Zu Besuch im Theater "Verlängertes Wohnzimmer" | Foto: Foto: Giovanni Lo Curto

Hoch hinaus im Parterre

Zu Besuch im Theater "Verlängertes Wohnzimmer" | Foto: Foto: Giovanni Lo Curto
Nikola Hecker und Robert Walter vom Theater „Verlängertes Wohnzimmer“ (TVW). / Foto: Giovanni Lo Curto /

Zu Besuch im Theater „Verlängertes Wohnzimmer“.

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Ein über hundert Jahre altes Haus in Friedrichshain, das seit vielen Jahrzehnten ein Kulturstandort ist, so etwas gibt es noch? – Ja, das gibt es tatsächlich, und zwar in der Frankfurter Allee 91. Ich bin mit Nikola Hecker und Robert Walter genau dort verabredet. Zusammen mit Annekathrin Koch sorgen sie als Vorstand für den Erhalt des Theaters „Verlängertes Wohnzimmer“ (TVW).

Kultureller Uralt-Adel

1904 wurde das Haus als Wohnhaus mit vier Aufgängen und zwei Hinterhöfen errichtet. 1911 zog man mit der Zeit und richtete hier eines der neuen Kinos ein, die „Kammerlichtspiele“, das bis 1965 Bestand hatte. Danach firmierte der Ort als Studiobühne, als ein kommunal geförderter Sitz des Kulturzentrums Friedrichshain. Von 1992 bis 1994 wurde das Haus für Kabarett- und Soloprogramme genutzt. Hier traten Künstler wie Hannah Donner, Edgar Külow und Alfred Müller auf. Danach war es das Varietétheater „Chapeau“. Von 2004 bis 2010 führte Roland Wandel das Theater als Privattheater unter dem Namen „Verlängertes Wohnzimmer“. „2010 übernahm unser ehrenamtlicher Verein die Räume“, beendet Nikola ihre Einführung. Wir haben es uns im Vorraum zur Bühne gemütlich gemacht, in dem die Besucher auf die Vorstellung warten, die Theaterpausen zubringen und manchmal auch noch nach dem Ende der Vorstellung zusammensitzen. Die Einrichtung hat den Charme der frühen 1990er Jahre. Damals war bei fast allen neuen Kultureinrichtungen Ostberlins die Sorge um Gestaltung von Wänden und Mobiliar kaum entwickelt. Anders dagegen das kulturelle Leben, eine Mischung aus Freiheit, Können, Experiment und Teilhabe. Allenfalls ein paar Läden und ehemalige Besetzerkneipen haben heute noch diesen Anspruch. Auch hier ist die Mischung noch präsent, wie Robert unterstreicht: „Ja, wir wollen eine offene Bühne sein.“ Damit weist er auf das Format „Das offene Wohnzimmer“ hin. Jeden ersten Dienstag moderiert Eva Wunderbar Newcomer und Profis an, die Poetry, Zauberei, Rezension, Comedy, Artistik und anderes präsentieren. Zehn bis zwölf Künstler kommen meist zusammen. Die Bedingung ist, dass sie pünktlich bis 19:30 Uhr da sind. Ein anderes offenes Format ist die Improshow, bei der ebenfalls Laien wie Profis nach Vorgaben frei improvisieren können. Liebhaber dieser Form der darstellenden Kunst wissen: Niemand hat eine Ahnung, wie diese Abende verlaufen, aber alles ist möglich und man kommt auf seine Kosten. Und es gibt jeden fünften Dienstag im Monat, also ziemlich selten, aber regelmäßig, eine Zaubershow. „An den Wochenenden finden oft Gastspiele mit Theatergruppen statt“, sagt Nikola. „Das Haus hat in dem Sinne kein festes Ensemble. Wir bezeichnen uns als Produktionsgruppen, die ein Stück einstudieren und dann hier im Theater aufführen.“ Im letzten Herbst war es das „Theater der Letzten“, dessen Ensemble mit Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ unter der Regie von Susan Klaffer auftrat. Es gibt auch ein hauseigenes Improtheater, „Die Flughunde“, das mit dem Spruch wirbt: „Vorne im Theater gibt’s günstige Getränke und hinten gute Unterhaltung.“ Es treten immer wieder auch Bands auf, die zum Theater passen. „Bei allem zählt natürlich Qualität“, bemerkt Nikola. „Aber fast noch wichtiger ist das zwischenmenschliche Zusammenarbeiten und der respektvolle Umgang mit Menschen und Dingen.“ Auch eine englischsprachige Theatergruppe tritt ab und zu auf – und ist gut gebucht.

 

Szene aus Jedermann | Foto: TVW
Szenenbild aus „Jedermann“ unter Regie von Susan Klaffer mit Gregor Kleditsch, Hilde Haberland, Mara Mrusek und Rona Melija Can. / Foto: TVW /
Jedermann | Foto: TVW
Szene aus „Jedermann“ mit: Gregor Kleditsch, Hilde Haberland, Rona Melija Can, Jolla di Waldfee, Nikola Hecker. / Foto: TVW /

 

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