Streik am Weidenweg.
Von
Herr Bartz, Portier des Hauses Weidenweg 12, weigerte sich, einen Aufruf zu entfernen. Am Morgen des 14. November 1932 prangte in großen und weißen Lettern über dem ersten Stock des Vorderhauses: „Erst den Magen, dann den Hauswirt.“ Der Hauswirt war ein Herr Ingenieur William Queck. Er wohnte in der Steglitzer Holsteinischen Straße. Die Nummer 12 war seine Neuerwerbung, 54 Familien im Vorderhaus und Seitenflügel auf jeweils 4 Stockwerken verteilt. Die Wohnungen, meistens Stube und Küche, sollten 24 bis 42 RM Miete einbringen. Teilweise waren einzelne Zimmer für 17,- bis 20,- RM monatlich vermietet. Herr Queck war verärgert. Nur drei Mieter zahlten, die anderen lagen weit im Rückstand. Er hatte eine „Hauszinssteuer“ zu überweisen. Seit 1924 wurde diese von allen Hausbesitzern erhoben, um den Neubau kommunaler Wohnungen zu finanzieren. Immerhin, so die Rechnung des Herrn Queck; er durfte diesen Steueranteil auf seine Mieter umlegen. Den Gesamtertrag der Mietzahlungen übergab er dem Finanzamt. Der Berliner Stadt-Haushalt schrieb aus der Gesamtsumme 850 Millionen RM dem Wohnungsneubau zu und für allgemeine Zwecke gleiche Summe. Jährlich 85 Millionen RM gingen steuerfrei zurück an die Vermieter. Diese sollten das Geld zum Erhalt der Häuser verwenden, was aber nicht vorgeschrieben war. Mieter, die nur 100 RM monatlich verdienten, blieben bis zum 1. April 1932 von Steuerzahlungen befreit. Um die Hausbesitzer auszuzahlen, wurde der Betrag ab dem 1. April 1932 auf 80 RM herabgesetzt. Da Herr Queck kaum Mieterträge erzielte, blieb die steuerfreie Rückzahlung aus. Kurzerhand kündigte er fünf seiner säumigsten Mieter.
Katastrophal
Herr Bartz, Portier der Nummer 12 Weidenweg, ging mit seiner Frau am Morgen des 14. November 1932 in den Streik. Für beide war es nicht mehr auszuhalten. Herr Queck ließ sich nie im Hause blicken und alle Konflikte hatte Frau Bartz zu erledigen. Sie erhielt aber bei zahllosen Streitigkeiten mit den Mietern keinerlei Unterstützung vom Besitzer. Herr Bartz kapitulierte im Angesicht der Lebensbedingungen im Haus. Regenwasser lief durch das undichte Dach in die Wohnungen. Keine Wohnung war zu verschließen, weil die Tür- schlösser fehlten. Die Kohleöfen waren unbenutzbar. Der alte Hausbesitzer hatte neue Öfen setzen lassen. Queck ließ die Ofentüren entfernen und provozierte damit eine massive Feuergefahr. Sämtliche Treppen und Flure waren aus Holz gebaut. Nur 6 Toiletten standen den Mietern zur Verfügung. Die anderen sanitären Anlagen waren unbrauchbar. Die Mieter verrichteten ihre Notdurft auf Eimern in den Wohnungen. Alle Mieter litten unter der Plage des Ungeziefers. Mütter stellten die Krippen mit ihren Babys in den Flur, um sie wenigstens etwas vor den Wanzen zu schützen, die in den Wohnungen über die Babys herfielen. Der Vorbesitzer des Hauses leitete eine Rekonstruktion des Hauses ein. Im Lauf der Wirtschaftskrise von 1929 ging ihm allerdings das Geld aus und war er gezwungen, das Haus billig zu verkaufen. Queck wusste um die Arbeitslosigkeit eines großen Teils der Mieter, die oft mit der Miete über ein halbes Jahr im Rückstand waren und kaum in der Lage, diesen Rückstand auszugleichen. Dennoch forderte Queck: „Erst die Miete, dann wird gebaut“.
Solidarisch
Laut einer Gewerkschaftsstatistik lag 1932 die Arbeitslosigkeit weiblicher Arbeitnehmer bei 30 bis 35 % die der Männer 44 bis 46 %. Das SA-Blatt „Der Stürmer“, sah das als Zeichen einer „verfehlten Wirtschaftspolitik“ an. Dass die geringe Entlohnung der Frauen der Grund dieser statischen Verteilung war, verschwieg das Blatt. Es waren Frauen, die zum Mieterstreik gegen die hohen Mieten und gegen die Steuergeschenke an die Hausbesitzer aufriefen. Diesem Aufruf folgten alle Mieter der Koppenstraße 47, der Mierbachstraße 70, der Palisadenstraße 91, der Kleinen Markusstraße 22. In der Rigaerstraße 16 zahlten von 80 nur 4 Mieter. Schnell wurde eine „Mieterstreikleitung“ in der Breslauer Straße 5 eingerichtet. Ein „Zentral Ausschuss“ für alle 23 bestreikten Häuser, davon 6 in der Palisadenstraße, tagte in der Langestraße. Überall hingen Plakate „Erst den Magen, dann den Hauswirt“, „Erst Essen, dann Miete“. Die rechtliche Situation des Mieterstreiks war 1932 unklar. Die Streikleitung berief sich auf das Streik- und Koalitionsrecht. Etwas später verweigerten Gerichte den Mieterstreiks diesen Status. „Über diese Streiks wird keine Arbeitsleistung verweigert, sondern die Zahlung für eine genutzte Mietsache vorenthalten“, argumentierten die Richter. Widerstand Am 28. November 1932 kam der Gerichtsvollzieher in die Nummer 12 Weidenweg. Die fünf gekündigten Mieter sollten „Emittiert“ – zwangsweise geräumt werden. Wegen der Zustände machte das Haus auf die begleitenden Polizisten einen trostlosen Eindruck. Die Stadt Berlin hatte dem Besitzer Queck ein Darlehen von über 1.200 RM zur Sanierung des maroden Hauses zur Verfügung gestellt. Queck weigerte sich, den betreffenden Mietern den Gerichtsbeschluss zur Kündigung auszuhändigen. Nur auf die Mitteilung des Gerichtsvollziehers hin kam kein Mieter der Aufforderung nach. Ohne Vorlage dieses Räumungstitels durften sich die Mieter nicht beim Wohnungsamt als Wohnungssuchend melden. Vor dem Haus versammelten sich die Nachbarn und Mieter anderer Streikhäuser. Für die Beamten wurde die Situation bedrohlich. Doch der Gerichtsvollzieher zog ab, ohne die „Exmission“ zu vollstrecken. Ähnlich wie am Weidenweg verlief es in vielen anderen bestreikten Häusern. Der „Zentrale Mieterausschuss“, setzte sich aus Parteilosen, wie auch SPD- und KPD-Leuten zusammen. Er zählte im Januar 1933 Vertreter von über 3.300 Mieterräten. Eine genaue Zahl der bestreikten Häuser gibt es nicht. Bereits im Sommer 1919 waren in Berlin laut Presseberichten über 200.000 Menschen in den Mieter-Streik gegangen, ebenso 1921. Der Mieter-Streik von 1932/33 war jedoch der größte. Ergebnislos endete er mit der Machtübernahme der NS-Bewegung. Viele Aktivisten wurden verfolgt und kamen ins Gefängnis.