Frau Kondzieles Promenade

01-UnOrte-"Teddy" schaut zu. Fröhliches basteln für den Fotografen, in Wirklichkeit wurden hier Lippenstifthülsen im Akkord montiert MfS-ZAIG-Fo-0757-Bild-0004
Fröhliches basteln für den Fotografen, in Wirklichkeit wurden hier Lippenstifthülsen im Akkord montiert
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1952 übernahm Frau Kondziele die Leitung des Durchgangsheimes Alt-Stralau 34, einer ehemaligen Gemeindeschule. Hier sollten Kinder und Jugendliche aus schwierigen Lebenssituationen maximal 14 Tage verweilen. Sexuell missbrauchte Mädchen, Kinder aus sozial zerrütteten Familien und vor allem unangepasste Jugendliche. Oder Kinder, die ihren Eltern lästig waren. Und, häufig wegen ihrer „kriminellen Gefährdung“, lesbische und schwule Jugendliche. Ab 1960 wurden Jungs eingewiesen. Die Frist wurde meistens erheblich überschritten und für die Betreffenden zum Martyrium. Unabhängig von ihren persönlichen Hintergründen sollten sie über harte Disziplin in ein „sozialistisches Kollektiv“ gepresst werden. Jedes Stockwerk war „zur Verbesserung der pädagogischen Arbeit“ verschließbar und Gitter vor den Fenstern sollten „dem Freiheitsdrang entgegenwirken“. Der Arbeitszwang war ein Baustein. So hatten die Mädels, weil Baumaterial knapp war, ohne jede Sicherung einen Gebäudeteil abzureißen, um die Pförtnerbude des Heimes aufbauen zu können. Von Oktober 1956 an wurden die 13- oder 14-jährigen Mädchen per Lastwagen zum VEB Elite gebracht, um frisch geschlachtete Tiere auszuweiden oder ab 1960 schickte man sie auch als „sozialistischen Hilfe“ zum Süßwaren VEB Venetia. Abends hatten alle anzutreten. Frau Kondziele tadelte jene, die unwillig waren, um sie dann in das „Gitterstübchen“, den Isolationsraum, zu verweisen.

Isolationsraum 1 FotoQuelle: Brenne Architekten
Isolationsraum 1
FotoQuelle: Brenne Architekten

Es gab drei solcher Räume. Für einen oder mehrere Tage kam hier jeder hin, der die Ordnung störte. Egal ob verhaltensgestörter Jugendlicher oder weinendes Kind. Nur wenig gab es zu Essen, bei „schlechter Arbeit“ gar nichts. Arbeiterinnen beim VEB Venetia steckten immer wieder einem dürren „Heimmädel“ unter der Hand Brote zu. Für den VEB Kosmetik wurden im Heim Lippenstifthülsen montiert. Weil sie die Norm nicht erfüllte wurde einmal ein zierliches Mädchen mit einem schweren Schlüsselbund zwei Stockwerke herunter geprügelt. Für die Presse zeigte sich Frau Kondziele gern mit ihren Mädchen am Karl-Marx-Denkmal. Um den „Kampf gegen alle Feinde der DDR zu unterstützen“ trat sie am 6. Juni 1951 in den Dienst des MfS und blieb Heimleiterin bis 1964.

6 Gedanken zu „Frau Kondzieles Promenade“

  1. Guten Tag,
    Auch ich war in dieser Einrichtung,zweimal sogar!
    An meinem 18.Geburtstag (23.12.1983) begann ich DIESEN GENAU dort zu feiern, naja
    Man musste mich an diesem Tag auch entlassen, ich war volljåhrig!
    Ich persõnlich hatte dort so doof ich das auch fand, ein Dach ūbern Kopf, ein Bett und was zu Essen!
    Etwas, was meine Eltern nicht hin bekamen!
    Also war ich ab diesem Tag wieder obdachlos, man konnte und durfte mich ja nicht mehr einfangen!
    Ich kam dort rein, WEIL ich Jahre auf der Strasse lebte, das war bei minderjährigen im Osten nicht erlaubt!
    Es war nicht alles schlecht!
    Und manchmal ist es im eigenen Elternhaus schlimmer

    1. Ich war 1987 ( mit 17 Jahren ) dort. Man musste stramm stehen, wenn die Stahltür aufging und sagen: „Isolierraum 3 besetzt mit ( Name). Besondere Vorkommnisse keine.“ Ich werde es nieee vergessen!!! In die Zelle habe ich noch eine kleine Matratze bekommen und einen Eimer für menschliche Bedürfnisse. Das Essen habe ich 3 Tage lang nicht angerührt. Mein Magen war nicht in der Lage etwas zu sich zu nehmen, da ich NICHT !!! wirklich wusste, warum ich dort gelandet bin. Ich war vorher in einem Mädchenheim in Buchholz und habe mit 17 Jahren meine erste Liebe kennen gelernt. Daher bin ich ab und an mal Nachts weggeblieben um bei ihm zu sein. ( war natürlich nicht erlaubt – aber mal ehrlich – ich war bereits 17 Jahre und konnte ja schlecht meine Eltern m Erlaubnis fragen…) Nach 4 Tagen Bunker durfte ich dann laut damaliger Ärztin nach oben zu den anderen Heimkindern. Natürlich waren auch dort alle Türen verschlossen – aber immer noch besser als in der kleinen Zelle. Meine zugeteilte Arbeit war das Bloggern ( Blogger – eine Art Bohnerbesen). Wenn ich fertig war durfte ich in einem Raum mir den Schwarzen Kanal anschauen. Zum Duschen und Zähneputzen mussten wir uns immer in Reihe aufstellen, damit jedem entsprechend Zahnpasta auf unsere Zahnbürsten gegeben werden konnte. ( aber immer noch besser als unten im Isoraum, denn dort gab es ausserhalb der Zelle eine kleine Wand mit Waschbecken und Toilette und die Wärter haben einem zugeschaut … ) Beim Essen ( im Essenraum) durfte natürlich nicht gesprochen werden werden und wenn jemand beim Trinken den Ellenbogen abgespreitzt hat, musste die gesamte Gruppe zurück auf Ihr Zimmer ohne Essen und Trinken… Auf dem Dach von Alt-Stralau gab es eine Stunde Hofgang. Natürlich war ringsherum Stacheldraht, damit niemand fliehen konnte… Ich habe heute noch extrem damit zu kämpfen – werde diese Zeit wohl nie verarbeiten…:-(

      1. Es war 1977 in den Sommerferien als ich von Polizei u.Jugendhilfe nach Alt Stralau gebracht wurde.Man hatte mich einfach vom Spielplatz geholt….meinen Eltern unterstellte man eine asoziale Lebensführung…..das Schlimmste für mich waren die Gitter vor Fenster und Türen.Ich war in der Mädchen Kindergruppe.Es gab auch für Jugendliche Mädchen eine extra Gruppe.Wir haben eine Flucht geplant…mir und einer Jugendlichen ist es gelungen abzuhauen.Wir waren fast täglich auf dem Hof…es wurde immer abgezählt….danach bin ich auf ein erreichbares Dach geklettert und konnte im Hof eines benachbarten Altersheim wieder runter.Da Stralau eine Halbinsel ist,musste ich am Heim vorbei rennen…..ich rannte um mein Leben…naja lange war ich nicht frei….aber Ich dachte,schlimmer kann es nicht mehr werden….dann wurde ich früh geweckt…..Transport ins Kinderheim….mit Halt im Durchgangsheim Dresden.. ..das war noch viel schlimmer als Alt Stralau,viel schlimmer…..Ich denke oft an diese Zeiten weil diese verdammen Gitter und alles insgesamt,krank gemacht haben.Ich fühlte mich ausgeliefert und furchtbar alleine…….

  2. Hallo mein Name ist Wolfram und ich war 1979 in Alt Stralau genauer von Feb bis Juni und dann bin ich in Jugendwerkhof nach Rühn gekommen. Ab den Tag an als ich in D-Heim kam habe ich alles verloren nicht nur meine Kindheit, die habe Dich nicht nur mit Sport und das Gefühl du bist nix kaputt gemacht.

  3. Ich war auch in alt Stralau Anfang der 60er Jahre. Und suche seid den ganzen Jahren meine erste Liebe den Tim der zur gleiche Zeit da war. Freue mich riesig diese Seite entdeckt zu haben obwohl es mich auch traurig macht. Grüsse von Ute

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