Wehrhaft am Ostbahnhof

Selbstbewusste Schönheiten in einem Hauseingang in der Erich-Steinfurth-Straße. Foto Detlef Krenz
Selbstbewusste Schönheiten in einem Hauseingang in der Erich-Steinfurth-Straße

„Günstlinge des Mondes“

Für die bürgerliche Welt waren Haftentlassene vom „Verderbnis der niedrigen Klasse“ gekennzeichnet. Sie fanden weder Wohnungen, noch reelle Arbeit. Um ihnen solidarische Unterstützung zu geben, gründeten Ex-Häftlinge 1891 einen Verein. Sinn war, den Mitgliedern über Kontakte zu Kneipen und anderen Örtlichkeiten Jobs zu verschaffen. 1898 schlossen sich 12 solcher Vereine zum Dachverband „Ring Berlin“ zusammen. Hier organisierten sich Bettler, Einbrecher, Heiratsschwindler oder wie im „Apachenblut“ Zuhälter.  Junge Frauen, die am Schlesischen Bahnhof ankamen, gerieten oft in die Fänge der „Apachen“. Sie wurden, wenn sie sich „auffordernd“ verhielten, von der Polizei erkennungsdienstlich behandelt, zu „Kartenmädchen“.
Korruption, Erpressung, Schwarzmarktgeschäfte ließen den „Ring Berlin“ nach dem 1. Weltkrieg zum „Staat im Staate“, werden. Am 28. Dezember 1928 kam es in der Kneipe von Gastwirt Bach in der Madaistraße – das Haus wurde 1963 abgerissen – zu einer Schlägerei zwischen „Ringbrüdern“ und Hamburger Zimmerleuten. In der Kneipe „Kuhn“, in der Madaistraße 11, dem Lokal der „Friedrichshainer“ Brüder, trafen sich die Ringbrüder für eine Aktion gegen die Zimmerleute, die sich am Schlesischen Bahnhof zur Massenschlägerei mit Todesopfern entwickelte.
Nach einseitigen Polizeiermittlungen – der Konflikt war von den Zimmerleuten ausgegangen – und nach einer Massenverhaftung von Ringbrüdern engagierte das vermögende „Kartenmädchen“ Hulda Spindler und ihre Kolleginnen den Staranwalt Erich Frey und den berühmten Verteidiger Prof. Arlsberg. Mit Verweis auf die soziale Funktion der Ringvereine gelang es den Anwälten, die Beweislast umzukehren. Es folgten milde Strafen für die Ringbrüder. Zehn und fünf Monate auf Bewährung für zwei Angeklagte, die anderen sieben wurden freigesprochen.
Heute sieht man hier die „Shisha Ossi Bar“ oder die „Neue Bäckerei“ und fühlt sich ins einstige Hüttendorf am Kottbusser Tor versetzt.

Alle Fotos: Detlef Krenz

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