Der Künstler Volkmar Götze vom Kunstverein MAL-HEURE / Studio Otto Nagel e.V. | Foto: Giovanni Lo Curto

Malerei ist mein Leben und meine Welt

Der Künstler Volkmar Götze vom Kunstverein MAL-HEURE / Studio Otto Nagel e.V. | Foto: Giovanni Lo Curto
Foto: Giovanni Lo Curto

Volkmar Götze vom Kunstverein MAL-HEURE / Studio Otto Nagel e.V. in der Eckertstraße.

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Der Begriff Volkskunst klingt heutzutage etwas verstaubt, zumal es keine eindeutige Definition von ihm gibt. Kunst aus dem Volk, für das Volk? Man denkt an Freundeskreise, die sich zum Stricken, Häkeln, Quilten, Nähen, Ostereierfärben oder auch zum Singen, Gärtnern, Kochen oder Texte schreiben treffen, weil sie einem Bedürfnis nach Kreativität und Geselligkeit nachgehen. Eine andere Deutung ist, dass diese Kunst nicht von universitär gebildeten professionellen Künstlern gemacht wird, sondern von Laien, die sich in ihrer Freizeit der Kunst widmen und in ihr ihre jeweiligen Fertigkeiten fortbilden. Um genau diese Kunst geht es hier.

Kunstinteresse und Brotberuf

Zu Besuch bin ich bei Volkmar Götze, langjähriger leitender Mitarbeiter bei einem Kunstverein, dessen Wurzeln weit zurück in einer Zeit liegen, noch bevor Friedrichshain als Kreativbezirk bezeichnet wurde, sondern ein richtiger Proletenbezirk war. Ältere Friedrichshainer erinnern sich vielleicht noch an den großen Laden in der Grünberger Straße, in dem viele Jahre das Studio Otto Nagel residierte. Gelernt hat Volkmar Götze, nachdem er 1958 wie damals noch üblich nach der 8. Klasse die Schule verließ, den Beruf eines Postfacharbeiters. „Etwas mit Schreiben oder mit Malerei, schwebte mir schon vor“, räumt Herr Götze ein, als ich nach seinem Berufswunsch frage. Aber die Mutter beendeten solche Träume kategorisch: „Die Maler sind alle arm gestorben!“ So landete er nach der Lehre zunächst auf der Bahnpost, fuhr im Postwagen durch die ganze DDR und hatte während der Rangierarbeiten manchmal sehr viel Zeit zum Lesen, Schreiben und zum Malen. Die Post hatte in ihrer Betriebszeitung „Der Tele-Ruf“ eine Rubrik mit dem Namen „Der literarische Versuch“ eingerichtet, für die Volkmar Götze mitunter schrieb. „Ich glaube, ich war der einzige aus dem ganzen Postbetrieb, der überhaupt für diese Rubrik schrieb“, erinnert sich der Künstler lachend, der seit seinem 18. Lebensjahr in Friedrichshain wohnt. Weniger witzig fand er, dass irgendwann seine Texte mit politischen Äußerungen versehen wurden, worauf er diese Zusammenarbeit einstellte. 1971 riet ihm jemand, sich mit seinen malerischen Fertigkeiten beim Studio Otto Nagel zu melden. „Ich habe dreimal an der Türklinke gestanden und habe mich nicht getraut, reinzugehen“, erzählt der Zirkelleiter. Das Otto-Nagel-Studio hatte einen Namen. Es wurde 1960 im Klubhaus der Bauarbeiter in der damaligen Stalinallee in einem flachen, pavillonartigen Gebäude gegründet, das nach der Beseitigung des Stalin-Denkmals für die Errichtung der Neubauten zwischen Andreas- und Koppenstraße wieder abgerissen wurde. Seit 1963 in der Grünberger Straße, erhielt der Malzirkel 1965 seinen Namen durch den berühmten Maler persönlich, der bei der Namensgebung anwesend war.

Berlin als Motiv in einem Werk des Künstlers Volkmar Götze | Foto: Giovanni Lo Curto
Werk von Volkmar Götze / Foto: Giovanni Lo Curto

Bild einer nepalesischen Tänzerin von dem Künstler Volkmar Götze | Foto: Privat

Künstler Volkmar Götze beim Malen | Foto: Privat
Während der Weltfestspiele im August 1973 blieb neben dem Studio Otto Nagel ein Bus mit nepalesischen Tänzerinnen mit bunten Trachten in der Grünberger Straße liegen. Die Künstler baten sie in das Studio, versorgten sie mit Kaffee und und porträtierten sie dabei. Auf dem unteren Foto ist Volkmar. Dabei entstand das Bild oben, das die Porträtierte dann signierte. / Fotos: Privat

Kunst als Lebensaufgabe

Unter dem Arm trug Volkmar Götze ein Bild, das er im Stil von Lyonel Feininger gemalt hatte, mit kubistischen Brüchen. Alle standen schweigend um das Bild herum, bis der Leiter des Zirkels, Karl-Heinz Klingbeil kommentierte: „So fängt man nicht an, so hört man auf!“ und riet dem jungen Künstler, Naturstudien zu betreiben. Damit war der erste Schritt getan. Er schloss sich einem Grundlagenzirkel an, arbeitete fleißig, experimentierte, erwarb sich theoretische Kenntnisse. „Oft war ich auch für Kunst- und Kulturangelegenheiten der Post in Aktion. Zum Bespiel habe ich drei Entwürfe für eine Fassadengestaltung eingereicht, von der eine genommen wurde.“ Nach einer kurzen Pause fügt er schmunzelnd hinzu: „Andere Entwürfe gab es nicht.“ Auf der Abendschule legte er 1974 seinen Abschluss der 10. Klasse ab – im Alter von 30 Jahren. 1976 gab der Volkskünstler schließlich seinen Postberuf auf und wurde Leiter des Studios Otto Nagel. Das war keine einfache Aufgabe. Neben der Grundlagenkurse I und II galt es die „Gruppe Rot“ zu betreuen, eine Kindermalgruppe und eine Grafik-Gruppe für Hoch- und Tiefdruck. Die Druckpresse, die im DEFA-Film „Goya“ von 1971 zu sehen war, gehörte dem Otto-Nagel-Studio. „Die haben da noch was gemacht, damit sie älter aussieht“, erinnert sich Volkmar Götze. Außerdem gab es noch einen Textilzirkel für textiles Gestalten, einen Keramikzirkel und einen Malzirkel für Jugendliche. „Jeden zweiten Sonntag hatten wir zudem eine Konsultationsstelle für interessierte Bürger eingerichtet, die uns um ihren Rat baten.“ Kaum zu glauben, Kunst wurde gekauft für Betriebe, öffentliche Einrichtungen, Kindergärten oder Polikliniken. „Im Standesamt Friedrichshain hing ein Wandteppich von uns, der VEB Messelektronik bestellte einen geknüpften Kabelbaum bei uns. Da kamen die Arbeiter zu uns und diskutierten, wie das werden sollte.“ Goldene Zeiten für die Volkskunst. Die DDR subventionierte sie hoch. „Unsere Leute haben frei bekommen für Exkursionen in die CSSR, ins Braunkohlerevier oder an die Ostsee.“ Aber es gab eben auch Ärger, als Volkmar Götze für eine Ausstellung einen Künstler auswählte, der politisch als nicht opportun galt. „Ich habe nach Qualität ausgewählt und nach nichts anderem“, sagt der Zirkelleiter, der insgesamt über 150 Ausstellungen betreut hat.

Volkmar Götze und sein Malzirkel Foto: Privat
Foto: Giovanni Lo Curto
Volkmar Götze und sein Malzirkel Foto: Privat
Einer von vier Malzirkeln unter Leitung Volkmar Götzes / Foto: Privat

Keine Kulturförderung im Kreativbezirk

Mit der deutschen Einheit änderte sich alles. „Die Miete des Ladens in der Grünberger Straße stieg allmählich von 200 Ostmark auf 6000 Mark West. Wir bekamen Räume in der Modersohnstraße, dann zogen wir in das Gebäude des Bezirksamts am Bersarinplatz um.“ Als Volkmar Götze 2009 in Rente ging, glaubte der Bezirk, sich seiner Pflicht entledigt zu haben, weiter für das Studio Otto-Nagel zu sorgen. In dieser Situation kam es zur Verständigung mit einem anderen ehemaligen Volkskunststudio, mit dem Namen MAL-HEURE. Ein schönes Wortspiel, das auf Deutsch sowohl Malstunde als auch Unglück bedeuten kann. Dieser Verein geht auf einen ehemaligen Betriebsmalzirkel des Instituts für Nachrichtentechnik zurück, residiert in der Schule in der Eckertstraße und hatte gerade eine saftige Mieterhöhung bekommen, die für den Verein allein nicht mehr zu stemmen war. In der Not schlossen sich beide Vereine zusammen und sind jetzt mit 70 zahlenden Vereinsmitgliedern finanziell besser gestellt. Aber vor allem auch künstlerisch zahlt sich der Austausch aus. „Jetzt betreue ich noch vier Zirkel ehrenamtlich“, sagt Volkmar Götze. Und selbst ist er auch noch künstlerisch aktiv. „Jeder Künstler hat immer so ein bestimmtes Profil“, erklärt er. „Mein Profil ist die Vielseitigkeit. In der Natur male ich gegenständlich, dann mache ich im Atelier wieder Surreales oder Abstraktes. Ich experimentiere sehr gern.“ Wie sich herausstellt, ist der Maler auch ein großer Freund und Kenner von Science-Fiction-Literatur und hat auch schon für das Magazin „Alien Contact“ gearbeitet. „Ich male exzessiv, täglich. Malen ist mein Leben und meine Welt.“ Im Laufe der Jahre sind etwa 25.000 Arbeiten entstanden. Zum 75. Geburtstag gibt es im Kultur- und Nachbarschaftszentrum RuDi in der Modersohnstraße 55 ab dem 10. Mai eine Ausstellung. Der Zeitzeiger gratuliert und wünscht ihm und dem MAL-HEURE / Studio Otto Nagel e.V. noch viele kreative Stunden auch im Interesse des Friedrichshainer Kulturlebens.

 

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