mit Losungen und Karikaturen politischen Inhalts beschmiert hatten. Das Landgericht Berlin, an das sich ein Teil der Tunnelmaler im Jahr 2004 mit dem Versuch einer Revision des Urteils gewandt hatte, erkannte jedoch, dass Sachbeschädigung auch in der Bundesrepublik bestraft würde und wies den Antrag ab. Erst eine gründlicher vorbereitete Revision nahm 2010 das Urteil von 2004 zurück – bis auf die Bestimmung, die den Schadensersatz betreffen. Kritiker sehen hinter diesem Freispruch zweiter Klasse die Angst vor der Schaffung eines Präzedenzfalles. Man stelle sich vor, alle in der DDR als Sachbeschädigung verurteilten Inschriften müssten nun auf den Gehalt der politischen Meinungsäußerung überprüft werden.

Storkower Tunnel Der Anfang des Langen Jammerns: Eingang zur Fußgängerbrücke am Forckenbeckplatz
Der Anfang des Langen Jammerns: Eingang zur Fußgängerbrücke am Forckenbeckplatz

Das Ende des Langen Jammers

Das Ende des Storkower Tunnels ist schnell erzählt. 1991 schloss der Schlachthof, die von Hermann Blankenstein errichteten und noch fast vollständig erhaltenen Stallgebäude wurden abgerissen oder mit Wohnungen und Läden neu bebaut. Die Fußgänger­brücke war in ihrer vollen Länge nicht mehr notwendig, weshalb sie 2002 bis auf den Übergang zum S-Bahnhof demontiert wurde. Diesen Rest stellte man mit den gesamten Überbleibseln des Schlachthofes unter Denkmalschutz. Kein Mensch erkennt noch das Besondere der Fußgängerbrücke, das einst in seiner außergewöhnlichen Länge bestand. Aber das ist Prenzlauer Berg. Hat nichts mit uns zu tun. Übriggeblieben ist nur der Name. Eine der neuen Straßen in dem neuen Townhaus-Einkaufscenter-Einerlei auf dem ehemaligen Schlachthofgelände heißt „Zum Langen Jammer“.

Storkower-Tunnel-Schlachthof
Der Storkower Tunnel. Vom Schlachthof aus gesehen.

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