Hausversammlungen | Quelle: Rote Fahne

Essen und Miete

Luxus: Fließendes Wasser im Jahre 1932 | Quelle: Der Arbeiterfotograf
Fließendes Wasser in der Wohnung war auch 1932 noch ein Luxus. / Quelle: Der Arbeiterfotograf /

Solidarisch

Laut einer Gewerkschaftsstatistik lag 1932 die Arbeitslosigkeit weiblicher Arbeitnehmer bei 30 bis 35 % die der Männer 44 bis 46 %. Das SA-Blatt „Der Stürmer“, sah das als Zeichen einer „verfehlten Wirtschaftspolitik“ an. Dass die geringe Entlohnung der Frauen der Grund dieser statischen Verteilung war, verschwieg das Blatt. Es waren Frauen, die zum Mieterstreik gegen die hohen Mieten und gegen die Steuergeschenke an die Hausbesitzer aufriefen. Diesem Aufruf folgten alle Mieter der Koppenstraße 47, der Mierbachstraße 70, der Palisadenstraße 91, der Kleinen Markusstraße 22. In der Rigaerstraße 16 zahlten von 80 nur 4 Mieter. Schnell wurde eine „Mieterstreikleitung“ in der Breslauer Straße 5 eingerichtet. Ein „Zentral Ausschuss“ für alle 23 bestreikten Häuser, davon 6 in der Palisadenstraße, tagte in der Langestraße. Überall hingen Plakate „Erst den Magen, dann den Hauswirt“, „Erst Essen, dann Miete“. Die rechtliche Situation des Mieterstreiks war 1932 unklar. Die Streikleitung berief sich auf das Streik- und Koalitionsrecht. Etwas später verweigerten Gerichte den Mieterstreiks diesen Status. „Über diese Streiks wird keine Arbeitsleistung verweigert, sondern die Zahlung für eine genutzte Mietsache vorenthalten“, argumentierten die Richter. Widerstand Am 28. November 1932 kam der Gerichtsvollzieher in die Nummer 12 Weidenweg. Die fünf gekündigten Mieter sollten „Emittiert“ – zwangsweise geräumt werden. Wegen der Zustände machte das Haus auf die begleitenden Polizisten einen trostlosen Eindruck. Die Stadt Berlin hatte dem Besitzer Queck ein Darlehen von über 1.200 RM zur Sanierung des maroden Hauses zur Verfügung gestellt. Queck weigerte sich, den betreffenden Mietern den Gerichtsbeschluss zur Kündigung auszuhändigen. Nur auf die Mitteilung des Gerichtsvollziehers hin kam kein Mieter der Aufforderung nach. Ohne Vorlage dieses Räumungstitels durften sich die Mieter nicht beim Wohnungsamt als Wohnungssuchend melden. Vor dem Haus versammelten sich die Nachbarn und Mieter anderer Streikhäuser. Für die Beamten wurde die Situation bedrohlich. Doch der Gerichtsvollzieher zog ab, ohne die „Exmission“ zu vollstrecken. Ähnlich wie am Weidenweg verlief es in vielen anderen bestreikten Häusern. Der „Zentrale Mieterausschuss“, setzte sich aus Parteilosen, wie auch SPD- und KPD-Leuten zusammen. Er zählte im Januar 1933 Vertreter von über 3.300 Mieterräten. Eine genaue Zahl der bestreikten Häuser gibt es nicht. Bereits im Sommer 1919 waren in Berlin laut Presseberichten über 200.000 Menschen in den Mieter-Streik gegangen, ebenso 1921. Der Mieter-Streik von 1932/33 war jedoch der größte. Ergebnislos endete er mit der Machtübernahme der NS-Bewegung. Viele Aktivisten wurden verfolgt und kamen ins Gefängnis.

Gewaltsame Wohungsräumungen waren 1932 | Quelle: Der Arbeiterfotograf
Gewaltsame Wohungsräumungen waren 1932 an der Tagesordnung.
/ Quelle: Der Arbeiterfotograf /

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