Quelle: Propagandaschrift

Bezirks-Kommandantur Friedrichshain

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Mit der Heimat verbunden / Quelle: Propagandaschrift /

Militär in der Simon-Dach-Straße.

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Unauffällig fügt sich das Haus der Simon-Dach-Straße 8 in die Reihe der Nachbarhäuser. Einst war dieses Haus Teil einer Sperrzone.

Besetzt

Günter Preuss wohnt in Frohnau und arbeitet als „Filmvertreter“ für die „Panorama Film“ in der Friedrichstraße 13. Ihm gehört das Gebäude Simon-Dach- Straße 8. Nur, er darf es nicht betreten. Am 1. Mai 1945 wurden das Vorderhaus, der Seitenflügel, das Quergebäude und 22 Wohnungen von der Roten Armee besetzt. In den folgenden Wochen wird der Eingang zum Quergebäude, die Hofzugänge und einige Treppenaufgänge zu den Hausfluren zugemauert. Um interne Zugänge zu schaffen, werden Wände von Wohnungen durchbrochen. Nachdem sie bis auf 30 cm Höhe vermauert wurden, werden etliche Zimmerfenster vergittert. Die Brandmauer zwischen den Häusern 8 und 9 muss entfernt werden. Das Vorderhaus der Nummer 8 wird ein Wachlokal neben einem Friseurladen für Offiziere und Soldaten und in den Seitenflügeln Magazine für Lebensmittel eingerichtet. Um einen zweiten Hof mit Kuhstall zu gewinnen, gerät die angrenzende Grünberger Straße 54 unter Beschlagnahme.

Zellen

Über die Bauarbeiten wacht ein „Kapitän Pestein“. Im August 1945 werden Gefängniszellen nötig. Pestein veranlasst, im Quergebäude 12 Wohnungen dafür umzuwidmen. Der Kuhstall dient jetzt als Hauptwache der Kommandantur und als Gefängnis. Pestein befiehlt, im zweiten Stock des Quergebäudes ein Kinderheim einzurichten und mit einem 30 cm hohen „Kinderfries“ zu verzieren. „Oberstleutnant Denissow“ wohnt im zweiten Stock vom Quergebäude. Er kann über 104,5 m² für das Speisezimmer und 87 m² für das Musikzimmer verfügen. Ähnlich großzügig wohnt „Oberleutnant Bogdynnow“ und der Staatsanwalt von der Bezirkskommandantur in der Nummer 8.

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In der Heimat / Quelle: Propagandaschrift /

Erweiterungen

„Oberleutnant Wollnikow“ wohnt in der Grünberger Straße 54. Hier lässt er eine Kühlanlage für das Lebensmittelmagazin aufbauen. Als ehemaliges Fabrikgebäude wurde die Grünberger Straße 54 mit Gleichstrom versorgt. Wegen der Kühlanlage muss es auf Wechselstrom umgerüstet werden. Davon profitieren 8 Wohnräume, eine Turnhalle und ein Mehrzweck-Veranstaltungsraum mit Bühne, Filmvorführgeräten plus Künstlergarderoben. In den einstigen Fabrikräumen kommen Gefängnisräume neben einer Entlausungsanstalt unter. Im Sommer 1947 verfügt „Oberleutnant Wollnikow“: „In der Grünberger 54 soll ein Hausgarten von 200 m² angelegt und von einem Rasen mit Begonienbeeten geschmückt werden.“

Standorte

Die alte Transformatorenanlage in den Kellerräumen der Nummer 54 versorgte neben der Kommandantur auch das „Ostkrankenhaus“ in der Grünberger Straße 43 / 45 und einige Firmen der näheren Umgebung. Austretendes Grundwasser gefährdete im Herbst 1947 den Betrieb dieser Anlage. Um die „Kommandantur nicht zu stören“, sollte die Anlage in den Keller und in das Erdgeschoss des völlig zerstörten Hauses Grünberger Straße 41 verlegt werden. Die Umbaukosten waren von der Bewag zu tragen. Die Kommandantur verweigerte außerdem jedwede Zahlungen für sämtliche Umbau- und Reparaturarbeiten in ihrem Bereich. Neben der Gabriel-Max-Straße 17 wurde im Juni 1945 die Gärtnerstraße 6 beschlagnahmt. Das Grundstück Tunnelstraße 28/29 war im Besitz eines ehemaligen NSDAP-Mitgliedes. Im Mai 1946 befahl die Kommandantur, dort ein Kinderheim und auf dem Gelände des Kleingartenvereins „Erholungsgärten Alt-Stralau“ ein Offiziersheim einzurichten. „Inspektor Pochonow“ erteilte 1946 einen Befehl zum Umbau der Madaistraße 8 und 14 in ein „Armee-Hotel“. Zeitgleich beginnt ein „Technisches Büro und Laboratorium für Fernmeldewesen“ in der Neuen Bahnhofstraße 9 / 17 mit der Arbeit. Im November 1947 wird ein Garagengrundstück an der Frankfurter Allee 94 zur Autoreparaturwerkstatt für über 100 „Beutekraftwagen“.

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Auch fern der Heimat ein Zuhause / Quelle: Propagandaschrift /

Eigentümer

Der Besitzer der Simon-Dach-Straße 8, Günter Preuss, wohnte seinerzeit mit Frau und Sohn in einer Wohnlaube in Reinickendorf. Seine Wohnung ging im September 1943 durch einen Luftangriff verloren. Preuss war kaum arbeitsfähig. Er litt an einem schweren Herzleiden und unter Lähmungserscheinungen des rechten Beines, Ödeme schmerzten an den Beinen. Am 3. Juli 1945 ging Preuss zu einem „Doktor Falkenberg“ in Behandlung. Der notierte: „Diese Leiden traten angeblich bereits Ende Juni auf.“ Und nach der Untersuchung: „Diese Angaben erscheinen glaubhaft.“ Preuss war aus Weissenfels nach Berlin zurückgekommen und von jüdischer Herkunft. Er musste unter brutalsten Bedingungen Zwangsarbeit in der Produktion von V-Waffen leisten. Laut „Doktor Falkenberg“ lebte Preuss bis zum Kriegsende in einem „Gefangenenlager“. Am 30. November 1949 wurde sein Haus von den Sowjets geräumt. Vergeblich verlangte Preuss eine Entschädigung.

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Entschlossen in die Ferne / Quelle: Propagandaschrift /

Mieterin

Auch Lotte Streubing, Vertreterin der Maschinenfabrik Streubing & Co. KG und Gewerbemieterin in der Grünbergerstraße 54, verlangte eine Entschädigung. Bei Streubing & Co. wurden während des Krieges Fahrzeugteile produziert. 1942 ließ die Firma an der Ruschestraße 32 / 34 Baracken für über 600 Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich und Jugoslawien aufbauen. Das Lager trug die Bezeichnung „Lg 460“ und war von einem 3 Meter hohen, doppelten Zaun umgeben. Gleich dahinter lagen die Verwaltungs-, Sanitär- und Waschbaracken. Das zuständige „Arbeitsamt Berlin“ erfuhr am 15. August 1944 vom Tod der „Mechanikerin Vandenheede“. Die 39-Jährige stammte aus Brügge. Mit ihrem Mann Alfons war sie für Streubing tätig. Das Paar lebte mit ihren zwei Kindern im „Lg 460. Bei der Einlieferung von Frau Vandenheede in das Oskar-Ziethen-Krankenhaus am 10. August 1944 wurde zunächst eine Fleischvergiftung diagnostiziert. Wenig später starb die Frau und wurde am 9. Oktober 1944 im Krematorium Gerichtstraße eingeäschert. Erst auf Nachfrage teilte das „Arbeitsamt Berlin“ der „Firma Streubing“ am 20. Oktober 1944 mit: „Es trifft nicht zu, dass Frau V. an Fleisch-Vergiftung gestorben ist. Es hat sich herausgestellt, dass Frau V. an einem Frauenleiden innerlich verblutete.“

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