Fassade der Rigaer Straße Nr. 71-73. Hier sollen Eigentums­wohungen und ein Hotel entstehen. / Foto: Anke Wagner /

Die Häuser denen, die drin wohnen

Fassade der Rigaer Strasse Nr. 71-73. Hier sollen Eigentums­wohungen und ein Hotel entstehen. / Foto: Anke Wagner /
…steht an der Fassade der Nr. 71-73. Hier sollen Eigentums­wohungen und ein Hotel entstehen. / Foto: Anke Wagner /

Der Traum ist aus…*

Der Sommer 1990 endete am 13. und 14. November. 4.000 Polizisten räumten die zwölf Häuser in der Mainzer Straße. Die Schlacht wurde mit  Steinen, Mollis und Feuerlöschern geführt. Heute erinnert in der Mainzer Straße nichts mehr an den Sommer der Hausbesetzungen, die Häuser wurden renoviert und die Wohnungen sind teuer. In der Rigaer Straße wurden sieben der zwölf besetzen Häuser nicht geräumt, die Bewohner handelten Verträge aus oder kauften ihre Häuser.
Einige sind gewöhnliche Mietshäuser geworden, in anderen verwirklichen die einstigen Besetzer ihre Träume vom etwas anderen Zusammenleben, mit Gemeinschaftsräumen, lockeren Wohngemeinschaften und basisdemokratischen Entscheidungen. Das ist nicht immer einfach, darüber werden wir in einem der nächsten Hefte ausführlicher berichten.

… aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.*

Einige Häuser verstehen sich immer noch als politische Projekte. Die Bewohner und Bewohnerinnen sind aktiv gegen Rechtsradikalismus, sie unterstützen Flüchtlinge, sie wollen was tun gegen die Gentrifizierung in ihrem Kiez. Denn heute ist all das in Friedrichshain angekommen, was im Sommer 1990 erst am Horizont drohte: Immobilienspekulanten und unbezahlbare Mieten und der Versuch, den Kiez von allem Subversiven zu säubern. Von der Polizei bzw. der Politik wurde die Rigaer Straße im letzten Herbst zum „kriminalitätsbelasteten Ort“ erklärt. So darf die Polizei auch ohne konkreten Verdacht die Identität von Passanten feststellen und deren Sachen durchsuchen. In der Rigaer Straße verkomplizieren seitdem Mannschaftswagen der Polizei das Befahren der ohnehin recht engen Straße. Mehrere Großeinsätze in oder gegen die Hausprojekte sorgten für Verwunderung, Ärger und Spott im Kiez. Mit 500 Polizisten und Hubschrauber­einsatz einen Hof begehen? Man kann sogar mit Kanonen auf Spatzen zielen und nicht treffen. Alteingesessene wie zugezogene Bürger ärgern sich darüber, so dass die Idee aufkam, eine Kiezversammlung ins Leben zu rufen und den Austausch zwischen den sehr unterschiedlichen Bewohnern der Rigaer Straße zu fördern. Nach den bisher vier Versammlungen kann man noch nicht sagen, was dabei herauskommen wird, nur eines: Zum Glück ist mehr als ein Sommer Zeit.

* Zitate aus Liedtexten von Ton Steine Scherben, eine äußerste beliebte Band in Hausbesetzerkreisen

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